Der Stein der Beredsamkeit
Blarney Castle ist weltweit vor allem für eine einzige, ganz bestimmte Sache berühmt: den legendären Blarney Stone (Stein von Blarney). Eine uralte irische Legende besagt hartnäckig, dass absolut jeder, der diesen unscheinbaren Block aus karbonischem Kalkstein küsst, auf der Stelle mit dem beneidenswerten "Gift of the Gab" (der Gabe der Beredsamkeit oder der Kunst der überzeugenden Schmeichelei) gesegnet wird. Seit nunmehr über 200 Jahren haben Millionen von hoffnungsvollen Pilgern – von weltberühmten Staatsmännern wie Sir Winston Churchill bis hin zu Rocklegenden wie Mick Jagger – die steilen, abgetretenen Steinstufen erklommen, um ihm einen Kuss zu geben.
Doch Blarney Castle auf diesen einen touristischen Trick zu reduzieren, wird diesem faszinierenden Ort absolut nicht gerecht. Es handelt sich hierbei um eines der am besten erhaltenen, weitläufigsten und wahrhaft magischsten mittelalterlichen Anwesen in ganz Irland. Weit über den wuchtigen steinernen Bergfried hinaus erstrecken sich viele Hektar uralter, mystischer Druidengärten, geheimnisvolle dunkle Höhlen, Beete voller tödlicher Giftpflanzen und ein grandioses, voll ausgestattetes Herrenhaus im schottischen Baronialstil, das von den meisten eiligen Besuchern oft völlig übersehen wird.
Wie man den Stein küsst (Die Akrobatik)
Diesen berühmten Stein zu küssen, ist bei weitem nicht so einfach, wie es im ersten Moment vielleicht klingen mag. Der Stein ist nämlich hoch oben in die Außenmauer direkt unterhalb der Zinnen eingelassen, gut 25 Meter (85 Fuß) über dem harten Erdboden. Man kann nicht einfach gemütlich darauf zugehen und ihm einen Schmatzer aufdrücken. Stattdessen muss man ein ziemlich furchteinflößendes, akrobatisches Manöver vollführen.
Der genaue Ablauf ist wie folgt:
- Man muss sich auf dem Dach der Burg flach auf den Rücken auf eine bereitliegende Matte legen.
- Man greift mit beiden Händen fest nach zwei eisernen Haltestangen, die sich hinter dem Kopf befinden.
- Dann muss man seinen Kopf und Oberkörper mutig rückwärts und abwärts in den dunklen Spalt der Maschikulis (die mittelalterlichen Pechnasen oder Mörderlöcher) lehnen.
- In dieser extrem unangenehmen, kopfüber hängenden Position, während man direkt auf den 25 Meter tiefer liegenden Boden starrt, küsst man schließlich die Unterseite des Steins.
Die dunkle Legende der Hexe von Blarney
Das riesige Anwesen ist zutiefst durchtränkt von alter irischer Folklore, insbesondere von den vielen unheimlichen Geschichten rund um die sogenannte Blarney Witch (Hexe von Blarney). Man erzählt sich seit Generationen, dass sie eine extrem mächtige Zauberin ist, die bereits seit vielen Jahrhunderten verborgen auf den weiten Ländereien der Burg lebt.
Die lokale Legende besagt, dass diese Hexe tagsüber durch einen alten Fluch in dem sogenannten Witch Stone (Hexenstein) gefangen ist. Dies ist ein gewaltiger, verwitterter Felsbrocken im Bereich des 'Rock Close', der, wenn man ihn aus dem richtigen Winkel betrachtet, auf unheimliche Weise dem verhärmten Profil eines alten Hexengesichts ähnelt. Im deutlichen Gegensatz zu vielen anderen gefangenen Hexen in Märchen ist sie jedoch nicht grundlegend böse; sie sehnt sich lediglich nach ihrer verlorenen Freiheit. Es ist ihr nur gestattet, den Stein zu verlassen, nachdem die dunkle Nacht hereingebrochen ist.
Wenn Sie frühmorgens (idealerweise noch lange vor den ersten großen Touristenbussen) auf dem Gelände ankommen, sollten Sie zielstrebig zur Witch's Kitchen (Hexenküche) gehen. Dies ist eine dunkle, natürliche Höhle, die sich direkt unter dem massiven Wurzelwerk eines nachweislich 600 Jahre alten Eibenbaums befindet. Die Einheimischen schwören, dass man dort frühmorgens noch immer die schwach glimmende Glut des Feuers sehen kann, das sie in der Nacht zuvor entzündet hat, um sich in der Kälte aufzuwärmen. Es war genau diese mysteriöse Hexe, die der Legende nach Cormac MacCarthy (dem damaligen Lord von Blarney) von den wundersamen Kräften des Steins erzählte – als großen Dank dafür, dass er sie heldenhaft vor dem Ertrinken im nahen See gerettet hatte.
Der Rock Close: Ein mystisches Paradies der Druiden
Der sogenannte Rock Close ist zweifellos der mit Abstand magischste, friedlichste und atmosphärischste Teil des gesamten Anwesens. Es ist ein echtes Meisterwerk der Landschaftsgestaltung, das im 18. Jahrhundert genial rund um massive, natürliche Felsformationen und uralte, knorrige Eibenbäume angelegt wurde. Viele glauben fest daran, dass sich genau hier einst eine uralte, heilige Siedlung und ein wichtiger Kultplatz der keltischen Druiden befanden.
Hier in diesem verwunschenen Garten finden Sie unter anderem:
- Die Wunschtreppe (The Wishing Steps): Eine extrem schmale, moosbedeckte und oft rutschige Steintreppe, die direkt in den rohen Kalksteinfelsen gehauen wurde. Die Legende hierzu ist sehr spezifisch und herausfordernd: Wenn Sie diese Treppe hinabsteigen und anschließend mit fest geschlossenen Augen rückwärts wieder hinaufgehen, während Sie sich dabei völlig ungestört auf einen einzigen, tiefen Wunsch konzentrieren, dann wird dieser Wunsch innerhalb von genau einem Jahr und einem Tag in Erfüllung gehen. Seien Sie gewarnt: Es ist wesentlich schwieriger und wackeliger, als es aussieht!
- Der Druidenkreis (The Druid's Circle): Ein runder, mystischer Kreis aus niedrigen, bemoosten Steinen, der sich zutiefst uralt und stark spirituell aufladen anfühlt.
- Der Dolmen (The Dolmen): Ein beeindruckendes sogenanntes "Portalgrab" (Portal Tomb), das aus einem absolut gigantischen, tonnenschweren Felsbrocken besteht, der scheinbar mühelos auf mehreren viel kleineren Steinen ausbalanciert ist. Obwohl es auf den ersten Blick wie ein echtes, prähistorisches Relikt aussieht, halten es einige Historiker für durchaus möglich, dass es von den sehr ästhetikbewussten Landschaftsgärtnern des 18. Jahrhunderts als romantisches "Folly" (künstliche Ruine) dort arrangiert wurde.
Der faszinierende Giftgarten (The Poison Garden)
Gut versteckt und durch hohe eiserne Gitter gesichert, direkt hinter den wuchtigen Burgzinnen, befindet sich der extrem faszinierende Poison Garden (Giftgarten). Er beherbergt eine sehr sorgfältig kuratierte, aber absolut tödliche Sammlung der gefährlichsten Giftpflanzen aus der ganzen Welt. Dieser spezielle Garten wurde angelegt, um Besucher aktiv über die dunkle, tödliche Seite der Natur und die historische Verwendung von Giften in der Medizin und bei Morden aufzuklären.
Der Garten enthält hochgiftige Pflanzen wie Eisenhut (Wolfsbane), die legendäre Alraune (Mandrake), Rizin (Wunderbaum), Schlafmohn (Opium Poppies) und sogar Cannabis. Überall im Garten warnen große, unübersehbare Schilder die Besucher eindringlich: "Nicht anfassen, nicht riechen, nicht essen!" Einige der absolut toxischsten und gefährlichsten Exemplare werden sogar in großen, verschlossenen Eisenkäfigen gehalten – jedoch nicht etwa, um die Pflanzen am Ausbrechen zu hindern, sondern ausschließlich, um allzu neugierige oder leichtsinnige Touristen vor einer fatalen Vergiftung zu schützen. Ein Spaziergang hier ist eine sehr eindringliche Erinnerung daran, dass in der freien Natur atemberaubende Schönheit sehr oft den schnellen Tod maskiert.
Das Rätsel der Dachshöhle (Badger's Cave)
Direkt unter den massiven Fundamenten der Burg erstreckt sich ein weitläufiges, dunkles Netzwerk aus natürlichen Kalksteinhöhlen. Die mit Abstand berühmteste und geschichtlich relevanteste davon ist die Badger's Cave (Dachshöhle). Sie spielte eine absolut entscheidende, kriegsentscheidende Rolle während der langen und brutalen Belagerung der Burg durch die starken Truppen von Oliver Cromwell im Jahr 1646.
Als Cromwells gnadenloser General, Lord Broghill, nach wochenlangem, schwerem Artilleriebeschuss endlich die mächtigen Mauern der Burg durchbrach, stürmte er triumphierend hinein, in der festen Erwartung, die adlige MacCarthy-Familie und vor allem ihr sagenumwobenes, massivgoldenes Tafelgeschirr endlich gefangen zu nehmen. Doch zu seiner maßlosen Enttäuschung fand er die riesige Burg völlig verlassen vor. Die gesamte Garnison sowie die Familie waren in einer geheimen Nacht-und-Nebel-Aktion heimlich durch das weitverzweigte System der Badger's Cave entkommen und hatten den gesamten Goldschatz mit sich genommen. Das Gold wurde bis zum heutigen Tag niemals gefunden. Die lokale Legende besagt hartnäckig, dass der Schatz in der Eile in die tiefsten, dunkelsten Tiefen des nahen Blarney Lake geworfen wurde und dass heute auf dem Grund des trüben Wassers drei von MacCarthys ehemals besten, stärksten Preisbullen als geisterhafte Wächter über dem Gold stehen.
Blarney House: Viktorianischer Luxus
Nur einen kurzen, angenehmen Spaziergang von etwa 200 Metern von der eigentlichen Burgruine entfernt, steht das absolut prächtige Blarney House. Es ist ein grandioses Herrenhaus im schottischen Baronialstil, das im Jahr 1874 erbaut wurde. Es ist sehr leicht zu übersehen, wenn man nur stur auf den berühmten Stein fixiert ist, aber der kleine Umweg lohnt sich definitiv.
Während die alte Burg eine rohe, mittelalterliche Ruine ist, ist das House ein fantastisch restauriertes, durchgehend bewohntes und warmes Familienheim (die Adelsfamilie Colthurst residiert hier noch immer). In den warmen Sommermonaten ist es für die Öffentlichkeit zur Besichtigung freigegeben. Das prunkvolle Innere gleicht einer echten Zeitkapsel der reichen viktorianischen Aristokratie und ist bis unter die Decke gefüllt mit ernsten Ahnenporträts, riesigen, wertvollen Wandteppichen und allerfeinsten antiken Möbeln. Es bietet eine völlig andere, geradezu luxuriöse Atmosphäre – echten "Downton Abbey"-Luxus im direkten, faszinierenden Kontrast zu der rauen, abweisenden "Game of Thrones"-Wildheit der alten Burgruine.
Tipps für Ihren Besuch
- Vermeiden Sie die erdrückenden Massen: Blarney Castle ist eine der absolut meistbesuchten Touristenattraktionen in ganz Irland. In der absoluten Hochsaison im Sommer kann die Warteschlange vor dem Kussstein leicht 2 Stunden oder länger dauern. Gehen Sie daher strikt direkt zur Öffnung um 9:00 Uhr morgens dorthin, oder warten Sie entspannt bis nach 16:00 Uhr, wenn die großen, lauten Touristenbusse das Gelände wieder verlassen haben.
- Das richtige Schuhwerk: Der mühsame Aufstieg zur Spitze der Burg umfasst mehr als 120 abgenutzte Steinstufen auf einer sehr engen, dunklen Wendeltreppe. Es ist steil, manchmal feucht und oft rutschig. Tragen Sie daher unbedingt flache, bequeme Schuhe mit einer sehr guten, rutschfesten Profilsohle.
- Das weitläufige Anwesen: Machen Sie nicht den großen Fehler, nur schnell den Stein zu küssen und dann sofort wieder abzufahren. Das gesamte Schlossgelände umfasst riesige 60 Hektar und beinhaltet unter anderem einen wunderschönen Farngarten (Fern Garden), ein weites Arboretum voller seltener Bäume und den idyllischen Seeweg (Lake Walk). Planen Sie für das volle Erlebnis unbedingt mindestens 3 bis 4 Stunden ein.