Ein Märchenschloss über den Wolken von Sintra
Hoch oben auf einem steilen, felsigen Gipfel der Serra de Sintra thront der Palácio da Pena wie ein bunter Traum aus einer anderen Welt. Mit seinen leuchtend gelben und roten Türmen, seinen üppig verzierten Mauern und seinen verspielten neogotischen, maurischen und manuelinischen Ornamenten ist er weit mehr als nur ein Palast – er ist ein gebautes Manifest königlicher Fantasie. An klaren Tagen ist er schon aus Lissabon, fast 30 Kilometer entfernt, zu sehen, und wer ihn einmal aus der Ferne erblickt hat, begreift sofort, warum er zu den meistfotografierten Gebäuden der gesamten Iberischen Halbinsel gehört.
Der Pena-Palast ist nicht nur optisch spektakulär – er ist auch ein Weltkulturerbe der UNESCO und gilt als eines der bedeutendsten Beispiele des romantischen Historismus in Europa. Kein anderes Gebäude verkörpert den Geist des 19. Jahrhunderts so vollständig: die Sehnsucht nach Vergangenheit, die Begeisterung für Exotik und das Streben nach einem König, der mehr Poet als Politiker sein wollte.
Entstehung: Vom Kloster zum königlichen Traumpalast
Die Geschichte des Ortes beginnt lange vor dem bunten Palast. Bereits im 16. Jahrhundert stand auf diesem Gipfel ein kleines Hieronymitenkloster, das König Manuel I. im manuelinischen Stil erbauen ließ. Jahrhunderte lang lebten dort Mönche im Gebet und in der Stille, bis ein verheerendes Erdbeben – dasselbe, das 1755 Lissabon verwüstete – das Kloster stark beschädigte und die Gemeinschaft zur Aufgabe zwang.
Die entscheidende Wende kam, als der deutsche Prinz Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha im Jahr 1836 die Ruinen kaufte. Ferdinand war nicht nur Ehemann der portugiesischen Königin Maria II., sondern auch leidenschaftlicher Kunstliebhaber, Hobbyarchitekt und Romantiker durch und durch. Er erkannte sofort das Potenzial des Ortes und beauftragte den deutschen Bergbauingenieur und Künstler Wilhelm Ludwig von Eschwege mit dem Bau eines völlig neuen Palastes rund um die erhaltenen Klosterreste.
Was zwischen 1842 und 1854 entstand, war beispiellos: Eschwege und Ferdinand vereinten Elemente aus der deutschen Burg- und Schlosstradition, der arabisch-maurischen Architektur, der portugiesischen Manueline und der neogotischen Bewegung zu einem einzigartigen, eklektizistischen Meisterwerk. Jede Fassade erzählt eine andere Geschichte, jeder Turm ist in einem anderen Stil gestaltet, und doch ergibt das Ganze eine erstaunlich harmonische Gesamtkomposition.
Architektur: Ein Kaleidoskop der Stile
Wer durch die gewaltigen Torbögen des Pena-Palastes schreitet, wird sofort von der schieren Fülle architektonischer Details überwältigt. Am berühmtesten ist das sogenannte Tritonportal – ein riesiger Bogen, der von einer monumentalen Figur des mythischen Meeresgotts Triton gerahmt wird. Diese Skulptur ist eines der eindrucksvollsten manuelinischen Elemente des gesamten Baus und erinnert an die große Ära der portugiesischen Seefahrt.
Die Kapelle, der erhaltene Kern des alten Hieronymitenklosters, ist ein stiller Kontrast zur farbenfrohen Pracht des restlichen Palastes. Hier sind noch originale Azulejo-Kacheln aus dem 16. Jahrhundert erhalten, die Szenen aus dem Leben Jesu darstellen. Die Alabasterstatue der Madonna, die das Altarbild krönt, stammt ebenfalls aus dieser frühen Epoche.
Besonders beeindruckend sind die Staatssäle im Inneren: Der Arabische Saal mit seinen maurischen Stuckverzierungen und reich dekorierten Decken, der Ballsaal mit seinem aufwendigen Parkettboden, und das Schlafzimmer des Königs mit seiner vollständig erhaltenen viktorianischen Einrichtung. All diese Räume wurden nach dem Tod von König Ferdinand I. kaum verändert und vermitteln ein authentisches Bild des königlichen Lebens im späten 19. Jahrhundert.
Ferdinand I.: Der Künstlerkönig
König Ferdinand I. – in Portugal als Dom Fernando II. bekannt – ist die Schlüsselfigur in der Geschichte des Pena-Palastes. Er war nicht der typische Monarch des 19. Jahrhunderts. Statt Politik und Kriegsführung interessierten ihn Malerei, Musik, Fotografie und Architektur. Er malte selbst, spielte mehrere Instrumente und war einer der ersten Könige Europas, der die Fotografie als Kunstform ernst nahm.
Sein größtes Werk aber war zweifellos der Pena-Palast und der ihn umgebende Pena-Park. Letzterer umfasst etwa 200 Hektar und ist mit Hunderten von exotischen Baumarten bepflanzt, die Ferdinand aus aller Welt importieren ließ. Heute ist dieser Park ein botanisches Wunderland, in dem alte Zedern, riesige Mammutbäume, Baumfarne und seltene Rhododendren friedlich nebeneinander gedeihen. Wer Zeit hat, sollte unbedingt auch den Park erkunden – er verbirgt versteckte Wege, kleine Teiche, Statuen und sogar eine zweite romantische Ruine, den Palácio dos Milhafres.
Die Farbgebung: Ein ewiger Streit
Eine der meistdiskutierten Fragen in der Geschichte des Pena-Palastes ist die ursprüngliche Farbgebung seiner Fassaden. Als der Palast im 19. Jahrhundert fertiggestellt wurde, war er in lebhaften Gelb-, Rot- und Grautönen bemalt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verblassten diese Farben und wurden durch eine eintönige Grauschicht ersetzt, was dem Bauwerk eine düsterere, weniger romantische Ausstrahlung gab.
Erst im Zuge aufwendiger Restaurierungsarbeiten in den 1990er Jahren wurden die originalen Farben anhand historischer Fotografien und Farbspuren unter dem Putz rekonstruiert. Die heutigen leuchtenden Farben – das kräftige Gelb des ehemaligen Klosterteils und das sattes Zinnoberrot der romanischen Türme – entsprechen also tatsächlich dem Willen König Ferdinands. Manchen Besuchern erscheinen sie fast zu grell, aber genau das war beabsichtigt: Der Palast sollte von weitem wie ein Leuchtfeuer auf dem Hügel wirken.
Königliche Geschichte und politische Schicksale
Nach dem Tod König Ferdinands im Jahr 1885 wurde der Palast von nachfolgenden Monarchen weiter genutzt und gepflegt. König Carlos I. verbrachte hier viele Sommer und war ein begeisterter Fotograf – seine Aufnahmen des Palastes und seiner Umgebung sind heute wertvolle historische Dokumente. Sein Sohn Manuel II., der letzte König Portugals, verließ den Palast im Oktober 1910 fluchtartig, als die Republik ausgerufen wurde. Die königliche Familie emigrierte nach England, und der Pena-Palast wurde verstaatlicht.
Als öffentliches Nationaldenkmal öffnete er bald für Besucher und zieht seitdem Millionen von Touristen an. Sein Status als UNESCO-Weltkulturerbe – er ist Teil der Kulturlandschaft Sintra, die 1995 in die Liste aufgenommen wurde – sichert seinen Schutz für die Zukunft.
Praktische Besuchsinformationen
Der Pena-Palast gehört zu den meistbesuchten Attraktionen Portugals und ist das ganze Jahr über geöffnet. Im Sommer kann es jedoch zu langen Wartezeiten kommen, weshalb eine frühzeitige Online-Buchung der Eintrittskarten dringend empfohlen wird. Die ideale Tageszeit für einen Besuch ist der frühe Morgen, wenn das Licht weich ist und die Massen noch fehlen.
- Anreise: Von Lissabon aus fährt ein direkter Zug zum Bahnhof Sintra (ca. 40 Minuten). Von dort aus gibt es Busse und Taxis zum Palast, oder man wählt den anspruchsvollen, aber lohnenden Fußmarsch durch den Pena-Park (ca. 45 Minuten bergauf).
- Kombination mit anderen Sehenswürdigkeiten: Sintra bietet neben dem Pena-Palast noch weitere Highlights: den Castelo dos Mouros (eine maurische Burg aus dem 8. Jahrhundert, direkt nebenan), den Palácio Nacional de Sintra im Ortszentrum und den exzentrischen Palácio da Regaleira mit seinen mysteriösen Tunneln und Initiationsbrunnen.
- Beste Reisezeit: Frühling (April/Mai) und Herbst (September/Oktober) bieten angenehme Temperaturen und weniger Gedränge als der Hochsommer.
- Fotografieren: Die beste Außenansicht erhält man vom Castelo dos Mouros aus – von dort sieht man den Pena-Palast perfekt auf seinem Felsen thronen.
Ein Ort, der die Fantasie beflügelt
Der Palácio da Pena ist kein typisches Schloss. Er wurde nicht für militärische Zwecke erbaut, diente nie als Festung und war nie Schauplatz großer Schlachten. Er ist ein Ort der Schönheit, der Träume und der königlichen Lebensfreude. Wer ihn besucht, betritt die materialisierte Fantasie eines Mannes, der glaubte, dass Architektur die Seele erheben kann.
In einer Zeit, in der Könige zunehmend an politischem Einfluss verloren, schuf Ferdinand I. etwas Dauerhafteres als jede Macht: ein Gebäude, das Millionen von Menschen auch Jahrhunderte nach seinem Tod immer wieder in Staunen versetzt. Das ist vielleicht die größte Leistung des Künstlerkönigs von Portugal.