Das absolute Dornröschenschloss
Sanft ansteigend am Rande des dichten, alten Waldes von Chinon und majestätisch auf das ruhige, dunkle Wasser des Flusses Indre blickend, ist das Château d'Ussé die perfekte, steinerne Verkörperung eines klassischen europäischen Märchenschlosses. Seine völlig unverkennbare Silhouette ist ein geradezu chaotischer, aber extrem charmanter architektonischer Wald aus unzähligen weißen Steintürmchen, extrem steilen, schwarzen Schieferdächern, verspielten Dachfenstern (Lukarnen) und verzierten Kaminen. Das Gebäude ist visuell derart makellos und pittoresk, dass es in der Literaturgeschichte allgemein als die direkte, physische Inspiration für den berühmten französischen Autor Charles Perrault gilt, der genau hier im 17. Jahrhundert seinen klassischen Märchen-Bestseller La Belle au Bois Dormant (Dornröschen) verfasst haben soll. Es ist ein magischer Ort, an dem wilde menschliche Fantasie und steinharte europäische Geschichte völlig nahtlos ineinanderfließen – eine einst extrem brutale Militärfestung, die geschickt in einen zarten, eleganten Lustpalast (Pleasure Palace) umgewandelt wurde. Der blendend weiße Tuffeau-Kalkstein leuchtet fast magisch im Nachmittagslicht und bildet dabei einen extrem harten, perfekten Kontrast zu dem tiefen, dichten Dunkelgrün des geheimnisvollen Waldes direkt dahinter, was eine optische Illusion von fast schon irrealer Perfektion erzeugt.
Ussé nimmt unter den vielen hundert Schlössern im Loire-Tal eine extrem seltene und wertvolle Sonderstellung ein: Es wird nämlich seit weit über zwei Jahrhunderten völlig ununterbrochen von ein und derselben Adelsfamilie (den Herzögen von Blacas / Dukes of Blacas) bewohnt und liebevoll gepflegt. Es ist daher absolut kein totes, eingefrorenes oder steriles staatliches Museum, sondern ein warmes, atmendes und lebendiges Familienheim. Es ist bis unter die Decke gefüllt mit privaten Erinnerungen, antiken Möbeln und dem leisen, ständigen Echo der vergangenen Jahrhunderte. Genau diese ununterbrochene, menschliche Kontinuität verleiht Ussé eine so tiefe, einladende Wärme, die man in den wesentlich größeren, unpersönlichen staatlichen Monumenten oft vergeblich sucht.
Geschichte: Vom brutalen Krieger zum kultivierten Höfling
Dieser strategisch kluge Ort ist nachweislich bereits seit dem frühen 11. Jahrhundert befestigt; die allererste Verteidigungsanlage wurde hier von einem rauen, kriegerischen Wikinger (oder Normannen) namens Gueldin de Saumur erbaut. Das gigantische, romantische Schloss, das wir heute bewundern können, ist jedoch das Resultat vieler Jahrhunderte komplexer architektonischer Evolution und Umgestaltung. Im 15. Jahrhundert errichtete die mächtige Familie Bueil, gefeierte militärische Helden des grausamen Hundertjährigen Krieges, die massiven, wuchtigen Festungsstrukturen. Sie benötigten in diesen unsicheren Zeiten zwingend meterdicke Steinmauern und starke, schwere Verteidigungstürme, um sich gegen die ständigen, brutalen Angriffe der englischen Krone zu wehren.
Als jedoch schließlich die weiche, kultivierte Epoche der Renaissance Einzug hielt und die ständige, akute Bedrohung durch offene Kriege langsam schwand, begann das extrem raue Gesicht der Burg merklich weicher und zarter zu werden. Im 16. und 17. Jahrhundert begannen die nachfolgenden, eitlen Besitzer damit, die strenge, abweisende Hauptfassade massiv und offen umzugestalten. Sie fassten den mutigen, radikalen Entschluss, den kompletten Nordflügel der Burg schlichtweg abzureißen, um so den wunderschönen, ungestörten Panoramablick auf den Fluss freizulegen. Diese Maßnahme schuf den heute so berühmten, extrem einladenden U-förmigen Ehrenhof. Sie ließen sehr große, helle Pfostenfenster (Mullioned windows) einbrechen, um die ehemals kalten Räume mit Licht zu fluten, und bauten weitläufige, elegante Terrassen zum Promenieren. In der Folgezeit beherbergte das nunmehr luxuriöse Schloss oft französische Könige und literarische Giganten wie Chateaubriand (der höchstpersönlich die heute noch sichtbaren, majestätischen Zedern im großen Park pflanzte) und natürlich den berühmten Charles Perrault. Ussé wandelte sich endgültig zu einem elitären Zentrum der europäischen Kultur und feinsten Raffinesse.
Architektur: Ein ganz eigener Stil für jedes Jahrhundert
Das Gebäude von Ussé lässt sich am besten als ein aufgeschlagenes, lebendiges Lehrbuch der gesamten französischen Architekturgeschichte beschreiben. Der mächtige Bergfried (Donjon) strahlt die pure, ungefilterte gotische Militärmacht aus, komplett ausgestattet mit bedrohlichen Pechnasen (Machicolations) und extrem engen, schmalen Pfeilscharten. Der Ostflügel (East Wing) hingegen zeigt bereits deutlich den eleganten, fließenden Übergang zum hochkomplexen Stil der Flamboyant-Gotik (Spätgotik), erkennbar an den unzähligen, filigranen und detailreichen Steindekorationen. Der Westflügel (West Wing) ist wiederum klassische, absolut reine Renaissance-Architektur, der sich stark und offen von den luftigen italienischen Palazzi (Palästen) inspirieren ließ. Die kleine, separat stehende Schlosskapelle direkt im Park ist ein unbestrittenes Meisterwerk der französischen Renaissance. Sie besticht besonders durch ihre wunderschönen, extrem bunten Buntglasfenster aus dem 16. Jahrhundert sowie durch eine äußerst wertvolle, seltene Terrakotta-Keramikstatue der Jungfrau Maria, die von dem weltberühmten italienischen Meister Luca della Robbia persönlich gefertigt wurde.
Die magische Dornröschen-Ausstellung
Das Schloss und seine Betreiber nehmen die weltberühmte Dornröschen-Legende mit absoluter, offener Begeisterung an. Besucher haben die einmalige Möglichkeit, den steilen, alten Wehrgang (Chemin de Ronde) oben in den dicken Türmen zu erklimmen, um dort extrem aufwendig gestaltete Szenen aus der klassischen Dornröschen-Geschichte hautnah zu erleben. Lebensgroße, sehr realistische Wachsfiguren, die detailliert in authentische historische Kostüme gekleidet sind, stellen die verschiedenen Akte des Märchens nach: von der festlichen Taufe der winzigen Prinzessin über den Fluch der bösen Fee Carabosse und den verzweifelten Kampf des mutigen Prinzen durch die dichten, tödlichen Dornenhecken bis hin zu dem alles erlösenden, romantischen Kuss des Erwachens. Es ist ein absolut magisches, kindliches Erlebnis für die ganz jungen Besucher und eine zutiefst nostalgische, wunderschöne Reise für Erwachsene, die die geliebte Geschichte genau in jenem authentischen Setting zum Leben erweckt, das sie einst inspiriert hat.
Die prunkvoll möblierten Innenräume
Im völligen Gegensatz zu extrem vielen anderen Schlössern in der Region, die während der chaotischen Französischen Revolution komplett geplündert und all ihrer Besitztümer beraubt wurden, hat Ussé eine absolut bemerkenswerte, extrem wertvolle und intakte Sammlung von originalen historischen Möbeln bewahrt. Das Schlafzimmer des Königs (King's Chamber) (ein Raum, in dem König Ludwig XIV. einst nächtigte) beeindruckt durch seine originalen, extrem teuren seidenen Wandbespannungen, die bis heute erhalten sind. Der elegante Vauban-Salon, das prachtvolle Esszimmer sowie die massive Große Treppe (Grand Staircase) sind komplett gefüllt mit feinsten französischen Antiquitäten aus dem 18. Jahrhundert, riesigen, bunten flämischen Wandteppichen und ernsten, alten Familienporträts der Besitzer. Ein extrem einzigartiges, wiederkehrendes Highlight ist die jährlich wechselnde, thematische Ausstellung von historischen Epochenkostümen, die sehr anschaulich zeigt, wie sich die elitäre Mode vom 18. bis zum 20. Jahrhundert drastisch wandelte. Diese realistischen Schaufensterpuppen (Mannequins) sind ganz natürlich überall in den alten Räumen verteilt, was das ohnehin schon sehr wohnliche Schloss so wirken lässt, als sei es gerade erst heute Morgen verlassen worden.
Die strengen formalen Gärten von Le Nôtre
Die riesigen, extrem formalen Gärten direkt vor dem Schloss wurden von keinem Geringeren als dem genialen André Le Nôtre entworfen – demselben legendären Landschaftsarchitekten, der auch die weltberühmten, gigantischen Gärten des Schlosses Versailles für den Sonnenkönig erschuf. Le Nôtre transformierte den eigentlich sehr unebenen, bewaldeten Hügel mit enormem Aufwand in eine geometrisch perfekte Serie von flachen Terrassen. Das große Hauptparterre (Main Parterre) ist ein absolutes geometrisches Wunderwerk, das aus exakt in Form geschnittenem Buchsbaum, dunklen Eiben und unzähligen, knallbunten Sommerblumen besteht. In den warmen Sommermonaten wird das Bild durch unzählige duftende, in großen Kübeln gepflanzte Orangenbäume ergänzt. Wenn man oben auf den Terrassen steht, bietet sich einem ein absolut atemberaubender, unverbauter Weitblick über das gesamte Flusstal der Indre und direkt auf die blendend weiße Schlossfassade. Das extrem strenge, absolut symmetrische und mathematische Layout dieser Gärten bildet einen fantastischen, sehr harten optischen Kontrast zu der chaotischen, verspielten und märchenhaften Architektur der Burgtürme selbst.
Geister und Legenden: Ein alter Fluch und ein Kuss
Während die Geschichte von Dornröschen natürlich ein weltweit geliebtes Kunstmärchen ist, besitzt das alte Schloss durchaus auch seine ganz eigenen, sehr ernsten lokalen Legenden. Eine dieser Legenden besagt flüsternd, dass die großen Glocken des Schlosses völlig von alleine, ohne jedes menschliche Zutun, anfangen werden laut zu läuten, wenn sich jemals ein Mitglied der Familie Blacas in absoluter, tödlicher Gefahr befindet. Eine weitere, sehr hartnäckige und abenteuerliche Geschichte erzählt von einem langen, völlig geheimen unterirdischen Fluchttunnel, der das Schloss Ussé angeblich direkt unter der Erde mit dem massiven, nahegelegenen Château de Chinon verbinden soll (obwohl ein solch langer, unmöglicher Tunnel natürlich trotz intensivster Suche niemals von Historikern gefunden wurde). Die absolut wahre, greifbare Magie von Ussé offenbart sich jedoch meist am ganz frühen Morgen, wenn der dichte, weiße Nebel langsam aus dem feuchten Tal des Flusses Indre aufsteigt und die unzähligen, spitzen Türmchen in einen weichen, weißen Schleier hüllt – ein Anblick, der exakt wie jener mächtige Zauberspruch aussieht, der einst die schöne Prinzessin und das ganze Land für hundert Jahre in einen tiefen Schlaf fallen ließ.
Wichtige Reisetipps und Informationen für Besucher
Ihre Anreise zum Schloss
Das Château d'Ussé liegt äußerst idyllisch in der kleinen Gemeinde Rigny-Ussé, etwa 35 Kilometer südwestlich der Großstadt Tours und nur knapp 15 Kilometer von Chinon entfernt. Die Anlage lässt sich mit absolutem Abstand am besten und komfortabelsten mit dem eigenen Auto oder einem Mietwagen im Rahmen eines ausgedehnten, mehrtägigen Roadtrips durch das weite Loire-Tal erkunden. Direkt in der Nähe des Haupteingangs steht den Besuchern ein sehr großer, völlig kostenloser Parkplatz zur Verfügung. Da das Schloss direkt an der Strecke liegt, ist es zudem auch extrem einfach und sicher mit dem Fahrrad über die sehr beliebte und gut ausgebaute Radroute "La Loire à Vélo" zu erreichen.
Die Besichtigung (Tours)
Das Schloss öffnet seine Tore für die breite Öffentlichkeit täglich von Mitte Februar bis etwa Mitte November (im tiefen Winter ist es geschlossen). Der Besuch erfolgt in der Regel selbstgeführt (Self-guided). Am Eingang erhalten Sie eine extrem detaillierte, sehr informative Broschüre, die praktischerweise in extrem vielen verschiedenen Sprachen verfügbar ist. Gegen einen kleinen Aufpreis ist zudem ein sehr guter Audioguide erhältlich. Ein normaler Besuch umfasst die ausführliche Besichtigung der prächtigen Innenräume des Schlosses, das Erklimmen des Wehrgangs (mit der beliebten Dornröschen-Ausstellung), die Kapelle, die königlichen Pferdeställe (die mit antiken Kutschen ausgestattet sind) und den Abstieg in die extrem tiefen, feuchten Weinkeller (Caves), die direkt in den weichen Tufffelsen gehauen wurden und heute eine sehr interessante kleine Ausstellung über die traditionelle Weinherstellung beherbergen. Für einen kompletten, entspannten Rundgang sollten Sie absolut zwingend mindestens 1,5 bis 2 volle Stunden einplanen.
Hinweise zur Barrierefreiheit
Aufgrund seiner authentischen, historischen Natur und der unzähligen, extrem steilen und oft sehr engen Wendeltreppen (ganz besonders in den Wachtürmen und im Wehrgang) ist das eigentliche, obere Innere des Schlossgebäudes für Besucher im Rollstuhl oder mit starken Gehbehinderungen leider absolut nicht zugänglich. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die sehr weiten, ebenen Gärten, die historische Kapelle und auch die alten Stallungen im Erdgeschoss im Allgemeinen problemlos und sehr gut barrierefrei zugänglich sind. Ein großer Pluspunkt für Tierfreunde: Angeleinte Hunde sind im gesamten Schlosspark ausdrücklich erlaubt und herzlich willkommen, was Ussé zu einem perfekten und entspannten Zwischenstopp für Reisende mit Haustieren macht.