Der eiserne Wächter von Lissabon
Von fast jedem belebten Platz und jeder engen Gasse in der Innenstadt (Baixa) von Lissabon aus sichtbar, nimmt das Castelo de São Jorge (Die Festung des Heiligen Georg) den höchsten Hügel der Stadt ein — und das seit über zwei Jahrtausenden. Dieser Ort ist buchstäblich die historische Wiege von Lissabon – ein markanter Ort, der seit nunmehr über zwei Jahrtausenden ununterbrochen befestigt und militärisch genutzt wird. Sie ist ein tief verwurzeltes Symbol der portugiesischen Nationalität und Widerstandsfähigkeit. Wenn Besucher heute oben auf ihren alten Zinnen stehen, haben sie die absolute Kontrolle über das mit Abstand spektakulärste 360-Grad-Panorama der gesamten Hauptstadt: Ein endloses, gewelltes Meer aus roten Terrakotta-Dächern, die strahlend weißen, runden Kuppeln alter Kirchen und die glitzernde, breite Fläche des Flusses Tejo, der sich träge bis hinaus in den unendlichen Atlantischen Ozean erstreckt. Während das Schloss heute ein friedlicher Ort der Freizeit und Erholung ist, an dem stolze, farbenfrohe Pfauen völlig frei zwischen den duftenden Pinien umherstreifen, hallen seine dicken, alten Steine noch immer vom Lärm blutiger Belagerungen, dunkler königlicher Intrigen und der gewaltsamen Geburt eines ganzen Königreichs wider.
Geschichte: Von den stolzen Mauren zu den ersten Monarchen
Der immense strategische und militärische Wert dieses speziellen Hügels wurde von den Machthabern erkannt, lange bevor das Schloss seine heutige, wuchtige Form annahm. Archäologen haben hier bei Ausgrabungen klare Spuren sehr früher Siedlungen aus der Eisenzeit gefunden, gefolgt von Überresten der Römer, Westgoten und schließlich der Mauren. Die steinerne Burgstruktur, die wir heute jedoch am deutlichsten erkennen können, ist größtenteils islamischen Ursprungs. Sie wurde um die Mitte des 11. Jahrhunderts von den Mauren erbaut, die damals die reiche Region Al-Andalus beherrschten. Für sie war diese Anlage die sogenannte 'Alcáçova' (Die Zitadelle), eine extrem stark befestigte, elitäre Stadtburg. Sie beherbergte den maurischen Gouverneur und die städtische Elite und bot gleichzeitig der geschäftigen, lauten Medina (dem heutigen, verwinkelten Stadtteil Alfama) direkt unterhalb der Mauern militärischen Schutz.
Der absolute, historische Wendepunkt für die Burg und das ganze Land kam im Jahr 1147. Dom Afonso Henriques, der erste offizielle König von Portugal, belagerte Lissabon massiv mit der unerwarteten, aber hochwillkommenen militärischen Hilfe von schwer bewaffneten Kreuzrittern aus Nordeuropa, die sich eigentlich nur auf dem Durchreiseweg ins Heilige Land befanden. Nach einer extrem aufreibenden, brutalen und blutigen Belagerung, die vier lange Monate andauerte, fiel die Stadt schließlich – ein absolut entscheidender Schlüsselmoment in der langen Geschichte der Reconquista (der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel). Um die wichtige Hilfe der englischen Kreuzritter bei dieser großen Eroberung für immer zu ehren, wurde die neu eroberte Festung feierlich dem Heiligen Georg (São Jorge), dem offiziellen Schutzpatron von England, gewidmet.
Für die darauffolgenden vier Jahrhunderte blieb die Burg das unangefochtene, absolute Machtzentrum des Landes. Sie wurde nach und nach aufwendig in einen prunkvollen Königspalast (den Paço da Alcáçova) umgewandelt. Genau in diesen Mauern empfing König Manuel I. im Jahr 1499 feierlich den Entdecker Vasco da Gama nach dessen erfolgreicher, weltverändernder Seereise nach Indien – ein Moment, der den offiziellen Beginn des unglaublich reichen portugiesischen 'Zeitalters der Entdeckungen' (Século de Ouro) markierte. Ebenfalls hier führte der berühmte Dramatiker Gil Vicente seine allerersten Theaterstücke vor dem Hof auf. Im frühen 16. Jahrhundert jedoch verlagerte der Königshof seinen Hauptsitz in einen neuen, moderneren Palast direkt unten am Ufer des Flusses (an der heutigen Praça do Comércio), und die alte, kühle Burg auf dem Berg begann langsam, aber sicher an politischer Bedeutung zu verlieren und zu verfallen. Die absolute Katastrophe ereignete sich schließlich durch das verheerende Große Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755, welches fast die gesamte historische, mittelalterliche Struktur der Burg zerstörte. Jahrzehntelang lag der einst so stolze Ort in Trümmern und wurde nur noch als einfache, zweckmäßige Militärkaserne genutzt. Erst in den 1940er Jahren, unter der strengen, nationalistischen Diktatur des 'Estado Novo' (Neuer Staat) unter Salazar, wurde ein extrem massives, patriotisches Restaurierungsprojekt gestartet, das die alten Festungsmauern wieder aufbaute und dem Schloss seine imposante, mittelalterliche Erhabenheit zurückgab.
Architektur: Eine wehrhafte Zitadelle mit elf Türmen
Das Castelo ist ein absolutes Paradebeispiel (Lehrbuchbeispiel) für rein zweckmäßige militärische Architektur. Es wurde ganz offensichtlich und ausschließlich für die brutale Verteidigung und nicht etwa für den höfischen Komfort seiner Bewohner konzipiert. Die gesamte befestigte Anlage erstreckt sich heute über eine Fläche von etwa 6.000 Quadratmetern. Das unerschütterliche Herzstück des gesamten Komplexes ist die eigentliche innere Zitadelle, die nochmals durch eine zusätzliche Barbakane (ein vorgeschobenes Verteidigungswerk) und einen tiefen, trockenen Burggraben extrem gesichert ist. Eine komplexe Serie von alten Steinstufen und steinernen Wehrgängen verbindet die Ringmauern miteinander und ermöglicht es Besuchern heute, fast den gesamten äußeren Umfang der hohen Festungsmauern zu umrunden.
Die Wachtürme der Festung
Die weite Burg prahlt mit insgesamt elf massiven, rechteckigen Türmen. Der absolut wichtigste und wehrhafteste unter ihnen ist der Torre de Menagem (Der Bergfried oder Keep), der stets als die allerletzte, ausbruchssichere Festung (Reduit) der Kommandeure bei einer Erstürmung diente. Ein weiterer, historisch extrem bedeutender Turm ist der Torre do Tombo. In diesem gut gesicherten Turm befand sich einst das absolut wichtigste, königliche Nationalarchiv von Portugal (obwohl das Archiv mittlerweile in ein modernes Gebäude umgezogen ist, hat es ironischerweise diesen alten Namen bis heute beibehalten). Der sogenannte Torre de Ulisses (Der Odysseus-Turm) beherbergte in frühen Zeiten den königlichen Staatsschatz und wichtige Dokumente; heute hingegen enthält er eine faszinierende Camera Obscura (ein Periskop). Diese clevere, optische Linse projiziert live und in Echtzeit einen faszinierenden, detaillierten 360-Grad-Blick auf die wuselige Stadt direkt auf eine große, konkave weiße Fläche im dunklen Turm und bietet Besuchern so eine völlig einzigartige, spionageartige Perspektive auf das geschäftige Treiben im heutigen Lissabon.
Die archäologische Ausgrabungsstätte und das Museum
Gut geschützt innerhalb der alten Burgmauern befindet sich eine sehr umfangreiche, noch immer aktive archäologische Ausgrabungsstätte (das Nucleo Museologico). Sorgfältige, jahrzehntelange Ausgrabungen haben hier die vielen historischen Schichten des Hügels förmlich freigelegt – vergleichbar mit den Schichten einer steinernen Lasagne der Zivilisationen. Besucher können hier deutlich die sichtbaren Grundmauern des alten maurischen Wohnviertels (aus dem 11. Jahrhundert) sowie die noch viel älteren Fundamente der eisenzeitlichen Siedlung (aus dem 7. Jahrhundert v. Chr.) betrachten. Diese Ruinen geben ein konkretes Bild vom Alltagsleben der Menschen, die diesen Hügel bewohnten, lange bevor die christlichen Eroberer eintrafen. Das integrierte, kleine Museum vor Ort zeigt viele der spannenden Artefakte, die bei genau diesen Ausgrabungen gefunden wurden, darunter feine islamische Keramik, grobe eiserne Werkzeuge und alte Münzen, die alle massiv dabei helfen, die extrem lange, komplexe Zeitleiste dieses historischen Hügels in einen verständlichen Kontext zu setzen.
Das dunkle Tor des Verrats (Porta da Traição)
Ein weiteres, extrem interessantes und etwas unheimliches architektonisches Detail ist das oft übersehene sogenannte "Tor der Verräter" (Porta da Traição). Gut versteckt und schwer einsehbar in der massiven Nordmauer gelegen, wurde dieses kleine Ausfalltor (Posterne) traditionell hauptsächlich für geheime Botengänge im Schutz der Dunkelheit oder für diskrete, schnelle Fluchten genutzt. Sein äußerst düsterer, bedrohlicher Name deutet unweigerlich darauf hin, dass es in der Vergangenheit möglicherweise von Feiglingen, Deserteuren oder Verrätern genutzt wurde, um feindliche Truppen heimlich in die Burg zu lassen. In der harten Realität der mittelalterlichen Belagerungskriegsführung waren solche versteckten kleinen Tore jedoch ein absolut standardmäßiges, unverzichtbares Merkmal von fast allen großen Festungen, um plötzliche, überraschende Ausfälle (Sorties) gegen eine Belagerungsarmee durchzuführen.
Lokale Legenden: Der unglaubliche Heldenmut des Martim Moniz
Die mit absolutem Abstand bekannteste, langlebigste und am meisten gefeierte Legende rund um das Castelo de São Jorge ist die dramatische Geschichte von Martim Moniz. Während der extrem harten, zermürbenden Belagerung der Burg im Jahr 1147 kämpften die christlichen Streitkräfte verzweifelt und scheinbar erfolglos darum, die massiven, schier unbezwingbaren maurischen Verteidigungsmauern zu durchbrechen. Die Überlieferung erzählt, dass Martim Moniz, ein tapferer Ritter von adliger Herkunft, in der Hitze des Gefechts plötzlich bemerkte, wie sich eine sehr kleine, versteckte Holztür in den dicken Burgmauern einen winzigen Spalt breit öffnete, um einigen flüchtenden, maurischen Verteidigern hastig den Wiedereinlass zu gewähren. Er erkannte die einmalige, entscheidende Chance sofort und stürmte ohne zu zögern auf das Tor zu. Völlig allein und unter einem ohrenbetäubenden, tödlichen Hagel von Pfeilen und Steinen warf er seinen eigenen, gepanzerten Körper mit voller Wucht direkt in den sich schließenden Spalt und verkeilte sich fest zwischen der schweren Holztür und dem steinernen Türrahmen. Er wurde bei dieser Aktion unweigerlich zu Tode gequetscht, aber sein ultimatives, selbstloses Opfer verhinderte erfolgreich, dass die Tür vollständig verriegelt werden konnte. Dies ermöglichte es seinen nachrückenden Mitstreitern, die Tür endgültig aufzustemmen, in den Hof einzudringen und die Festung schließlich zu erobern. Bis zum heutigen Tag ist genau dieses Tor auf der Anlage offiziell als die 'Porta de Martim Moniz' bekannt – ein dauerhafter, steinerner Tribut an den Mann, der sein Leben für die Eroberung von Lissabon gab.
Praktische Reiseinformationen für Ihren Besuch
Die Anreise zur Festung
Das weite Schlossgelände befindet sich ganz oben im Herzen des historischen, verwinkelten Viertels Alfama. Der Fußweg hinauf zur Spitze des Hügels ist extrem steil, oft heiß und sehr anstrengend. Die mit Abstand malerischste, klassischste und knieschonendste Art der Anreise ist daher die Fahrt mit der weltberühmten, gelben historischen Straßenbahn Tram 28. Diese rattert und quietscht sich mühsam durch die extrem engen, steilen Gassen der Altstadt nach oben. Steigen Sie am besten an der malerischen Haltestelle 'Miradouro de Santa Luzia' aus und gehen Sie das letzte, kurze Stück zu Fuß den Berg hinauf. Alternativ können Sie auch den speziellen, modernen Kleinbus 'Castelo' (Linie 737) nehmen, der seine Passagiere sogar noch etwas näher an den eigentlichen Haupteingang bringt.
Das Erlebnis vor Ort
Das Castelo ist ohne jeden Zweifel eine der mit Abstand populärsten, am meisten besuchten Sehenswürdigkeiten in ganz Portugal, weshalb die Warteschlangen vor dem Ticketschalter besonders im Sommer extrem lang sein können. Die Anlage ist an sieben Tagen in der Woche für Besucher geöffnet, in den warmen Sommermonaten (von März bis Ende Oktober) typischerweise von 9:00 Uhr morgens bis 21:00 Uhr abends, und in den Wintermonaten meistens bis 18:00 Uhr. Die absolut beste, magischste Zeit für einen Besuch ist definitiv der späte Nachmittag, um ganz oben auf den Mauern den atemberaubenden Sonnenuntergang über dem Fluss Tejo zu beobachten, wenn das Licht die ganze Stadt in einen warmen, goldenen Glanz taucht. Innerhalb der weiten Festungsmauern finden Sie wunderschöne, schattige Gärten, die dicht mit heimischen Baumarten wie dicken Korkeichen und alten Olivenbäumen bepflanzt sind. Hier lebt auch eine sehr große, dauerhafte und überraschend zahme Population von Pfauen, die oft lautstark auf sich aufmerksam machen. Es gibt zudem ein ausgezeichnetes kleines Restaurant und ein charmantes Café direkt innerhalb der Mauern, die es Ihnen ermöglichen, ein kühles Glas Wein zu trinken, während Sie die uralte Geschichte des Ortes in sich aufsaugen. Das riesige Schlossgelände beherbergt erstaunlicherweise sogar noch ein kleines, echtes Wohnviertel, das sogenannte Bairro do Castelo. Hier leben noch heute ganz normale einheimische Familien in kleinen Häusern direkt innerhalb der antiken, dicken Burgmauern, was dem ansonsten so historischen Monument ein absolut faszinierendes, authentisches und extrem lebendiges Element verleiht.