Die Perle Schlesiens
Majestätisch auf einem Felsenkliff inmitten der dichten Wälder des Landschaftsparks Książ gelegen, ist Schloss Książ (Zamek Książ) das drittgrößte Schloss Polens – nach Malbork und Wawel. Sein Ausmaß ist beeindruckend: Es verfügt über mehr als 400 Zimmer, und seine Fassade, die Barock-, Renaissance- und Gotik-Elemente vereint, erstreckt sich über scheinbar endlose Weiten. Als „Perle Schlesiens" bekannt, war es über 400 Jahre lang Residenz der mächtigen Familie Hochberg. Doch hinter seinem rosafarben-märchenhaften Äußeren verbirgt sich eines der dunkelsten Geheimnisse des Zweiten Weltkriegs – ein Kontrast, der die Seele dieses Ortes prägt.
Die Hochberg-Dynastie und Prinzessin Daisy
Von 1509 bis 1941 gehörte das Schloss dem Haus Hochberg, einer der reichsten Familien Preußens. Die bekannteste Bewohnerin des Schlosses war Prinzessin Daisy von Pless (geboren als Mary Theresa Olivia Cornwallis-West), eine englische Gesellschaftsdame, die 1891 Prinz Hans Heinrich XV. heiratete. Daisy war die Lady Diana ihrer Zeit – schön, charismatisch und vom Volk geliebt, aber in einer unglücklichen Ehe und einem starren Hofleben gefangen.
Während ihrer Zeit in Książ ließ Daisy bedeutende Renovierungen durchführen und engagierte sich für wohltätige Zwecke. Sie arbeitete daran, die Lebensbedingungen der örtlichen Bergleute und ihrer Familien zu verbessern und erwarb sich so die Zuneigung des einfachen Volkes. Das Familienvermögen schwand jedoch nach dem Ersten Weltkrieg, und schließlich mussten sie das Schloss verlassen, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Daisy starb 1943 in Armut in Wałbrzych, doch ihr Geist soll noch immer über das Schloss wachen.
Die Legende der Perlenkette
Eine hartnäckige Legende rankt sich um Daisys berühmte sechs Meter lange Perlenkette. Es hieß, sie sei bei ihrer Bestattung in ihrem Sarg versteckt worden oder irgendwo auf dem Anwesen vergraben, um zu verhindern, dass sie in sowjetische oder nationalsozialistische Hände fiele. Jahrzehntelang durchsuchten Schatzsucher das Gelände auf der Suche nach „Daisys Perlen". Die tragische Wirklichkeit ist jedoch wohl profaner, aber nicht weniger herzzerreißend: Neuere Forschungen legen nahe, dass sie die Perlen 1936 Stück für Stück verkauft hatte, um die Gestapo zu bestechen, ihren verhafteten und gefolterten Sohn Bolko freizulassen.
Projekt Riese und die Nazi-Tunnel
1941 beschlagnahmte das NS-Regime das Schloss, um die Schulden der Familie zu begleichen. 1943 begann die paramilitärische Organisation Todt mit einem riesigen, streng geheimen Bauprojekt, bekannt als Projekt Riese. Tausende Zwangsarbeiter und Häftlinge aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen wurden hierher gebracht, um ein weitverzweigtes Tunnelsystem tief ins Grundgestein unter dem Schloss zu graben. Die Arbeit war brutal, und Tausende starben an Erschöpfung, Verhungern und durch Hinrichtungen.
Der Zweck dieser Tunnel ist nach wie vor Gegenstand intensiver Debatten und Spekulationen. Einige Historiker glauben, dass hier ein neues Hauptquartier für Adolf Hitler geplant war (der sich sogar einen eigenen Aufzugschacht anlegen ließ, der seine geplante Suite mit den Tunneln verbinden sollte). Andere vermuten eine Fabrik für Geheimwaffen (wie die V2-Raketen) oder ein Versteck für Nazigold und Raubkunst. Der legendäre „Goldene Zug", der angeblich mit Nazi-Schätzen beladen sein soll, soll irgendwo in den Tunneln bei Wałbrzych vergraben sein – eine Schatzsuche, die bis heute andauert.
Heute ist ein Abschnitt dieser unterirdischen Tunnel für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Durchschreiten der kalten, feuchten, betonverstärkten Korridore bietet einen erschütternden Kontrast zu den Prunkgemächern der Barocksäle 50 Meter darüber. Es ist eine eindringliche Erinnerung an die doppelte Geschichte des Schlosses – Schönheit und Grauen zugleich. Seismische Sensoren und Georadar werden in der Region von Entdeckern, die nach den verlorenen Kammern suchen, nach wie vor häufig eingesetzt.
Architektur und Restaurierung
Die Architektur des Schlosses ist ein Stilmix, bedingt durch seine lange Geschichte aus Zerstörung und Wiederaufbau. Der älteste Teil ist der mittelalterliche Bergfried, während die sichtbarsten Teile die im 18. Jahrhundert hinzugefügten Barockflügel sind. Der Maximiliansaal ist das Glanzstück des Schlosses. Dieser zweigeschossige Ballsaal ist dem Spiegelsaal in Versailles nachempfunden und verfügt über Marmoramine, Kristallspiegel und ein Deckenfresko mit mythologischen Szenen. Es ist einer der wenigen Räume, die vollständig in seinen Vorkriegszustand zurückversetzt wurden, da große Teile des Schlosses 1945 von sowjetischen Truppen geplündert wurden.
Die Restaurierung ist noch im Gange. Viele Räume wurden während der kommunistischen Ära ausgeleert, aber jüngste Bemühungen haben dazu geführt, dass originale Möbel zurückgekehrt sind und die aufwendigen Stuckarbeiten repariert wurden. Der „Schwarze Hof" und der „Ehrenhof" sind beeindruckende Räume, in denen Konzerte und Märkte stattfinden.
Die Gärten und das Palmenhaus
Rund um das Schloss erstrecken sich mehrere terrassierte Gärten, jeder auf einer anderen Ebene, mit Brunnen und Statuen geschmückt. Sie bieten spektakuläre Ausblicke auf die Schlucht des Flusses Pełcznica darunter. Eine kurze Fahrt (oder ein 20-minütiger Spaziergang) entfernt liegt das Palmenhaus in Lubiechów, das Prinz Hans Heinrich XV. als Geschenk für Daisy bauen ließ. Es ist ein historisches Gewächshaus, das über 250 Arten exotischer Pflanzen aus aller Welt beherbergt, darunter Palmen, Bananenbäume und Bambus.
Einzigartig am Palmenhaus ist sein Baumaterial: Die Wände sind mit Tuff (Vulkangestein) ausgekleidet, der eigens vom Ätna auf Sizilien herbeigebracht wurde. Dies geschah angeblich auf Daisys Wunsch, da sie das poröse Gestein für seine Fähigkeit liebte, Feuchtigkeit zu speichern und Kletterpflanzen zu stützen. Heute dient das Palmenhaus auch als Schutzraum für Lemuren, Schildkröten und exotische Vögel und schafft so eine tropische Oase mitten in Schlesien.
Besucherinformationen
Schloss Książ liegt in der Stadt Wałbrzych in Niederschlesien. Es ist eine bedeutende Touristenattraktion und bietet verschiedene geführte Touren an, darunter eine „Daisy-Tour", die sich auf das Leben der Prinzessin konzentriert, und eine „Zweiter-Weltkrieg-Tour", bei der die Tunnel erkundet werden. Das Schloss beherbergt außerdem ein Hotel und mehrere Restaurants. Im Mai verwandelt das „Festival der Blumen und Kunst" die Schlosshöfe und füllt sie mit aufwendigen Blumenarrangements, die Besucher aus ganz Polen anziehen.
Ob Sie vom Liebesroman der Prinzessin Daisy, der architektonischen Pracht oder dem düsteren Geheimnis der Nazi-Tunnel angezogen werden – Schloss Książ bietet einen vielschichtigen Blick auf die europäische Geschichte. Es ist ein Ort, an dem die glitzernde Welt der Aristokratie heftig mit dem dunkelsten Mechanismus des 20. Jahrhunderts kollidierte und ein Denkmal hinterließ, das zugleich beeindruckend und gespenstisch ist.
Häufig gestellte Fragen
- Kann man die Nazi-Tunnel besichtigen?
- Ja, ein Teil des Tunnelsystems ist für Besucher zugänglich. Es gibt geführte Touren durch die feuchten, betonverstärkten Korridore, die einen erschütternden Einblick in die Zwangsarbeit der Kriegszeit geben. Die Touren müssen im Voraus gebucht werden und sind sehr beliebt.