Das Windsor des Nordens
Alnwick Castle (ausgesprochen 'Ann-ick') ist die ultimative britische Festung. Es ist das zweitgrößte bewohnte Schloss im gesamten Vereinigten Königreich, übertroffen nur noch von Schloss Windsor, und dient seit über beeindruckenden 700 Jahren als stolzer Stammsitz der mächtigen Familie Percy, den Herzögen von Northumberland. Wenn man ein Kind bittet, eine klassische Ritterburg zu zeichnen, wird es höchstwahrscheinlich Alnwick zeichnen: massive, düstere Steintürme, zinnenbewehrte, bedrohliche Wehrmauern und versteinerte Krieger, die drohend auf den Dächern Wache stehen.
Doch für Millionen begeisterter Menschen auf der ganzen Welt ist dies nicht einfach nur ein historisches Schloss. Es ist die einzig wahre Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei. Alnwick spielte eine absolute Hauptrolle in den ersten beiden Harry-Potter-Filmen und zementierte damit für immer seinen legendären Platz in der modernen Popkulturgeschichte. Es ist ein wirklich einzigartiges Reiseziel, an dem man sich morgens intensiv über brutale mittelalterliche Kriegsführung informieren und nachmittags lernen kann, wie man elegant auf einem fliegenden Besen reitet.
Hogwarts: Szene für Szene
Für echte Potterheads (Harry-Potter-Fans) ist Alnwick buchstäblich heiliger Boden. Im krassen Gegensatz zu vielen anderen Filmkulissen, die künstlich in einem sterilen Studio errichtet wurden, kann man hier physisch an genau den Stellen stehen, an denen Daniel Radcliffe, Rupert Grint und Emma Watson die ikonischsten und unvergesslichsten Szenen aus Harry Potter und der Stein der Weisen sowie Harry Potter und die Kammer des Schreckens gedreht haben.
- Die erste Flugstunde (Der Äußere Burghof - Outer Bailey): Dieser riesige, bemerkenswert flache und grüne Innenhof ist für Fans sofort wiedererkennbar. Genau hier brachte Madame Hooch (gespielt von Zoë Wanamaker) den aufgeregten Erstklässlern bei, wie man einen fliegenden Besen kontrolliert. Es ist der exakte Ort, an dem der tollpatschige Neville Longbottom tragisch die Kontrolle über seinen Besen verlor und an dem Harry in einem spektakulären Sturzflug das Erinnermich fing. Heute finden genau an dieser historischen Stelle die offiziellen "Besenflug-Trainings" (Broomstick Training) des Schlosses statt. Es ist ein herrlich chaotischer, äußerst amüsanter Anblick, erwachsenen Menschen dabei zuzusehen, wie sie enthusiastisch in die Luft springen, während ein als 'Professor' verkleideter Mitarbeiter Fotos schießt, um die perfekte optische Täuschung des Fliegens zu erzeugen.
- Die Bruchlandung (Der Innere Burghof - Inner Bailey): In Die Kammer des Schreckens verpassen Harry und Ron dramatisch den Hogwarts-Express am Bahnhof King's Cross und fliegen kurzerhand mit dem verzauberten fliegenden Ford Anglia zur Schule. Sie landen jedoch mit einem lauten Krachen unsanft in den peitschenden Ästen der Peitschenden Weide. Während der aggressive Baum selbst natürlich eine brillante CGI-Animation aus dem Computer war, sind die massiven Steinmauern, in die sie beim Anflug fast hineingekracht wären, die absolut echten, historischen Mauern des Inneren Burghofs von Alnwick.
- Der Löwenbogen (The Lion Arch): Dieser prächtige, imposante steinerne Torbogen, der von zwei wachsamen Steinlöwen flankiert wird, war der oft genutzte Hauptausgang, den Harry, Ron und Hermine stets passierten, um zu Hagrids abgelegener Hütte oder in den dunklen, Verbotenen Wald zu gelangen. Heute ist es einer der beliebtesten und meistfotografierten Orte für begeisterte Fans, die die berühmten Spaziergänge des heldenhaften Trios originalgetreu nachstellen möchten.
Der Giftgarten (The Poison Garden): Pflanzen, die töten
Nur einen sehr kurzen, gemütlichen Spaziergang von den massiven Burgmauern entfernt befindet sich The Alnwick Garden, ein atemberaubendes modernes Gartenmeisterwerk, das von der aktuellen Herzogin von Northumberland (der Duchess of Northumberland) visionär angelegt wurde. Die mit Abstand berühmteste, aber auch berüchtigtste Attraktion dieser weitläufigen Anlage ist zweifellos der Poison Garden (Der Giftgarten).
Streng gesichert hinter massiven schwarzen Eisentoren, die über und über mit unheilvollen Totenkopfsymbolen und der unmissverständlichen Warnung "Diese Pflanzen können töten" (These Plants Can Kill) verziert sind, verbirgt sich eine absolut tödliche botanische Sammlung von über 100 hochgradig giftigen, stark berauschenden und stark narkotischen Pflanzen. Dies ist keine billige Touristenfalle oder ein Halloween-Scherz. Besuchern wird unter Androhung strengster Strafen befohlen: "Nicht anfassen, nicht riechen, nicht probieren." In den heißen Sommermonaten kommt es regelmäßig vor, dass unvorsichtige Besucher beim einfachen Spaziergang durch die Anlage allein vom Einatmen der giftigen Dämpfe in Ohnmacht fallen.
Dieser außergewöhnliche und brandgefährliche Garten beherbergt unter anderem:
- Rizin (Wunderbaum/Castor Bean): Der amtierende Guinness-Weltrekordhalter für die mit Abstand giftigste Pflanze der Welt. Ein einziger winziger Same dieser Pflanze reicht aus, um ein Kind qualvoll zu töten.
- Strychnin (Brechnuss/Strychnos nux-vomica): Das absolute Lieblingsgift der Schurken in den klassischen Kriminalromanen von Agatha Christie. Es blockiert die Nervenbahnen und verursacht äußerst gewaltsame, schmerzhafte Muskelkrämpfe und letztendlich einen absolut furchterregenden Tod durch Ersticken.
- Eisenhut (Wolfsbane/Aconitum): Diese Pflanze wurde historisch oft dazu verwendet, die Spitzen von Pfeilen für die gefährliche Wolfsjagd extrem giftig zu machen. In der dunklen europäischen Folklore gilt sie zudem als die einzige wirksame Verteidigung gegen Werwölfe.
- Cannabis, Schlafmohn & Magic Mushrooms: Diese stark psychoaktiven Pflanzen werden im Garten unter einer sehr speziellen, streng limitierten Sonderlizenz des britischen Innenministeriums (UK Home Office) zu rein pädagogischen Zwecken angebaut. Um Diebstahl (oder versehentliches, lebensgefährliches Verschlucken) strikt zu verhindern, werden sie oft sicher in großen, stabilen Metallkäfigen gehalten.
- Die Selbstmordpflanze (Gympie-Gympie): Eine extrem gefährliche australische Pflanze, die zur Sicherheit aller streng in einer verschlossenen Glasvitrine aufbewahrt wird. Ihre winzigen, unscheinbaren Brennhaare geben ein starkes Neurotoxin ab, das so unvorstellbar schmerzhaft ist, dass Opfer bekanntermaßen Selbstmord begangen haben, nur um die unerträglichen Qualen endlich zu beenden.
Das echte Game of Thrones: Die Familie Percy
Die reale Geschichte der einflussreichen Familie Percy ist weitaus blutiger, grausamer und dramatischer als jede ausgedachte Fernsehserie. Über viele Jahrhunderte hinweg waren sie faktisch die unumstrittenen Könige des Nordens in allem außer dem offiziellen Titel. Sie waren die wichtigsten und mächtigsten Verteidiger der hart umkämpften schottischen Grenze, und ihre schiere militärische Macht und ihr Reichtum bedrohten oft sogar die britische Krone selbst.
Das mit Abstand berühmteste und berüchtigtste Mitglied dieser Dynastie war Harry "Hotspur" Percy (der 1364 direkt in Alnwick geboren wurde). Er war der am meisten gefürchtete und respektierte Ritter seiner gesamten Generation, weithin berühmt für seine unglaubliche Geschwindigkeit und extreme Aggressivität in der Schlacht (daher auch der treffende Spitzname "Heißsporn", der ihm von seinen verhassten schottischen Feinden gegeben wurde). Er half zunächst tatkräftig dabei, König Heinrich IV. auf den begehrten Thron zu setzen, rebellierte aber wenig später erbittert gegen ihn. Er wurde schließlich in der blutigen Schlacht von Shrewsbury im Jahr 1403 getötet. Die Legende besagt hartnäckig, er sei so unglaublich tapfer gewesen, dass der König persönlich über seinem leblosen Körper weinte, bevor er ihn grausam vierteilen und seinen abgetrennten Kopf zur Abschreckung auf einem Pfahl in York aufspießen ließ. Der große William Shakespeare verewigte ihn später literarisch als den feurigen, ungestümen Rivalen von Prinz Hal in seinem berühmten Drama Heinrich IV., Teil 1.
Downton Abbey & Transformers
Die illustre Filmkarriere von Alnwick endete keineswegs mit Harry Potter. Das majestätische Schloss brillierte auch als Brancaster Castle in zwei großartigen Weihnachtsspecials der britischen Erfolgsserie Downton Abbey (Staffel 5 und 6). Die adlige Familie Crawley besuchte das Schloss passenderweise zur traditionellen schottischen Moorhuhnjagd-Saison. Die überaus verschwenderischen und luxuriösen Prunkräume (State Rooms), die man in der Serie so bewundern kann, sind absolut echt und keine Kulissen.
Darüber hinaus hatte das Schloss auch einen denkwürdigen Auftritt in dem Hollywood-Blockbuster Transformers: The Last Knight als feudaler Wohnsitz von Sir Edmund Burton (brillant gespielt von Sir Anthony Hopkins). Riesige, computeranimierte Autobots in der historischen, altehrwürdigen Schlossbibliothek stehen zu sehen, war ein wahrlich surrealer und unvergesslicher Moment in der Kinogeschichte. Die Bibliothek selbst ist ein absoluter architektonischer Höhepunkt; sie beherbergt fast 14.000 wertvolle, antiquarische Bücher und besitzt eine atemberaubende Decke, die üppig mit echtem Blattgold leuchtet.
Die Prunkräume (The State Rooms): Ein italienischer Palast im hohen Norden
Der Wechsel von den rauen, oft windgepeitschten und kühlen Außenhöfen in die opulenten Prunkräume ist für jeden Besucher ein absoluter Kulturschock. Während die trutzige Außenseite lautstark "Mittelalterliche Festung" ruft, flüstert das Innere geradezu "Italienischer Renaissance-Palast".
Im 19. Jahrhundert beschloss der 4. Herzog von Northumberland, dass er es endgültig satt hatte, in einem kalten, zugigen und feuchten mittelalterlichen Schloss zu leben. Er engagierte ohne auf die Kosten zu achten die besten italienischen Handwerker seiner Zeit, um das gesamte Interieur radikal umzugestalten. Heute sind die Wände mit teuerster Seide bespannt, die opulenten Decken sind kunstvoll kassettiert und reich vergoldet, und die geräumigen Zimmer sind mit einer der feinsten und wertvollsten privaten Kunstsammlungen des gesamten Landes gefüllt. Besucher können hier unschätzbare Meisterwerke von Tizian, Van Dyck, Canaletto und Tintoretto bewundern. Achten Sie bei Ihrem Rundgang besonders auf die sogenannten Cucci-Kabinette — unglaublich prächtige, mit feinsten Intarsien versehene Schränke, die ursprünglich exklusiv für König Ludwig XIV. von Frankreich für dessen Palast in Versailles angefertigt wurden.
Wichtige Tipps für Besucher
- Besenflug-Training (Broomstick Training): Dieses absolut einmalige Erlebnis ist zwar in Ihrer Eintrittskarte bereits enthalten, wird aber streng nach dem Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" vergeben. Sobald Sie das Schlossgelände betreten, sollten Sie sich sofort zum Äußeren Burghof (Outer Bailey) begeben, um sich einen der begehrten Zeitfenster zu sichern. Diese Aktivität ist bei Groß und Klein unglaublich beliebt und oft schnell ausgebucht.
- Das Baumhaus-Restaurant (The Treehouse Restaurant): Dieses Restaurant befindet sich im angrenzenden Alnwick Garden und ist stolz darauf, das größte hölzerne Baumhaus der Welt zu sein. Es beherbergt ein exzellentes Restaurant mit einem gemütlichen, prasselnden offenen Kamin in der Mitte und wurde fantastisch um lebende, wachsende Lindenbäume herum gebaut. Eine Tischreservierung viele Wochen im Voraus ist hier absolut unerlässlich, wenn Sie dort speisen möchten.
- Kombitickets (Combined Tickets): Das Schloss (Castle) und der Garten (Garden) werden von zwei völlig separaten Stiftungen (Trusts) unabhängig voneinander verwaltet. Der Kauf eines speziellen Kombitickets spart zwar Geld, aber seien Sie gewarnt: Sie benötigen mindestens einen vollen Tag (etwa 5 bis 6 Stunden), um beide Attraktionen auch nur annähernd angemessen sehen zu können. Wenn Sie nur einen halben Tag Zeit haben, entscheiden Sie sich besser für nur eine der beiden Sehenswürdigkeiten, um nicht durchhetzen zu müssen.