← Zurück zu den Burgen
Dover Castle

Dover Castle

📍 Dover, Kent, England 📅 Gebaut im Jahr 11. Jahrhundert

Der Schlüssel zu England

Hoch oben auf den ikonischen Weißen Klippen von Dover (White Cliffs of Dover) thronend und trotzig über den schmalen Meeresstreifen des Ärmelkanals direkt in Richtung Frankreich blickend, sitzt majestätisch Dover Castle. Seit nunmehr fast zweitausend Jahren bildet genau dieser exponierte Ort die unangefochtene und entscheidende Frontlinie der englischen Landesverteidigung. Es wurde im Laufe der Jahrhunderte von Königen und Feldherren oft ehrfürchtig als der „Schlüssel zu England“ bezeichnet, denn das strategische Gesetz der Zeit besagte eindeutig: Wer immer Dover und seine Festung kontrollierte, besaß den absoluten, uneingeschränkten Zugang zum gesamten englischen Königreich. Es ist somit weit mehr als nur eine einfache Burg; es ist eine greifbare, in massiven Stein und weichen Kreidefelsen gehauene Zeitachse der kompletten britischen Militär- und Nationalgeschichte. Angefangen bei einem antiken römischen Leuchtturm, der einst römischen Kriegsgaleeren den sicheren Weg wies, bis hin zu einem hochgeheimen, tief unterirdischen Bunker aus der Ära des Kalten Krieges, der speziell für den absoluten nuklearen Ernstfall vorbereitet war – Dover Castle hat buchstäblich alles gesehen und überstanden.

Heute ist es stolz die mit Abstand größte und weitläufigste Burganlage in ganz England, ein wahrlich gigantischer Festungskomplex, dessen umfassende und detailreiche Erkundung leicht einen kompletten Tag in Anspruch nehmen kann. Sein massiver, alles überragender Bergfried (Keep), der von König Heinrich II. erbaut wurde, gilt als ein unmissverständliches und immer noch ehrfurchtgebietendes Symbol ungebrochener königlicher Macht. Gleichzeitig erzählen die kilometerlangen, düsteren und geheimen Tunnelanlagen tief im Kreidefelsen eindringliche, wahre Geschichten von der dramatischen Evakuierung von Dünkirchen und der entscheidenden Luftschlacht um England (Battle of Britain). Dover ist einer der extrem seltenen Orte auf der Welt, an dem Sie an ein und demselben Nachmittag antike, raue römische Ziegelsteine berühren, auf hohen mittelalterlichen Zinnen spazieren und wenig später noch immer den schwachen, sterilen Geruch von Krankenhaus-Desinfektionsmittel aus den 1940er Jahren in einem unterirdischen Lazarett wahrnehmen können.

Die lange Geschichte: Zwei Jahrtausende absoluter Wachsamkeit

Die immense, herausragende strategische Bedeutung dieses Küstenabschnitts wurde bereits sehr lange vor der Ankunft der Normannen klar erkannt und genutzt. Bereits im 1. Jahrhundert nach Christus errichteten die Römer hier einen massiven Leuchtturm (Pharos), um ihrer wertvollen Flotte die sichere Einfahrt in den strategisch wichtigen Hafen tief unten im Tal zu weisen. Bemerkenswerterweise und zum großen Erstaunen von Historikern steht genau dieses antike Bauwerk noch heute aufrecht und intakt an seinem Platz – es ist damit offiziell das älteste und höchste noch erhaltene römische Gebäude in ganz Großbritannien. In späteren Jahrhunderten wurde der alte Leuchtturm pragmatisch in einen massiven Glockenturm für die unmittelbar angrenzende sächsische Kirche St Mary in Castro umfunktioniert.

Nach der schicksalhaften Schlacht von Hastings im Jahr 1066 ließ Wilhelm der Eroberer die bestehenden Verteidigungsanlagen umgehend und massiv verstärken. Die kolossale Burg jedoch, die wir in ihrer heutigen, atemberaubenden Form bewundern können, ist zum allergrößten Teil das direkte Werk von König Heinrich II. im späten 12. Jahrhundert. Er investierte ein für damalige Verhältnisse geradezu unvorstellbares Vermögen in das Bauprojekt und verwandelte das unscheinbare Dover in eine beispiellose, prunkvolle Palastfestung. Sein primäres Ziel war es dabei, ausländische Würdenträger und vor allem die unzähligen einflussreichen Pilger zutiefst zu beeindrucken, die auf ihrem Weg zum heiligen Schrein von Thomas Becket im nahegelegenen Canterbury das Land betraten. Im Jahr 1216 hielt die scheinbar uneinnehmbare Festung einer brutalen und extrem zermürbenden Belagerung durch Prinz Ludwig von Frankreich stand. Den geschickten französischen Mineuren gelang es zwar tatsächlich, den massiven Boden unter dem Torhaus erfolgreich zu untertunneln und zum Einsturz zu bringen (wodurch ein ganzer Festungsturm krachend in sich zusammenfiel), doch die entschlossene und heldenhafte englische Garnison verteidigte die entstandene Bresche mit ihrem Leben und rettete somit die wertvolle englische Krone für den noch jungen und unerfahrenen König Heinrich III.

Die gigantische Burg blieb danach bis in das Jahr 1958 hinein eine ununterbrochen aktive und extrem wichtige militärische Garnison. Sie wurde während der napoleonischen Kriege noch einmal umfassend umgestaltet, als massive, moderne Erdwälle zur Abwehr von Kanonenfeuer hinzugefügt wurden. Ein weiteres, entscheidendes Mal wurde sie während der beiden Weltkriege stark modifiziert und befestigt, als sie stolz als das zentrale Hauptquartier der berühmten Dover Patrol (Dover-Patrouille) diente.

Die Architektur: Der Große Turm (Great Tower) und die Innere Burg

Das unbestrittene, massive Herzstück der gesamten Burganlage ist der Große Turm (Great Tower, auch Bergfried oder Keep genannt), ein gigantischer, fast perfekter Kubus aus solidem Stein, der stolze 25 Meter (83 Fuß) in die Höhe ragt. König Heinrich II. entwarf ihn ganz bewusst nicht nur als Verteidigungsanlage, sondern primär als ein architektonisches Prunkstück ersten Ranges, das absolute Unbesiegbarkeit ausstrahlen sollte. Die Außenmauern dieses Turms sind an einigen Stellen unvorstellbare 6,4 Meter (21 Fuß) dick. In den Innenräumen hat die Organisation English Heritage in den letzten Jahren mit immensem Aufwand den prunkvollen königlichen Hof des 12. Jahrhunderts extrem authentisch nachgebildet. Die großen Räume sind in leuchtenden, kräftigen Farben gestrichen (genauso, wie sie es damals tatsächlich waren, was eindrucksvoll den weit verbreiteten, aber falschen Mythos vom stets grauen, tristen und farblosen Mittelalter widerlegt), sie sind mit edlen, reichen Wandteppichen behangen und mit aufwendig geschnitzten, königlichen Thronen und prunkvollen Betten authentisch möbliert. Modernste holografische Projektionen und faszinierende, historisch akkurate Klanglandschaften (Soundscapes) erwecken den einstigen, lebhaften Hof von Heinrich II. auf magische Weise direkt vor den Augen der Besucher wieder zum Leben.

Dicht umgeben wird der massive Bergfried von der Inneren Burg (Inner Bailey) und dem äußeren, wehrhaften konzentrischen Ring der gewaltigen Ringmauer (Outer Curtain Wall), die in regelmäßigen Abständen mit mächtigen Wehrtürmen wie dem Avranches Tower und dem stark befestigten Constable's Gate (Konstablertor) gespickt ist. Ein ganz besonderes, wenn auch etwas beklemmendes Erlebnis ist die Erkundung der mittelalterlichen Tunnel (die mittelalterlichen Minengänge), die während der legendären Belagerung von 1216 gegraben wurden. Diese engen, dunklen Gänge sind heute noch immer für die Öffentlichkeit zugänglich und dienen als eindringliche und sehr klaustrophobische Erinnerung an die extrem brutale und gefährliche unterirdische Kriegsführung tief im dunklen Zeitalter des Mittelalters.

Die geheimen, unterirdischen Kriegstunnel

Die heute mit Abstand berühmteste und faszinierendste Attraktion von Dover Castle befindet sich jedoch unsichtbar und tief verborgen unter der Erde. Bereits während der napoleonischen Kriege im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert wurde heimlich ein riesiges, komplexes Netzwerk aus Tunneln tief in die weichen, weißen Kreidefelsen gegraben, um Tausende von Soldaten der Garnison sicher vor feindlichem Artilleriefeuer unterzubringen. Im verhängnisvollen Jahr 1939 wurden exakt diese alten Tunnel dann reaktiviert und avancierten schnell zum streng geheimen, strategischen Hauptquartier der berühmten Operation Dynamo. Aus einem winzigen, dunklen Raum, der tief und sicher im Inneren der Kreideklippe versteckt lag, plante, organisierte und leitete Vizeadmiral Bertram Ramsay im Mai 1940 meisterhaft die legendäre, fast unmöglich scheinende Evakuierung von über 338.000 eingeschlossenen britischen und französischen Soldaten von den umkämpften Stränden von Dünkirchen. Heute können Besucher tief in diese historischen Tunnelanlagen hinabsteigen und auf denselben Wegen spazieren. Man sieht den original erhaltenen Kartenraum (Map Room), die alte Verstärkerstation für die Kommunikation und das bedrückende unterirdische Krankenhaus (Underground Hospital), in dem zahllose schwerverletzte Piloten und Soldaten oft unter widrigsten Umständen operiert und behandelt wurden, während oben an der Oberfläche ununterbrochen deutsche Bomben auf die Festung fielen. Das immersive "Operation Dynamo"-Erlebnis nutzt heutzutage modernste Spezialeffekte, bedrückende historische Original-Wochenschauen und authentische Tonaufnahmen, um die extreme, nervenzerreißende Spannung und die schiere Verzweiflung jener kritischen und kriegsentscheidenden Tage im Mai 1940 auf eindringliche Weise wieder spürbar zu machen.

Legenden und Spuk: Der unheimliche, kopflose Trommler

An einem derart alten Ort, der auf eine so extrem lange, blutige und gewalttätige Militärgeschichte zurückblickt, ist es geradezu unausweichlich, dass unzählige düstere Spukgeschichten und Legenden existieren. Die bei weitem hartnäckigste und bekannteste dieser Legenden ist die tragische Geschichte des kopflosen Trommlerjungen (Headless Drummer Boy). Man erzählt sich hinter vorgehaltener Hand, dass er in der napoleonischen Ära ein junger, jugendlicher Trommler der Garnison war, der wegen einer nicht unbeträchtlichen Summe Geldes, die er angeblich bei sich trug, von zwei seiner eigenen Kameraden brutal und kaltblütig ermordet wurde. Sein Leichnam wurde anschließend enthauptet und tief in den dunklen Tunneln versteckt. Noch heute schwören viele Zeugen, dass man in besonders ruhigen, nebligen Nächten deutlich den langsamen, stetigen und unheimlich rhythmischen Schlag einer Trommel hören kann, der gespenstisch von den alten Zinnen der Burg widerhallt. Einige Wachleute auf ihren nächtlichen Patrouillenrunden haben sogar mehrfach berichtet, eine schemenhafte, eindeutig kopflose Gestalt in einer alten, blutroten Uniform gesehen zu haben, die sich langsam und lautlos im dichten Seenebel der Klippen auflöst.

Ein weiterer, oft gesehener Geist soll angeblich eine mysteriöse Frau in einem auffälligen roten Kleid sein, die rastlos durch das sogenannte Schlafzimmer des Königs (King's Bedroom) im Großen Turm spukt. Auch die tiefsten und dunkelsten "unteren Ebenen" der Tunnelanlagen gelten unter Kennern als notorisch spirituell aktiv. Dort gibt es regelmäßige, unerklärliche Berichte über das plötzliche Auftauchen spektraler Soldatenfiguren, unerklärliche, hallende Schritte und plötzliche, eiskalte Luftzüge, für die es keine natürliche physikalische Erklärung gibt.

Wichtige Besucherinformationen und Tipps

Anreise und Lage

Dover Castle thront majestätisch direkt in der Küstenstadt Dover, in der Grafschaft Kent. Die Anfahrt zur Burg ist sowohl von der Autobahn A2 als auch von der A20 durchgehend hervorragend und sehr deutlich ausgeschildert. Der Hauptbahnhof der Stadt, Dover Priory, liegt etwa eine Meile von der Festung entfernt; ambitionierte Besucher können den Weg durchaus zu Fuß zurücklegen (es ist jedoch ein stetiger, ziemlich steiler und anstrengender Anstieg zur Klippe hinauf), alternativ stehen am Bahnhof zahlreiche Taxis und regelmäßige Busverbindungen direkt zum Eingang zur Verfügung. Da die Burg hoch über dem geschäftigen Fährhafen der Stadt liegt, können Besucher von den historischen Zinnen aus wunderbar beobachten, wie die großen Schiffe und Fähren pausenlos den Ärmelkanal in Richtung Festland überqueren.

Touren, Planung und nützliche Tipps

Das gesamte, riesige Gelände wird professionell von der staatlichen Organisation English Heritage verwaltet und sehr gut gepflegt. Die Burg ist den absolut größten Teil des Jahres über täglich für Besucher geöffnet. Aufgrund der enormen, fast einschüchternden Größe und Weitläufigkeit der Anlage sollten Besucher für einen umfassenden Rundgang jedoch mindestens gute 3 bis 4 Stunden fest einplanen. Die extrem beliebten Führungen durch die unterirdischen Tunnel (die Wartime Tunnels und das beeindruckende Underground Hospital) finden ausschließlich als geführte Touren statt und können besonders in der Hochsaison im Sommer sehr schnell zu extrem langen Warteschlangen führen. Es ist daher dringend und ausdrücklich zu empfehlen, sich gleich nach der Ankunft am Haupteingang direkt dorthin zu begeben. Auf dem weitläufigen Burggelände gibt es zudem mehrere gute Cafés und idyllisch gelegene Picknickplätze für eine erholsame Pause. Seien Sie jedoch generell darauf vorbereitet, dass ein Besuch mit sehr viel Gehen verbunden ist, einschließlich teilweise sehr steiler Hänge auf dem Gelände sowie unzähliger, enger und beschwerlicher Wendeltreppen in den alten Türmen.

Der historische Feuerleitstand (Fire Command Post)

Verpassen Sie bei Ihrem Rundgang auf keinen Fall den historischen Feuerleitstand, der sich dramatisch und exponiert direkt an der vordersten Kante der Kreideklippen befindet. Es handelt sich hierbei um eine originale, befestigte Flugabwehr- und Artilleriestellung, die sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg intensiv genutzt wurde. Von exakt diesem Punkt aus bietet sich Besuchern der mit Abstand beste, ungestörteste und spektakulärste Panoramablick auf die weltberühmten Weißen Klippen. An klaren, sonnigen Tagen ist die französische Küste am Horizont unglaublich deutlich zu erkennen – ein Anblick, der jeden Besucher eindrucksvoll und fast schon erschreckend daran erinnert, wie bedrohlich nah und präsent der Feind in diesen dunklen Stunden der Geschichte tatsächlich war.