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Château de Saumur

Château de Saumur

📍 Saumur, Frankreich 📅 Gebaut im Jahr 962

Das echte Schloss aus dem alten Manuskript

Wenn Sie jemals ein Buch über europäische mittelalterliche Kunst aufgeschlagen haben, dann haben Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch schon das Château de Saumur gesehen. Es ist exakt jenes prächtige Schloss, das so detailreich und farbenfroh im Kalenderblatt für den Monat September in den berühmten Très Riches Heures du Duc de Berry (dem wohl mit Abstand berühmtesten illuminierten Stundenbuch des gesamten 15. Jahrhunderts) abgebildet ist. Es ist absolut bemerkenswert und faszinierend: Das Schloss, wie es heute stolz und weithin sichtbar hoch oben über dem breiten Fluss Loire thront, sieht immer noch fast absolut identisch aus wie jenes Gebäude, das vor über 600 Jahren auf das Pergament gemalt wurde. Mit seinem strahlend hellen, cremig-weißen Tuffeau-Stein (Kalktuff), den schieferblauen, steilen Dächern und den verspielten, mit echtem Blattgold verzierten Wetterfahnen ist Saumur der absolut perfekte Archetyp eines romantischen Märchenschlosses.

Aber Saumur ist weitaus mehr als nur ein schönes, zweidimensionales Bild. Es ist ein wahrer Überlebenskünstler der Geschichte. Im Laufe der Jahrhunderte war es eine harte, abweisende Festung, ein extrem opulenter Palast für den Hochadel, ein düsteres, gefürchtetes Gefängnis für Staatsfeinde und sogar ein rein funktionales Arsenal für Waffen und Munition. Heute ist die gut erhaltene Anlage eine hochoffizielle UNESCO-Weltkulturerbestätte und ein unverzichtbares, markantes Wahrzeichen des gesamten Loire-Tals, das noch immer wachsam über die historische Stadt Saumur und ihre weltberühmten, weiten Weinberge blickt.

Die mächtigen Herzöge von Anjou und das Goldene Zeitalter

Obwohl dieser strategisch wichtige Ort bereits seit dem frühen 10. Jahrhundert stark befestigt war (ursprünglich durch Thibault le Tricheur, den Grafen von Blois), ist das atemberaubende Schloss, das wir heute so bewundern, größtenteils das direkte Werk der ehrgeizigen Herzöge von Anjou aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Herzog Ludwig I. von Anjou leitete die massive, teure Transformation ein und begann damit, die alte, raue militärische Festung systematisch in einen sehr viel komfortableren Wohnpalast umzubauen. Es war jedoch letztendlich sein kunstsinniger Enkel, der weithin bekannte "Gute König René" (König René von Anjou), der dem Bauwerk wirklich seinen unverkennbaren, bleibenden Stempel aufdrückte.

René war ein durch und durch kultivierter Mann – ein begabter Schriftsteller, ein passionierter Maler und ein extrem großzügiger Liebhaber der schönen Künste. Unter seiner weichen Herrschaft entwickelte sich Saumur schnell zu einem berühmten "Schloss der Liebe" (Château d'amour), einem absolut zentralen, elitären Treffpunkt für opulente Ritterturniere, tagelange Feste und königliche Romanzen. Er trieb die noch laufenden Bauarbeiten massiv voran und sorgte akribisch dafür, dass die Architektur des Schlosses genau so ästhetisch schön wie militärisch stark war. Die markanten, achteckigen Ecktürme und das unglaublich feine, filigrane gotische Maßwerk (Tracery) der großen Fenster stammen exakt aus dieser goldenen Periode und spiegeln perfekt den langsamen, fließenden architektonischen Übergang von der rein funktionalen, dunklen Militärarchitektur des rauen Mittelalters hin zu dem weitaus feineren, dekorativen Stil der beginnenden französischen Renaissance wider.

Die dunklen Jahre: Die unbezwingbare Bastille des Westens

Dieses prunkvolle Goldene Zeitalter währte jedoch leider nicht ewig. Unmittelbar nach dem Tod von König René ging das Schloss in den festen, direkten Besitz der französischen Krone über. Bis zum 17. Jahrhundert, speziell unter der absoluten Herrschaft von König Ludwig XIV. (dem Sonnenkönig), waren seine glamourösen Tage am Hofe endgültig gezählt. Das einst so fröhliche Schloss wurde gnadenlos in ein düsteres Staatsgefängnis umgewandelt – eine schreckliche Rolle, die es für die nächsten zwei Jahrhunderte unfreiwillig spielen sollte. Hochrangige politische Gefangene, Adlige und Dissidenten wurden hier oft völlig ohne jeden Gerichtsprozess einfach auf Basis sogenannter lettres de cachet (königlicher, blanko unterzeichneter Haftbefehle) auf unbestimmte Zeit weggesperrt. Zu den mit Abstand berüchtigtsten, historisch bekanntesten Bewohnern dieser kalten Kerker zählte unter anderem der skandalöse Marquis de Sade, der im Jahr 1768 für eine kurze, aber unangenehme Zeit hier gefangen gehalten wurde.

Während der extrem verlustreichen Napoleonischen Kriege (Peninsular War) wurden die feuchten, tiefen Kerker des Schlosses buchstäblich bis zum Bersten mit britischen Matrosen und gegnerischen Soldaten gefüllt, die auf den Schlachtfeldern in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Die vielen verzweifelten Namen und extrem detailreichen, gekratzten Zeichnungen von Kriegsschiffen (Graffiti), die von diesen armen Gefangenen mühsam mit Nägeln und Steinen in die weichen, weißen Kalksteinwände der Zellen geritzt wurden, können von aufmerksamen Besuchern noch heute deutlich gesehen werden – eine absolut eindringliche, Gänsehaut verursachende Erinnerung an ihre lange, hoffnungslose Gefangenschaft.

Nachdem die dunkle Zeit als Staatsgefängnis endlich vorüber war, wurde das Schloss vom Militär übernommen und diente profan als Waffenarsenal und einfache Kaserne für die reguläre französische Armee. Während genau diese Nutzung das dicke Mauerwerk zumindest vor dem endgültigen, totalen physischen Verfall bewahrte, bedeutete sie leider auch, dass die einst so feinen, wunderschönen Innenräume von den Soldaten völlig entkernt, umgebaut oder schlichtweg rücksichtslos vernachlässigt wurden. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaufte die Stadtverwaltung von Saumur die stark beschädigte Anlage schließlich an und begann mit dem extrem langwierigen, teuren und komplizierten Prozess der sorgfältigen historischen Restaurierung.

Das nationale Pferdemuseum (Musée du Cheval)

Die Stadt Saumur ist weltweit absolut unbestritten als die offizielle, elitäre Reitsport-Hauptstadt Frankreichs bekannt, da sie die sehr stolze Heimat der hochangesehenen Cadre Noir (der nationalen militärischen Reitschule) ist. Es ist daher mehr als nur passend, dass das Schloss heute in seinen oberen Stockwerken das exzellente Museum des Pferdes (Musée du Cheval) beherbergt. Dieses spezielle, extrem faszinierende Museum zeigt eine völlig einzigartige, sehr umfangreiche Sammlung von Reitsportartefakten, die der leidenschaftliche Graf Charles Lair in den frühen 1900er Jahren in der ganzen Welt zusammengetragen hat.

Die weitreichende Sammlung zeichnet extrem detailliert die gesamte, komplexe historische Entwicklung der globalen Reitkunst (Horsemanship) über alle Kontinente hinweg nach. Sie können hier exotische, aufwendig verzierte Sättel aus dem fernen Japan, aus Russland, aus Afrika und natürlich auch aus Nord- und Südamerika aus nächster Nähe bewundern. Hinzu kommen unzählige Gebisse, alte Steigbügel und scharfe Sporen aus nahezu jeder historischen Epoche. Die Ausstellung untersucht auf sehr tiefgreifende Weise die oft so intensive, untrennbare und lebenswichtige Beziehung zwischen Mensch und Pferd in den Bereichen der brutalen Kriegsführung, der schweren Landwirtschaft bis hin zum modernen Sport und der Freizeitgestaltung. Selbst wenn Sie absolut kein erfahrener Reiter sind, ist die reine handwerkliche Qualität und die unglaubliche Finesse der hier ausgestellten Leder- und Metallarbeiten absolut außergewöhnlich und zutiefst beeindruckend.

Das Museum für feine dekorative Kunst (Musée des Arts Décoratifs)

Zusätzlich zur Pferdeausstellung beherbergt das Schloss in seinen unteren Sälen auch das große städtische Museum für dekorative Kunst. Diese sehr feine Sammlung zeichnet sich besonders durch eine der qualitativ absolut hochwertigsten und umfassendsten Ausstellungen für klassische Keramik (Fayence) und wertvolle Wandteppiche (Tapisserien) in ganz Frankreich aus. Die alten Räume, die das Militär zuvor so gründlich all ihrer originalen, königlichen Möbel beraubt hatte, sind nun endlich wieder mit glänzenden Schätzen und Kunstwerken gefüllt, die den extrem luxuriösen Lebensstil des alten Hofes von Anjou wieder lebendig evozieren. Die riesige, bunte Tapisserie-Sammlung ist dabei von ganz besonderer, unschätzbarer Bedeutung. Diese gewaltigen, handgewebten Szenen aus dem 15. bis zum 18. Jahrhundert hängen schwer an den Mauern und helfen wunderbar dabei, die ansonsten oft so kühlen, weißen und hallenden Steinwände optisch und akustisch extrem aufzuwärmen.

Architektur und die dramatische Restaurierung

Eines der mit Abstand dramatischsten und schockierendsten Ereignisse in der allerjüngsten, modernen Geschichte des Schlosses ereignete sich völlig unerwartet im Jahr 2001, als in der Nacht ein riesiger, tonnenschwerer Teil des nördlichen, äußeren Verteidigungswalls einfach in sich zusammenbrach und in die Tiefe stürzte. Diese architektonische Beinahe-Katastrophe offenbarte schonungslos die enorme, zuvor unerkannte Fragilität des weichen Tuffeau-Steins sowie die stark instabile Natur des geologischen Hügels selbst, auf dem die Anlage ruht. Der Einsturz war der sofortige Auslöser für ein absolut gigantisches, fast ein Jahrzehnt andauerndes, millionenschweres und extrem komplexes staatliches Restaurierungsprojekt.

Diese Restaurierungsarbeiten waren unfassbar aufwendig. Speziell ausgebildete Steinmetze (Masons) mussten absolut authentische, mittelalterliche Techniken anwenden, um die verwitterten Steine millimetergenau zu ersetzen, ohne dabei die Struktur weiter zu schwächen, und die gesamten, riesigen Dachflächen wurden aufwendig und traditionell komplett neu mit glattem Schiefer (Slates) eingedeckt. Ein absolut visuelles, weithin sichtbares Highlight dieser langen Restaurierung war zweifellos die teure Neuvergoldung der historischen Wetterfahnen mit echtem Blattgold. Die sogenannte Epi de Faîtage (die feine Firstverzierung) auf dem höchsten Punkt des Herzogsturms ist kunstvoll in Form eines großen, goldenen Baumes gestaltet – sie symbolisiert in ihrer Form den stolzen und weit verzweigten königlichen Stammbaum des mächtigen Hauses Anjou.

Dunkle und romantische Legenden von Saumur

Wie absolut jede gute, altehrwürdige Burg hat natürlich auch Saumur seine ganz eigenen, lokalen Legenden. Eine sehr bekannte, flüsternd erzählte Geschichte berichtet von einem angeblich extrem langen, tief verborgenen Geheimgang. Dieser Tunnel soll angeblich direkt vom tiefen Brunnen der Burg aus kerzengerade unter dem Flussbett der Loire hindurch bis zu einem alten, verlassenen Kloster auf der exakt anderen Seite des Flusses führen. Obwohl es in dieser vom Kalkstein geprägten Region in der Tat Tausende von künstlichen, feuchten Höhlen und echten Tunneln gibt (die von den Einheimischen sehr gerne und traditionell für die lukrative Pilzzucht oder als natürlich klimatisierte Weinkeller genutzt werden), wurde trotz intensivster, archäologischer Suche bis zum heutigen Tag absolut niemals ein funktionierender Tunnel gefunden, der tatsächlich den gesamten, breiten Fluss unterquert hätte.

Eine weitere, recht düstere Legende rankt sich speziell um das sogenannte "Zimmer der Könige" (Room of the Kings). Es wird behauptet, dass gleich drei große, französische Könige – Karl VII., Ludwig XI. und Karl VIII. – während ihrer Aufenthalte auf der Burg alle in genau demselben prächtigen Gemach schliefen (natürlich nicht zur selben Zeit!). Dieser spezielle Raum wird der lokalen Überlieferung nach noch heute regelmäßig von dem weinenden, ruhelosen Geist eines jungen, neugierigen Dieners heimgesucht. Dieser unglückliche Diener soll angeblich zur Strafe für das heimliche Belauschen von streng geheimen, königlichen Gesprächen extrem grausam und bei lebendigem Leibe hinter die dicken Steinwände des Zimmers eingemauert worden sein.

Wichtige Reisetipps für die Planung Ihres Besuchs

Das imposante Château de Saumur thront extrem hoch oben, direkt über den Dächern der Altstadt, und bietet seinen Besuchern unbestritten einen der absolut allerbesten, unverbautesten Panoramablicke im gesamten malerischen Loire-Tal.

  • Die atemberaubende Aussicht: Von der breiten, sonnigen Schlossterrasse (dem sogenannten "Belvedere") aus haben Sie einen perfekten, absolut ungestörten Blick auf den eleganten, breiten Schwung der Loire, auf die alten, steinernen Brücken und auf die Dächer der historischen Altstadt tief unter Ihnen. Es ist ein absolut unvergleichlicher, perfekter Ort, um an einem warmen Abend den Sonnenuntergang über dem Tal zu fotografieren.
  • Der Zugang zur Burg: Sie können das Schlossgelände zwar ganz bequem direkt mit dem eigenen Mietwagen anfahren (es gibt einen gut ausgeschilderten, großen Parkplatz direkt an der Anlage). Der Fußweg von unten aus dem Stadtzentrum hinauf zur Burg ist zwar sehr steil und manchmal schweißtreibend, führt Sie aber wunderbar authentisch direkt durch sehr charmante, extrem enge historische Gassen und wunderschön gepflegte Terrassengärten.
  • Die Reiter des Cadre Noir: Um das wirklich reiche, tiefe und weltberühmte Reitsport-Erbe der Stadt Saumur absolut vollständig zu erfassen und zu würdigen, sollten Sie Ihren Schlossbesuch unbedingt mit einer offiziellen, sehr informativen Führung durch die nahen, berühmten Stallungen der Cadre Noir Reitschule kombinieren.
  • Veranstaltungen und Feste: Vor allem in den Sommermonaten veranstaltet die Burg sehr oft spektakuläre "Sound and Light"-Shows (Son et Lumière) an den Fassaden sowie extrem bunte, laute mittelalterliche Feste. Ein ganz absolutes Highlight im späten Sommer ist zudem das traditionelle historische Weinlesefest (Grape Harvest Festival) im September, welches die Ernte der Trauben feiert und die Bilder aus dem mittelalterlichen Manuskript für ein Wochenende wieder voll zum Leben erweckt.

Das Château de Saumur steht heute als ein absolut makelloses, stolzes Beispiel für die extreme Eleganz der Valois-Ära. Es ist ein historisches Bauwerk, das in seiner langen Geschichte gezwungenermaßen sehr viele, extrem unterschiedliche Masken getragen hat – als verschwenderischer Palast, als eiskaltes Gefängnis und als reine Festung –, aber es hat dabei glücklicherweise absolut niemals seine königliche, steinerne Würde verloren. Es bleibt auch heute noch der unangefochtene, extrem stolze Wächter der Loire und lädt jeden Besucher herzlich dazu ein, physisch direkt in die Seiten eines aufregenden, alten Geschichtsbuchs zu treten.