Der Garten Frankreichs: Ein atemberaubendes Meisterwerk der Renaissance
Das majestätische Château de Villandry nimmt eine völlig einzigartige Sonderstellung unter allen Schlössern im gesamten Loire-Tal ein. Während die allermeisten anderen Anlagen primär für ihre wuchtige Architektur, ihre berühmten königlichen Bewohner oder ihre blutige politische Geschichte berühmt sind, ist Villandry weltweit fast ausschließlich für seine Erde bekannt – oder vielmehr für das, was so kunstvoll in ihr wächst. Es ist die unangefochtene Heimat der mit Abstand prächtigsten, aufwendigsten Renaissance-Gärten in ganz Frankreich. Dieses botanische und geometrische Wunderland aus hunderten von Gemüsesorten und bunten Blumen zieht jedes Jahr zehntausende begeisterte Gärtner, Landschaftsarchitekten und Landschaftsfotografen aus allen Teilen des Globus magisch an. Das Schlossgebäude selbst ist das historisch allerletzte der großen, prächtigen Renaissance-Paläste, die jemals an den fruchtbaren Ufern der Loire errichtet wurden. Es wurde im Jahr 1536 von dem reichen Jean Le Breton, dem mächtigen Finanzminister unter König Franz I., stolz fertiggestellt.
Im völligen Kontrast zu den oft absurden, extremen königlichen Extravaganzen eines Chambord oder den dramatischen Spielereien von Chenonceau besticht Villandry durch einen viel schlichteren, reineren und durch und durch französischen Architekturstil. Dieser zeichnet sich ganz besonders durch seine extrem steilen, markanten Schieferdächer und den fast völligen Verzicht auf pompöse, italienische Ornamente an der Fassade aus. Doch das absolut wahre, unbezahlbare Meisterwerk der Anlage liegt zweifellos direkt außerhalb der dicken Steinmauern. Die weiten Gärten sind im Grunde genommen ein riesiges, lebendiges Gemälde, das mit jeder Jahreszeit kontinuierlich seine Farben und Stimmungen wechselt. Dieses empfindliche Kunstwerk wird das ganze Jahr über von einem hochqualifizierten, engagierten Team aus zehn Meistergärtnern mit fast schon eiserner Disziplin akribisch gepflegt, um zu jedem Zeitpunkt eine absolute, symmetrische Perfektion zu gewährleisten.
Die Geschichte: Eine Lebensaufgabe aus purer Liebe
Das weite Anwesen selbst blickt auf eine extrem lange, abwechslungsreiche und historisch bedeutende Geschichte zurück. Genau hier, innerhalb der alten, dicken Mauern der ursprünglichen mittelalterlichen Festung (von der heute faszinierenderweise nur noch der massive, dunkle Bergfried als stummer Zeuge erhalten geblieben ist), trafen sich im Jahr 1189 König Philipp August von Frankreich und der legendäre englische König Richard Löwenherz hochoffiziell, um nach blutigen Schlachten endlich über Frieden zu verhandeln. Im 16. Jahrhundert kaufte schließlich der bereits erwähnte Jean Le Breton die alte, abweisende Burg auf und ließ sie fast bis auf die Grundmauern abreißen und völlig neu aufbauen. Sein einziges Ziel war es, seine tiefe, fast schon obsessive Liebe zum Gartenbau – die maßgeblich durch die eleganten, symmetrischen italienischen Gärten inspiriert war, welche er auf seinen vielen diplomatischen Missionen in Italien bewundert hatte – der ganzen Welt stolz zu präsentieren.
Es ist jedoch eine historisch extrem wichtige Tatsache, dass die absolut makellosen Gärten, die wir heute in all ihrer Pracht sehen können, in Wirklichkeit eine aufwendige, akribische Nachbildung (Rekreation) aus dem frühen 20. Jahrhundert sind. Im Laufe der dunklen Jahrhunderte, besonders während der Französischen Revolution, wurden die empfindlichen originalen Renaissance-Gärten völlig zerstört, umgepflügt und schließlich durch einen wild wuchernden, formlosen englischen Landschaftsgarten ersetzt, was im 19. Jahrhundert dem vorherrschenden, romantischen Modegeschmack entsprach. Im Jahr 1906 wurde das stark verwilderte, fast schon verfallene Anwesen schließlich von dem brillanten Joachim Carvallo gekauft. Er war ein hoch angesehener spanischer Arzt, brillanter Wissenschaftler und Forscher. Er verliebte sich bei seinem allerersten Besuch dermaßen unsterblich in Villandry, dass er kurzentschlossen seine gesamte, vielversprechende wissenschaftliche Karriere aufgab und sein gesamtes Leben (sowie sein komplettes, beträchtliches privates Familienvermögen) fast fanatisch der Aufgabe widmete, die Anlage wieder exakt in ihren ursprünglichen, historischen Glanz zurückzuversetzen. Unter der Verwendung von uralten archäologischen Beweisen auf dem Gelände und staubigen, alten historischen Bauplänen erschuf er in unermüdlicher, jahrelanger Knochenarbeit die hochkomplexen, geometrischen Gärten völlig neu aus dem Nichts. Auch heute, über 100 Jahre später, ist es sein Urenkel Henri Carvallo, der das Schloss liebevoll besitzt und managt und so persönlich garantiert, dass Joachims großartige, grüne Vision für alle zukünftigen Generationen absolut intakt und lebendig erhalten bleibt.
Die Gärten: Ein lebendiges, atmendes Mosaik
Die weiten Gärten sind extrem klug auf drei stark abfallenden, terrassierten Ebenen angelegt, wobei jede einzelne Ebene einem völlig anderen, spezifischen und tiefgründigen botanischen Thema gewidmet ist. Sie lassen sich mit absolutem Abstand am besten und eindrucksvollsten von der kleinen Aussichtsplattform (Belvedere) im hoch gelegenen Wald darüber oder direkt vom obersten Stockwerk des massiven Schlossturms aus bewundern. Nur von genau diesen erhöhten Punkten aus entfalten sich die unglaublich komplexen, mathematischen geometrischen Muster in ihrer absoluten, perfekten Gänze und wirken wie ein gigantischer, bunter lebender Teppich.
Der große Ziergarten (L'Ornement d'Amour): Die komplexe Sprache der Liebe
Dieser extrem filigrane Garten befindet sich auf der mittleren, zweiten Terrasse und ist weltweit berühmt als die "Gärten der Liebe". Vier riesige, exakt angelegte Quadrate aus ewiggrünem Buchsbaum wurden hier in extrem komplexe, spezifische Formen und Metaphern geschnitten, die ganz bewusst vier völlig unterschiedliche, leidenschaftliche Arten der menschlichen Liebe repräsentieren – ein tief romantisches Konzept, das direkt aus der traditionellen, mittelalterlichen höfischen Liebeslyrik abgeleitet wurde:
- Die zärtliche Liebe (L'Amour Tendre): Hier sehen Sie große Buchsbaumherzen, die an allen Ecken sanft durch kleine, leuchtende Buchsbaumflammen voneinander getrennt sind. Dies symbolisiert elegant den allerersten, zaghaften Funken und das langsame, wärmende Entfachen der romantischen Liebe.
- Die leidenschaftliche Liebe (L'Amour Passionné): Eine auf den ersten Blick chaotisch wirkende Anordnung von scharf gebrochenen, zerrissenen Herzen. Sie symbolisieren den tiefen, verzehrenden Schmerz von Herzen, die durch blinde Leidenschaft gebrochen wurden. Sie sind eng ineinander verschlungen mit Buchsbaum, der raffiniert in wilde Spiralen geschnitten ist, was die unkontrollierbare, ständige Bewegung und den Tanz der absoluten Leidenschaft darstellt.
- Die unbeständige Liebe (L'Amour Volage): Hier erkennen Sie klar geschnittene, offene Fächer (die von Damen traditionell benutzt wurden, um kleine Affären heimlich zu verbergen) sowie Hörner (das klassische, unmissverständliche Symbol des Betrogenwerdens / Cuckoldry) und versteckte Liebesbriefe. Dies alles repräsentiert eindrücklich die ständige Flatterhaftigkeit, den Betrug und die tiefe Instabilität von menschlichen Gefühlen.
- Die tragische Liebe (L'Amour Tragique): Scharfe Dolchklingen und gekreuzte, spitze Schwerter aus Buchsbaum dominieren dieses Bild. Sie repräsentieren die vielen tödlichen Duelle, die im Mittelalter häufig durch bittere Liebesrivalitäten verursacht wurden. Im Sommer blühen dazwischen extrem leuchtend rote Blumen, die symbolisch, fast schon makaber, für das dabei vergossene, heiße Blut der Kontrahenten stehen.
Der weltberühmte Küchengarten (Le Potager)
Ganz unten, auf der alleruntersten, wärmsten Terrasse, liegt der mit Abstand absolut berühmteste, fotogenste und außergewöhnlichste Teil der gesamten Anlage von Villandry: der Renaissance-Küchengarten. Er besteht aus exakt neun gigantischen Quadraten, die strikt nach geometrischen, mathematischen Mustern sowohl mit alltäglichem Gemüse als auch mit leuchtenden Blumen bepflanzt sind. Aber seien Sie gewarnt: Dies ist absolut kein gewöhnliches, langweiliges Gemüsebeet, wie man es kennt. Die meisterhaften Gärtner von Villandry behandeln das einfache Gemüse buchstäblich exakt wie lebendige Farbtupfer auf einer leeren Malerleinwand. Sie pflanzen ganz bewusst eisblauen Lauch, extrem dunkelrote Kohlköpfe, hell leuchtend jadegrünen Kopfsalat und tief violette Artischocken strategisch nebeneinander, um einen absolut perfekten, fast schon psychedelischen Schachbretteffekt zu erzeugen. Das gesamte, riesige Bepflanzungsschema ändert sich radikal und komplett zweimal im Jahr (einmal im Frühling und einmal im späten Sommer). Das bedeutet, dass dieser Garten, je nachdem, in welchem Monat Sie ihn besuchen, ein völlig anderes, neues Bild präsentiert. Obwohl dieser Garten jedes Jahr über 40 Tonnen reinstes, absolut feinstes Bio-Gemüse produziert, ist und bleibt das absolute, primäre und einzige Ziel dieses Gartens die makellose Ästhetik und Schönheit, und niemals die profane Nahrungsmittelproduktion.
Der ruhige Wassergarten und der neue Sonnengarten
Die allerhöchste, ruhigste Terrasse beherbergt den klassischen Wassergarten (Jardin d'Eau). Er ist exakt um einen extrem großen, spiegelglatten, künstlichen Teich zentriert, der bewusst in der exakten, eleganten Form eines antiken Spiegels aus der Zeit von Louis XV angelegt wurde. Es ist ein Ort der absoluten, ungestörten Ruhe und tiefen Kontemplation. Er ist sanft umgeben von uralten, schattenspendenden Lindenbäumen und weichen, grünen Grasbänken, die den Besucher ausdrücklich zur stillen Reflexion und körperlichen Ruhe einladen. Die absolut neueste, moderne Ergänzung des gesamten Ensembles ist der erst im Jahr 2008 neu erschaffene Sonnengarten (Jardin du Soleil). Er besticht durch eine extrem lange, schattige Lindenallee, ein faszinierendes "Wolkenzimmer" und ein spaßiges, kleines Heckenlabyrinth für Kinder, das komplett aus schnell wachsenden Hainbuchen gepflanzt wurde. Etwas abseits gibt es zudem einen wesentlich schlichteren, extrem informativen Kräutergarten (Jardin des Simples), in dem all die verschiedenen, traditionellen medizinischen und kulinarischen Heilpflanzen wachsen, die bereits im dunklen Mittelalter in jedem Klostergarten verwendet wurden, um Kranke zu heilen und einfache Speisen zu würzen.
Das liebevolle Innere des Schlosses
Die historischen Innenräume des Schlosses wurden von der engagierten Familie Carvallo mit unglaublich viel Liebe, Respekt und immensem Aufwand restauriert. Ihr klares Ziel war es, dass sich das Gebäude für Besucher immer wie ein warmes, wirklich bewohntes und lebendiges Familienheim anfühlt und eben nicht wie ein kühles, unpersönliches und steriles staatliches Museum. Die hellen Räume sind sehr geschmackvoll mit originalen Möbeln aus dem 18. Jahrhundert und zahlreichen alten, ernsten Familienporträts ausgestattet. Das Esszimmer, mit seinen ungewöhnlichen, lachsrosa gestrichenen Wänden und einem leise plätschernden, originalen provenzalischen Wandbrunnen, ist besonders charmant, intim und wirkt so, als sei der Tisch gerade eben erst für ein warmes, gemeinsames Familienessen gedeckt worden.
Das absolute, unbestrittene architektonische Highlight im Inneren ist jedoch zweifellos der sogenannte Orientalische Salon (Salon Oriental). Seine gesamte Decke ist ein unbezahlbares, absolut atemberaubendes Meisterwerk der alten hispano-maurischen Kunst. Sie besteht aus unglaublichen 3.600 winzigen, komplett handgeschnitzten und individuell bunt bemalten Holzteilen aus dem fernen 15. Jahrhundert. Ursprünglich bildete diese Decke das prunkvolle Dach eines Raumes im berühmten Maqueda-Palast im spanischen Toledo. Als dieser alte Palast abgerissen werden sollte, kaufte der visionäre Joachim Carvallo die Decke kurzerhand auf, ließ sie in abertausende Einzelteile zerlegen, nach Frankreich transportieren und genau in diesem Schlossraum Stück für Stück wieder mühsam zusammensetzen. Es dauerte weit über ein ganzes Jahr hochkonzentrierter Arbeit, nur um dieses gigantische, hölzerne Puzzle wieder fehlerfrei zusammenzufügen. Es ist eine absolut atemberaubende, völlig exotische und magische Überraschung mitten im Herzen eines klassischen französischen Renaissance-Schlosses.
Wichtige und nützliche Informationen für Besucher
Die aktuellen Öffnungszeiten
Die weltberühmten Gärten von Villandry sind zur Freude der Touristen tatsächlich an absolut jedem einzelnen Tag des Jahres geöffnet, typischerweise vom frühen Morgen um 9:00 Uhr bis zum Sonnenuntergang am Abend. Das Schlossgebäude im Inneren ist hingegen regulär nur von Anfang Februar bis Mitte November sowie für eine kurze, magische Periode während der Weihnachtsferien für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein reguläres Kombiticket gewährt Ihnen den vollen Zugang sowohl zum Schloss als auch zu den riesigen Gärten. Wenn Sie jedoch unter extremem Zeitdruck stehen (oder einfach kein großes Interesse an alten Möbeln haben), können Sie auch ein deutlich günstigeres Ticket erwerben, das Ihnen ausschließlich den Eintritt in die Gärten gewährt (eine Option, die tatsächlich von sehr vielen Tagesausflüglern bevorzugt wird).
Die absolut beste Jahreszeit für Ihren Besuch
Die genial konzipierten Gärten sind tatsächlich in absolut jeder einzelnen Jahreszeit spektakulär schön anzusehen. Den absoluten Höhepunkt (Peak) ihrer atemberaubenden Farbenpracht erreichen sie jedoch im späten Frühling (Ende Mai bis Juni), wenn zehntausende Tulpen erblühen und die allererste frische Sommerbepflanzung abgeschlossen ist. Ein weiterer, absolut magischer Moment ist der frühe Herbst (September bis Oktober), wenn unzählige, riesige Kürbisse und bunte Zierkürbisse dem Küchengarten extrem leuchtende, warme orange und gelbe Farbtöne verleihen. Selbst der eiskalte Winter bietet in Villandry eine absolut einzigartige, fast schon strenge und kristalline Schönheit, wenn der harte, weiße Frost am Morgen die feinen, geometrischen Buchsbaumhecken überzieht und deren mathematische Architektur extrem scharf und deutlich hervorhebt.
Kulinarisches und Pausen vor Ort
Direkt am großen Haupteingang zum Schlossgelände befindet sich das exzellente Restaurant "La Doulce Terrasse", das hervorragende, frische Mittagessen, kühlen Wein und nachmittags leckeren Kuchen serviert. Das Besondere daran: Es verwendet für seine Gerichte oft ganz direkt das ultra-frische Biogemüse, das genau in den Gärten nebenan geerntet wurde. Das Verzehren von mitgebrachtem Picknick oder Snacks ist direkt innerhalb der makellosen Gärten absolut strengstens verboten, um deren absolute Perfektion und Sauberkeit nicht zu gefährden. Es gibt jedoch glücklicherweise einen speziell ausgewiesenen, gemütlichen Picknickbereich direkt in der Nähe des Parkplatzes. Zudem bietet das winzige, angrenzende Dorf Villandry selbst noch einige sehr charmante, kleine Straßencafés für eine entspannte Pause nach der langen Gartentour.