Wenn es eine einzige Frage gibt, die jedem Burgführer an absolut jeder historischen Festung der Welt am häufigsten gestellt wird, dann ist es zweifellos diese: “Wo sind die Leute hier eigentlich auf die Toilette gegangen?”
Wir neigen stark dazu, das Leben in mittelalterlichen Burgen stark zu romantisieren. Wir stellen uns leuchtende Ritter in strahlenden Rüstungen vor, endlose, opulente Bankette an langen Eichentischen und die reine, höfische Liebe, die von Minnesängern besungen wird. Was wir uns jedoch selten vorstellen, ist der Geruch. Die Realität des täglichen Lebens in einer geschlossenen Festung, die oft mit Hunderten von Menschen (Soldaten, Dienern, Adligen) und unzähligen Tieren (Pferden, Schweinen, Hunden, Falken) vollgestopft war, war oft schlichtweg ekelhaft, gefährlich und unglaublich übelriechend. Dieser tiefe Einblick in die “Örtlichkeiten” (Conveniences) des Mittelalters offenbart eine harte Welt, in der die einfache Abfallentsorgung buchstäblich eine Frage von Leben und Tod war, und in der die primitive Toilette nicht selten der gefährlichste und unangenehmste Raum im gesamten Gebäude war.
Der Abtritt (Garderobe): Ein simples Loch im Steinboden
Die mittelalterliche Toilette in einer Burg wurde im englischen und französischen Sprachraum oft als Garderobe bezeichnet (im Deutschen auch als Abtritt, Danzker oder Heimlichkeit). Der Name stammt bezeichnenderweise vom französischen garder (aufbewahren oder hüten) und robe (Kleidung oder Gewand). Warum wurde die Toilette nach einem Kleiderschrank benannt? Weil die Menschen im Mittelalter fest daran glaubten, dass der stechende, beißende Geruch von Ammoniak aus den menschlichen Fäkalien ihre wertvolle Kleidung effektiv vor gefräßigen Motten, Flöhen und anderen Schädlingen schützen würde. Also hängten sie ihre teuersten Pelze, schweren Samtgewänder und feinen Wollsachen absichtlich direkt in den Toilettenschacht oder den Vorraum der Latrine. Ja, Sie haben richtig gelesen: Adlige Menschen liefen in der Burg umher und rochen absichtlich nach Latrine, nur um ihre sündhaft teure Kleidung vor Ungeziefer zu bewahren.
Architektonisch betrachtet war ein solcher Abtritt simpel, aber (meistens) effektiv:
- Die Kammer (The Chamber): Ein kleiner, oft erkerartiger Raum, der wie ein Balkon aus der dicken Burgmauer herausragte. Er war oft geschickt über dem Burggraben (Moat), einem steilen Abhang oder einem schnell fließenden Fluss (River) platziert. Diese Kammern waren in der Regel fensterlos, obwohl einige sehr schmale Schlitze zur Belüftung aufwiesen (was jedoch ein zweischneidiges Schwert war, da sie oft einfach nur eiskalten, pfeifenden Wind hereinließen und den Gestank nach innen drückten).
- Der Sitz (The Seat): Eine einfache, harte Steinbank oder – in den Gemächern der reicheren Burgherren – eine Holzbank mit einem runden Loch darin. Es gab keine U-Rohre zur Geruchsvermeidung, keine Wassertrennung, absolut keine Spülung (Flush) und kein Toilettenpapier (man benutzte Moos, Heu, Stroh oder Blätter). In höhergestellten, königlichen Abtritten fand man vielleicht einen schweren Steindeckel, um den beißenden Geruch etwas einzudämmen, wenn die Toilette nicht benutzt wurde, oder in seltenen Fällen sogar einen gepolsterten, stoffbezogenen Sitz, um den Komfort zu erhöhen.
- Der Schacht (The Chute): Ein langer, vertikaler Steinschacht, durch den alles senkrecht nach unten in die kalte Luft und schließlich in den Graben oder auf einen Misthaufen fiel.
Das Problem des “Rückstoßes” (Splashback) und des “Eingefrorenen Darms”
Das architektonische Design hatte offensichtliche und gravierende Fehler. Im harten mittelalterlichen Winter konnte ein starker Aufwind (Updraft) durch den offenen Schacht aus der eisigen Umgebung den Abtritt in eine Art Kühlschrank verwandeln. Dies führte zu dem berühmten und gefürchteten mittelalterlichen medizinischen Leiden des “eingefrorenen Darms” (Frozen Bowels) – im Wesentlichen eine extrem schmerzhafte, schwere Verstopfung, die durch das traumatische Erlebnis verursacht wurde, bei Minusgraden mit nackter Haut auf einem eiskalten Steinblock zu sitzen, während ein eisiger Wind von unten durch das Loch pfiff.
Außerdem ist die Schwerkraft an rauen Burgmauern nicht immer zu 100 % treffsicher. Die Exkremente fielen nicht immer sauber und direkt in den Abgrund. Oftmals strichen sie an den groben, unebenen Außenmauern der Burg entlang und bildeten riesige, unansehnliche braune Flecken, die manchmal noch heute an Ruinen zu sehen sind (obwohl in der Regel Jahrhunderte von starkem Regen sie längst weggewaschen haben). Diese charakteristische “Färbung” (Staining) war ironischerweise eine ernsthafte militärische und defensive Schwachstelle; feindliche Späher (Scouts) konnten die genaue Position der Toiletten (und damit eine mögliche Schwachstelle in der Verteidigung) schon aus meilenweiter Entfernung an der Verfärbung der Mauern erkennen.
Der Groom of the Stool (Der Kämmerer des Stuhls): Die ultimative, mächtige Intimität
Für den König oder den höchsten Burgherren war der Gang zur Toilette keine rein private, persönliche Angelegenheit, die man hinter verschlossenen Türen erledigte. Es war fast schon ein formeller Staatsakt. Der intimste (und, so seltsam es heute klingt, einer der begehrtesten) Jobs am gesamten königlichen Hof war der des Groom of the Stool (etwa: Kämmerer des königlichen Toilettenstuhls). Dieser hochrangige Höfling (Courtier), oft ein Adliger aus bestem Hause, war nicht etwa ein einfacher Diener, sondern verantwortlich für:
- Das Tragen der tragbaren Toilettenbox des Königs (den mit Samt bezogenen “Stool” oder Close-Stool).
- Die Hilfe für den König beim oft komplizierten Entkleiden seiner vielen Kleidungsschichten.
- Das Abwischen des königlichen Hinterns (mit weichen Leinentüchern).
- Die sorgfältige, medizinische Überwachung der Stuhlgänge des Königs auf frühe Anzeichen von Krankheiten, Würmern oder Verdauungsstörungen (Dietary Issues) und die detaillierte Berichterstattung darüber an den königlichen Leibarzt (Royal Physician).
Während dies für moderne Ohren zutiefst erniedrigend und eklig klingt, war es im mittelalterlichen und Tudor-England eine Position von absolut immenser politischer Macht. Der Groom war während seiner verletzlichsten und intimsten Momente völlig allein mit dem Monarchen, ohne andere störende Höflinge. Er wurde unausweichlich zu einem engen Vertrauten, einem Bewahrer königlicher Geheimnisse und oft zu einem entscheidenden politischen Berater. Männer wie Sir Henry Norris (der mächtige Groom of the Stool unter König Heinrich VIII. / Henry VIII) gehörten zu den wohlhabendsten, einflussreichsten und mächtigsten Männern in ganz England, die über Ländereien und Karrieren entschieden – bis der launische Heinrich ihn natürlich aufgrund politischer Intrigen hinrichten ließ.
Der Abtrittanbieter (The Gong Farmer): Der schlimmste Job in der Geschichte der Menschheit
Was geschah eigentlich mit dem ganzen Abfall am Fuß der Burgmauer? Im Idealfall fiel alles direkt in einen schnell fließenden Fluss und wurde vom Wasser weggespült (Out of sight, out of mind). Aber viele mächtige Burgen hatten trockene Burggräben (Dry Moats) oder tief ausgehobene Sickergruben (Cesspits). Diese Gruben füllten sich im Laufe der Monate unweigerlich. Irgendjemand musste sie regelmäßig von Hand leeren, um Seuchen zu verhindern.
Treten Sie ein in die Welt des Gong Farmers (Abtrittanbieters oder Nachtmanns).
Das altenglische Wort “Gong” (oder “Goung”) stand für “Gehen” (im Sinne von “auf die Toilette gehen”) oder schlichtweg für Dung / Exkremente. Der Gong Farmer war die unglückliche, gesellschaftlich geächtete Seele, deren knochenharte Aufgabe es war, die überquellenden Sickergruben mit Eimern und Schaufeln auszuschaufeln und den Inhalt auf Karren aus der Stadt oder Burg zu transportieren.
- Ausschließliche Nachtarbeit (Night Work): Per strengem Gesetz durften diese Männer nur nachts arbeiten, in der Regel zwischen 21:00 Uhr abends und 05:00 Uhr morgens, damit die “höfliche” Gesellschaft sie weder sehen, noch – noch wichtiger – ihren bestialischen Gestank ertragen musste. Sie lebten oft isoliert in speziell ausgewiesenen, ärmlichen Bereichen am äußersten Rand der Städte, weit weg von anständigen Bürgern, da der Geruch an ihnen und ihren Familien haftete.
- Die Bezahlung (The Pay): Überraschenderweise war es ein sehr gut bezahlter Job. Gerade weil es so unfassbar abstoßend (foul) und extrem gefährlich war (Männer starben regelmäßig an den giftigen Gasen, die in den Gruben entstanden, den sogenannten “mephitischen Dämpfen” oder Schwefelwasserstoff), verdienten Gong Farmer einen sehr anständigen Lohn – oft das Doppelte oder Dreifache dessen, was ein normaler Tagelöhner (Laborer) erhielt. Sie bekamen von ihren Arbeitgebern oft großzügige Rationen von starkem Alkohol (Ale oder Spirituosen) zugeteilt, um die Schicht in der Dunkelheit und dem Gestank überhaupt mental ertragen zu können.
- Die Lebensgefahr (The Danger): Es war nicht nur der unglaubliche Gestank, der das Leben schwer machte. Im Jahr 1326 fiel ein bekannter Londoner Gong Farmer namens Richard the Raker tragischerweise in eine tiefe Sickergrube, die er gerade reinigen sollte. Die dicke, ausgetrocknete Kruste auf der Oberfläche gab unter seinem Gewicht nach, und laut den historischen Aufzeichnungen “ertrank er schnell im Unrat” (drowned fast in the ordure). Ein grauenhafter Tod.
Hygiene-Mythen vs. Realität (Hygiene Myths vs. Reality)
Der Mythos: Menschen im Mittelalter waren pauschal dreckig, stanken immer und badeten grundsätzlich nie. Die Realität (Reality): Sie legten tatsächlich großen Wert auf persönliche Sauberkeit, nur eben nicht auf die exakt gleiche Weise, wie wir es im 21. Jahrhundert nach der Erfindung fließenden Wassers tun.
Öffentliche Badehäuser (sogenannte Stews oder Badestuben) waren in mittelalterlichen europäischen Städten extrem beliebt und wichtige soziale Treffpunkte, bis die grassierende Ausbreitung der Syphilis (die Franzosenkrankheit) im späten 15. und 16. Jahrhundert die Behörden zwang, sie aus Angst vor Ansteckung zu schließen. In vornehmen Burgen badeten der Burgherr (Lord) und die Dame (Lady) recht regelmäßig in großen, mobilen Holzzubern (Wooden Tubs). Diese Zuber wurden sorgfältig mit dicken, weichen Leinentüchern ausgekleidet, um den Adeligen vor schmerzhaften Holzsplittern im Hintern zu schützen. Das Badewasser wurde von Dienern mühsam in großen Kesseln über dem Küchenfeuer erhitzt und in die Gemächer getragen. Sie verwendeten durchaus Seife, die meist grob aus tierischem Fett (Talg), Holzasche und intensiv duftenden Kräutern (Scented Herbs) hergestellt wurde.
Allerdings existierte die moderne “Keimtheorie” (Germ Theory) noch nicht. Bakterien waren unbekannt. Die Menschen glaubten fest daran, dass extrem schlechte, faulige Gerüche (das Miasma) direkt die Ursache für schwere Krankheiten waren. Also warfen sie süßlich duftende Kräuter wie Lavendel, Mädesüß (Meadowsweet) und Rosmarin auf die Binsen auf dem Fußboden, um den allgegenwärtigen Gestank der Burg zu überdecken, in dem naiven Glauben, dass dieser Duft sie aktiv vor Krankheit schützen würde. Ironischerweise kontaminierten die extrem schmutzigen Bedingungen der Abtrittschächte oft das Grundwasser oder das lebenswichtige Brunnenwasser der Burg, was direkt zu Ruhr (Dysentery) führte – dem absoluten Todesursache Nummer eins für mittelalterliche Armeen und Burgbesatzungen. König Heinrich V. (Henry V), der unsterbliche, siegreiche Held der Schlacht von Agincourt, starb auf dem Höhepunkt seiner militärischen Macht kläglich an der Ruhr (damals oft als der “blutige Fluss” / Bloody Flux bezeichnet). Dies beweist eindrucksvoll, dass ein winziger Mikroorganismus im Wasser weitaus tödlicher war als der am schwersten gepanzerte französische Ritter auf dem Schlachtfeld.
Mittelalterliche Apotheke: Das Heilmittel war (oft) die Krankheit
In einer geradezu bizarren Wendung der Medizingeschichte waren menschliche und tierische Fäkalien (Waste) nicht nur ein lästiges Ärgernis; sie wurden als wertvolle medizinische Ressource betrachtet. Die mittelalterliche Medizin, die stark auf der antiken Theorie der Vier Säfte (Four Humors) basierte, verwendete Exkremente völlig unironisch in ihren ausgefallensten Heilmitteln.
- Adlerdung (Eagle Dung): Wurde oft in Wein gemischt und getrunken, um angeblich die extremen Schmerzen der Geburt (Childbirth) bei adligen Frauen zu lindern.
- Taubenkot (Dove Droppings): Wurde systematisch mit Honig vermischt und als Salbe direkt auf die Augen aufgetragen, um Blindheit oder grauen Star zu heilen (bitte, versuchen Sie das auf gar keinen Fall zu Hause, es führte oft zu schweren Infektionen).
- Urin (Urine): Wurde völlig routinemäßig als Antiseptikum zur intensiven Reinigung tiefer Schwert- oder Pfeilwunden verwendet. Interessanterweise hat dies tatsächlich eine medizinische Grundlage, da frischer Urin steril ist, wenn er den gesunden Körper verlässt, und der Ammoniak desinfizierend wirkt. Zudem wurde alter, abgestandener Urin aufgrund seines hohen Ammoniakgehalts in großem Maßstab in der Textilindustrie zum Bleichen von Wolle verwendet, was mittelalterliche Städte oft übel riechen ließ.
Der “Privy Garden” (Der heimliche Toilettengarten)
Es gibt eine sehr dunkle, ironische Komponente in der Geschichte der mittelalterlichen Burggärten (Castle Gardening). Das schönste, satteste, dichteste und grünste Gras auf dem gesamten Burggelände befand sich ironischerweise fast immer direkt am Fuß des Toilettenturms (Garderobe Tower). Der sogenannte “Privy Garden” (Privatgarten / Toilettengarten) wurde durch die unaufhörliche, tägliche Zufuhr von extrem reichem, organischem Dünger (Fertilizer), der von den Zinnen hoch oben herabfiel, massiv verbessert und genährt. Während der feine Lord und seine elegante Lady vielleicht in genau diesem Garten spazieren gingen, um die prachtvollen Blumen zu bewundern und tief die frische Luft einzuatmen, lustwandelten sie im Grunde genommen direkt auf ihrem eigenen, stark angereicherten Komposthaufen. Dieser endlose Kreislauf der Nährstoffe – vom üppigen Bankett in der Großen Halle, durch den menschlichen Körper, hinab in den Burggraben und wieder zurück in den fruchtbaren Boden, der das Gemüse nährte – war das völlig unbeabsichtigte, aber hocheffektive Ökosystem der mittelalterlichen Burg.
Die Toilette als tödliche militärische Waffe
Der Abtritt (Garderobe) war nicht nur ein Ort der Notdurft, er war auch ein eklatanter struktureller Schwachpunkt in der Verteidigung jeder Burg. Er war im Grunde ein direkter, ungeschützter vertikaler Tunnel, der oft von außen bis tief in das weiche, ungeschützte Herz der Festung führte.
- König Edmund II. (Edmund Eisenseite / Ironside): Einer hartnäckigen Legende zufolge wurde er im Jahr 1016 brutal ermordet, während er ahnungslos auf der Toilette saß. Ein skrupelloser Attentäter hatte sich tief unten im Fäkalienschacht versteckt, die Stunden des Gestanks ertragen und stach den König dann durch das Toilettenloch mit einem langen Speer von unten auf. Diese höchst unehrenhafte, aber effektive Methode der Ermordung (Assassination) kam in den nordischen Sagas und Chroniken erschreckend häufig vor.
- Die Belagerung von Château Gaillard (1204 / Siege of Château Gaillard): Die gewaltigen französischen Streitkräfte unter König Philipp II. (Philip II) eroberten diese angeblich uneinnehmbare Festung in der Normandie, die von Richard Löwenherz gebaut worden war. Wie? Indem sie einen sehr kleinen, agilen (und vermutlich geruchsresistenten) Soldaten dazu brachten, den engen, glitschigen Toilettenschacht der Burg hinaufzuklettern. Er drang so in das Innere der Burg (die Kapelle) ein, überraschte die Wachen, ließ die Zugbrücke (Drawbridge) herunter und öffnete der gesamten französischen Armee die Tore. Das verleiht der Redensart, sich “durch die Hintertür einschleichen” (sneaking in the back door), eine völlig neue, wörtliche Bedeutung.
- Die Belagerung von Harfleur (Siege of Harfleur): Während des berühmten Frankreichfeldzugs von Heinrich V. wurde die englische Armee nicht etwa durch feindliche Pfeile oder Schwerter dezimiert, sondern fast vollständig durch die grassierende Ruhr ausgelöscht. Die extrem schmutzigen, unhygienischen Bedingungen des Belagerungslagers (Siege Camp), in dem sich Tausende von Männern monatelang in offenen Gräben direkt neben ihrer eigenen Trinkwasserversorgung (Water Supply) erleichterten, forderten weitaus mehr englische Leben als die Franzosen.
Der große Gestank (The Great Stink)
Das massive Problem der menschlichen Abfälle (Waste) endete keineswegs mit dem Ende des Mittelalters. Es plagte die prächtigsten Schlösser, Burgen und ganze Paläste bis weit in das viktorianische Zeitalter hinein. Versailles, der unbestritten grandioseste, größte und prunkvollste Palast in ganz Europa, das Zentrum der Macht des Sonnenkönigs, war bekanntermaßen unfassbar schmutzig (famously filthy). Er verfügte über Tausende von kunstvoll verzierten Räumen, aber über fast keine funktionierenden Toiletten (es gab nur eine Handvoll Nachttöpfe für den engsten Kreis des Königs). Hunderte von Höflingen (Courtiers), Dienern und Besuchern erleichterten sich völlig ungeniert in den langen Korridoren, auf den Treppenabsätzen oder einfach hinter den schweren, bestickten Samtvorhängen. Der Gestank von Urin und Kot in Versailles galt im heißen französischen Sommer als absolut überwältigend und ließ ausländische Botschafter regelmäßig in Ohnmacht fallen. Es dauerte bis zum Großen Gestank von London (Great Stink of London) im heißen Sommer des Jahres 1858, als der Geruch der offenen Kloake namens Themse (River Thames) derart unerträglich wurde, dass sogar die Arbeit des britischen Parlaments (Parliament) unterbrochen werden musste (weil die Abgeordneten sich übergeben mussten). Erst diese Krise zwang die Gesellschaft zum Handeln, und die modernen, geschlossenen Abwassersysteme (Sewage Systems), wie wir sie heute kennen, wurden schließlich von brillanten Ingenieuren wie Joseph Bazalgette für die Großstädte entworfen und gebaut.