Das niederländische Versailles
Das Kasteel de Haar sieht aus wie eine geradezu perfekte Märchenvision direkt aus einem klassischen Disney-Film. Es ist unbestreitbar das größte und mit Abstand luxuriöseste Schloss in den gesamten Niederlanden. Seine markante, in den Himmel ragende Silhouette aus spitzen Türmen, mächtigen Festungsmauern, tiefen Wassergräben und beeindruckenden Zugbrücken stellt die absolute Bilderbuch-Definition einer echten mittelalterlichen Festung dar. Was man jedoch heute beim Besuch erblickt, ist zu einem großen Teil eine genial inszenierte Nachbildung aus dem späten 19. Jahrhundert – eine „perfekte“ mittelalterliche Burg, die in Wahrheit ein atemberaubendes Meisterwerk an absolutem, modernem Luxus ist. Zwar befand sich an exakt dieser Stelle bereits seit dem Jahr 1391 eine historische Festungsanlage, doch diese war bis zum 19. Jahrhundert weitgehend dem langsamen Verfall preisgegeben und lag als traurige Ruine dar.
Im Jahr 1890 erbte schließlich Baron Etienne van Zuylen van Nijevelt genau diese trostlosen und halb verfallenen Ruinen. Zu seinem großen Glück heiratete er kurz darauf Hélène de Rothschild, eine der reichsten Erbinnen aus der sagenhaft vermögenden und einflussreichen französischen Bankiersfamilie. Gemeinsam fassten sie den ehrgeizigen Entschluss, den angestammten Familiensitz von Grund auf neu zu errichten und in nie gekanntem Glanz erstrahlen zu lassen – und dabei wurden buchstäblich absolut keine Kosten und Mühen gescheut.
Die beispiellose Restaurierung durch Pierre Cuypers
Um diese gigantische Vision in die Realität umzusetzen, heuerte das adelige Paar niemand Geringeren als den berühmtesten und angesehensten niederländischen Architekten der damaligen Zeit an: Pierre Cuypers. Dieser brillante Kopf war bereits das Mastermind hinter Ikonen wie dem Amsterdamer Rijksmuseum und der majestätischen Amsterdam Centraal Station. Das gewaltige Bauprojekt dauerte unglaubliche 20 Jahre (von 1892 bis 1912) und war ein wahrlich monumentales, schier endlos scheinendes Unterfangen. Cuypers restaurierte die alte Burg jedoch nicht einfach nur behutsam; er inszenierte sie völlig neu als eine atemberaubende neugotische Fantasiewelt, die in ihren Dimensionen und ihrer Pracht alles in den Schatten stellte, was das Gebäude im Mittelalter jemals gewesen war. Er fügte ausladende neue Türme hinzu, erweiterte ganze Gebäudeflügel massiv und überzog wahrhaftig jeden Quadratzentimeter des riesigen Innenraums mit komplexen Schnitzereien, opulenten Dekorationen und feinsten Details.
Besonders entscheidend war jedoch, dass das scheinbar antike Schloss heimlich mit den allerneuesten, modernsten technologischen Errungenschaften der Jahrhundertwende ausgestattet wurde. Dazu zählten unter anderem eine vollständige elektrische Beleuchtung (betrieben durch einen schlosseigenen Generator), eine bahnbrechende Dampfzentralheizung sowie eine voll funktionsfähige, moderne Industrieküche. Cuypers war jedoch ein Meister der Illusion und versteckte diese hochmodernen Annehmlichkeiten äußerst clever hinter massiven Holztäfelungen und schweren Vorhängen, um die romantische Illusion einer mittelalterlichen Zeitreise perfekt aufrechtzuerhalten. Das atemberaubende Resultat ist ein unvergleichliches Anwesen, das den wehmütigen romantischen Look des 15. Jahrhunderts perfekt mit dem extremen, dekadenten Komfort des 20. Jahrhunderts vereint – am ehesten vergleichbar mit den prunkvollen Mansions des sogenannten „Gilded Age“ der Familie Vanderbilt in Amerika.
Ein Haus der legendären Partys und des Jetsets
Die meiste Zeit des langen 20. Jahrhunderts hindurch nutzte die schwerreiche Familie Van Zuylen Kasteel de Haar streng genommen lediglich als reines Feriendomizil, und das für genau einen einzigen Monat im gesamten Jahr: dem September. Doch genau während dieses Monats erwachte das riesige Schloss auf wahrhaft spektakuläre Weise zum Leben. Die Familie richtete in dieser Zeit sagenhafte, legendäre Partys und endlose Empfänge für den internationalen Jetset aus. Die Gästeliste las sich wie das ultimative "Who is Who" der damaligen Zeit: Zu den geladenen Freunden des Hauses zählten neben Königen und Adligen auch Hollywood-Giganten und globale Stil-Ikonen wie Coco Chanel, die unvergleichliche Operndiva Maria Callas, die Schauspieler Gregory Peck und Roger Moore sowie die wunderschöne Brigitte Bardot. Für sie alle war Kasteel de Haar ein exklusiver, absolut privater Ort des unbändigen Luxus und des völlig entspannten, informellen Protokolls, an dem sich die Superreichen und Berühmten fernab der unerbittlichen Öffentlichkeit und lästiger Paparazzi ungestört amüsieren konnten.
Das Interieur des Schlosses spiegelt diesen extrem kosmopolitischen und ausschweifenden Lebensstil perfekt wider. Die majestätische Haupthalle (Main Hall) ist ein enormer, fast schon kathedralenartiger Raum mit einer filigran geschnitzten, torenhohen Holzdecke, bunt leuchtenden und funkelnden Bleiglasfenstern sowie wertvollen historischen flämischen Wandteppichen. Die zahlreichen, luxuriösen Schlafzimmer und die eleganten Gästesuiten sind durchweg mit einer höchst eklektischen, aber perfekt abgestimmten Mischung aus unbezahlbaren Antiquitäten dekoriert – angefangen bei zarter japanischer Keramik bis hin zu originalen Möbeln im Stil Louis XVI., welche vom Baron und der Baroness auf ihren ausgedehnten, weltweiten Reisen akribisch gesammelt wurden. Ein besonders kurioses, aber allgegenwärtiges Detail ist die fast schon wahnhafte Obsession des Barons mit seinem Familienwappen (das stolz drei Säulen zeigt). Dieses Wappen taucht unglaubliche Tausende Male im gesamten Schloss auf, wirklich auf allem, von der maßgeschneiderten Tapete bis hin zum edelsten Silberbesteck. Unten in den weitläufigen Küchenbereichen sind selbst die massiven Kupfertöpfe und unzähligen Pfannen liebevoll monogrammiert, und der riesige Bratspieß ist groß genug, um sprichwörtlich eine ganze kleine Armee auf einmal satt zu machen. Die Küche verfügt zudem über einen gigantischen kohlebefeuerten Herd der Marke Drouet, der heute zu den größten noch erhaltenen seiner Art in ganz Europa zählt – ein wahres Monstrum aus solidem Eisen, auf dem Speisen für Hunderte von anspruchsvollen Gästen gleichzeitig zubereitet werden konnten.
Die herrschaftlichen Stallungen und das große Kutschenhaus
Direkt auf der anderen Seite der malerischen Schlossbrücke liegt majestätisch der sogenannte Stalplein (Stallplatz), ein riesiger Gebäudekomplex, der einst die wertvollen Pferde und prunkvollen Kutschen des Anwesens beherbergte. Das große Kutschenhaus (Coach House) dient heute als faszinierendes Museum, das unter anderem die beeindruckende private Sammlung des Barons an Luxuskutschen und sehr frühen, extrem seltenen Automobilen präsentiert. Der Baron war nämlich ein passionierter Pionier des frühen Automobilsports und fungierte stolz als einer der wichtigsten Gründerväter des elitären Automobile Club de France. Die Stallungen selbst sind jedoch weitaus prächtiger und eleganter ausgestattet als die allermeisten menschlichen Wohnhäuser jener Zeit. Sie verfügen über kunstvoll geflieste Wände, teure und aufwendig gearbeitete Mahagoni-Holzverkleidungen und spiegeln damit deutlich den extrem hohen Stellenwert und den enormen Wert wider, den edle Pferde im damaligen aristokratischen Leben genossen.
Die unglaubliche Versetzung eines kompletten Dorfes
Die schiere Größenordnung und der unbändige Anspruch dieses Umbauprojekts waren derart immens, dass dafür tatsächlich ein komplettes, voll bewohntes Dorf weichen musste. Das ursprüngliche und sehr alte Dorf Haarzuilens stand historisch bedingt direkt neben den Schlossmauern. Dies trübte jedoch nach Ansicht des Barons unweigerlich seinen privaten Ausblick und verhinderte vor allem den Bau des riesigen, makellosen englischen Landschaftsparks, den er sich so sehnlichst wünschte. Seine radikale, aber für einen Mann seines Reichtums einfache Lösung: Er kaufte schlichtweg das gesamte Dorf systematisch auf und ließ es kurzerhand komplett abreißen. Anschließend ließ er es gut eine Meile weiter westlich völlig neu errichten. Das brandneue Dorf wurde dabei absichtlich in einem charmanten, perfekt passenden Imitations-Mittelalter-Stil entworfen, damit es optisch nahtlos mit der Pracht des Schlosses harmonierte. Bis zum heutigen Tag sind sämtliche Fensterläden und Haustüren im „neuen“ Dorf Haarzuilens zwingend in den markanten heraldischen Farben Rot und Weiß der Van Zuylen-Familie gestrichen. Es ist ein weltweit äußerst seltenes und faszinierendes historisches Beispiel für ein sogenanntes „model village“ (Musterdorf), das einzig und allein aus rein ästhetischen Gründen errichtet wurde – eine brutale und zugleich faszinierende Demonstration der absoluten, uneingeschränkten Macht von grenzenlosem Reichtum in dieser vergangenen Ära.
Der weitläufige Park und die prachtvollen Gärten
Der perfekt gepflegte Park, der das Schloss sanft umschließt, erstreckt sich über beachtliche 55 Hektar (135 Acres) Land. Er wurde von dem hoch angesehenen Landschaftsarchitekten Hendrik Copijn minutiös entworfen. Um dem nagelneuen Garten vom ersten Tag an einen sofortigen, reifen und altehrwürdigen Look zu verleihen, traf der Baron eine wahrhaft irrsinnige Entscheidung: Er bestellte sage und schreibe 7.000 ausgewachsene, große Bäume (einige davon bereits über 40 Jahre alt), ließ diese mühsam ausgraben und quer durch die gesamte belebte Stadt Utrecht mit unzähligen Pferden und Karren transportieren. Dieser logistische und finanzielle Albtraum verursachte vorhersehbares, massives Chaos in der gesamten Stadt – so mussten beispielsweise unzählige städtische Straßenlaternen temporär komplett entfernt werden, um die riesigen Bäume überhaupt durch die engen Gassen passieren zu lassen. Doch der Baron bezahlte klaglos und großzügig für jeden noch so kleinen entstandenen Schaden. Das Ergebnis war spektakulär: Innerhalb weniger Jahre sah das komplett neu erbaute Schloss so aus, als ob es bereits seit Jahrhunderten von einem dichten, uralten und geheimnisvollen Wald fest umschlossen wäre.
Heute können Besucher nach Herzenslust durch den wunderschönen und intensiv duftenden Rosengarten schlendern (der über 1.200 seltene und edle Rosenbüsche beheimatet und speziell der Baroness Hélène de Rothschild gewidmet ist), den streng formalen und symmetrischen Römischen Garten bewundern und den idyllischen Hirschpark besuchen. Der faszinierende optische Kontrast zwischen den absolut rigiden, geometrisch perfekten französischen Gärten direkt in der Nähe des Schlosses und der weitläufigen, deutlich wilderen und romantischen englischen Parklandschaft weiter draußen schafft eine überaus reizvolle und abwechslungsreiche Vielfalt an unterschiedlichen Gartenstilen. Der riesige Park ist darüber hinaus auch der jährliche, sehr stolze Austragungsort von Elfia, der mit Abstand größten und bekanntesten Kostüm- und Fantasy-Messe in ganz Europa. Einmal im Jahr verwandeln sich die weiten Flächen und füllen sich mit Tausenden von fröhlichen, aufwendig kostümierten Besuchern, die als elegante Elfen, furchteinflößende Orks, erfinderische Steampunk-Bastler und historische Berühmtheiten gekleidet sind – und die sich perfekt in die ohnehin schon surreale Märchenbuch-Optik des Schlosses einfügen.
Wichtige Besucherinformationen und Tipps
Kasteel de Haar liegt äußerst malerisch und verkehrsgünstig direkt vor den Toren der Stadt Utrecht und ist sowohl mit dem eigenen Auto als auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln (es gibt eine direkte Busverbindung von der Utrecht Centraal Station) sehr einfach und bequem zu erreichen.
- Aktuelle Besitzverhältnisse: Seit dem Jahr 2000 befindet sich das riesige Anwesen im offiziellen Besitz einer speziellen Stiftung (der Stichting Kasteel de Haar), um seinen immens teuren Erhalt und die aufwendige Pflege für die breite Öffentlichkeit dauerhaft sicherzustellen. Die Familie Van Zuylen behält jedoch vertraglich das exklusive Recht, weiterhin für einen festgelegten Monat im Jahr (den September) im sogenannten Châtelet (einem separaten, luxuriösen Flügel der Anlage) zu residieren und somit die berühmte, historische Tradition lebendig zu halten.
- Rundgänge und Touren: Sie können das beeindruckende Innere des Schlosses entweder völlig eigenständig auf einer sogenannten selbstgeführten Tour erkunden, oder sich einer der exzellenten, fachkundig geführten Touren anschließen, um weitaus mehr tiefgründige und amüsante Anekdoten zu erfahren. Wenn Sie sich primär für die Natur interessieren und das Schlossgebäude selbst nicht von innen betreten möchten, reicht für die wunderschönen Parkanlagen ein separates (und deutlich günstigeres) Einzelticket.
- Das Historische Heckenlabyrinth: Das große, historische Heckenlabyrinth, das einst ein zentrales und äußerst beliebtes Element des ursprünglichen Gartens darstellte, wurde in den letzten Jahren aufwendig und originalgetreu restauriert. Heute ist es (nicht nur) für die zahlreichen jungen Besucher und Familien ein absoluter Favorit und sorgt für garantierten, vergnüglichen Spaß beim Verirren.