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Offensichtlich versteckt: Die Geheimnisse der Burgarchitektur

5.6.2024Von RoyalLegacy Editor
Offensichtlich versteckt: Die Geheimnisse der Burgarchitektur

Wir alle wollen diesen einen geheimen Hebel finden, der ein Bücherregal öffnet. Es ist eine Kindheitsfantasie, genährt von Scooby-Doo und Schauerromanen. Doch in der Geschichte der Burgen waren Geheimgänge kein Spaß und sie dienten auch nicht dem Schmuggel von verbotenem Wein. Es ging um Leben und Tod.

Architekten entwarfen Burgen mit dem Gedanken an Täuschung. Von unsichtbaren Räumen bis hin zu trickreichen Treppen war das Gebäude selbst eine Maschine, die darauf ausgelegt war, den Burgherrn zu verstecken und den Eindringling zu töten.

Das Priesterloch: Ein Meisterwerk der Tarnung

Die berühmtesten geheimen Räume Großbritanniens sind Priesterlöcher (Priest Holes). Während der protestantischen Reformation unter Elisabeth I. (spätes 16. Jahrhundert) war es Hochverrat, ein katholischer Priester zu sein. Bei einer Gefangennahme lautete die Strafe „Hängen, Ausweiden und Vierteilen“ (Hung, Drawn, and Quartered).

Katholische Familien in Herrenhäusern und Burgen bauten winzige, geheime Verstecke, um besuchende Priester (Jesuiten) vor den „Priesterjägern“ (Pursuivants) zu verbergen – Soldaten, die Dielenbretter aufrissen und Wände abmaßen, um Unstimmigkeiten zu finden.

Nicholas Owen, ein Meisterzimmermann (und später heiliggesprochen), war das Genie hinter diesen Konstruktionen. Er war ein kleiner Mann (mit dem Spitznamen „Little John“), der sein Leben damit verbrachte, Verstecke zu bauen.

  • Die Standorte: Er baute Verstecke unter Treppen, in Kaminen (die man nur betreten konnte, wenn das Feuer aus war), hinter falschen Wänden auf Dachböden und sogar in den Schächten von Aborterkern (Toiletten).
  • Die Täuschung: Owen nutzte Trompe-l’œil. Er baute ein falsches Versteck, das leicht zu finden war. Die Soldaten fanden das leere Loch, riefen „Wir haben es!“ und stellten die Suche ein. In der Zwischenzeit befand sich das echte Priesterloch tiefer in der Wand, sicher verborgen.
  • Die Bedingungen: Priester mussten manchmal in diesen Löchern bleiben – oft nicht größer als ein Schrank und zu niedrig, um darin zu stehen – für Tage oder Wochen, während Soldaten das Haus besetzt hielten. Sie mussten vollkommen still bleiben, ohne Essen oder Toilette, und atmeten durch einen Federkiel, der durch einen Riss im Mauerwerk geschoben wurde. In Harvington Hall können Sie noch heute einige der besten Beispiele sehen.

Baddesley Clinton: Die Flucht durch die Kanalisation

In Baddesley Clinton (einem von einem Wassergraben umgebenen Herrenhaus) war der Geheimgang ein Abwasserkanal. Der Große Saal besaß einen geheimen Schacht, der direkt nach unten in das mittelalterliche Abwassersystem führte.

Als 1591 Priesterjäger eintrafen, ließen sich Vater John Gerard und andere in den Abwasserkanal hinab. Sie standen stundenlang hüfttief in Wasser und Schlamm, während das Haus durchsucht wurde. Der Gestank überdeckte ihren Geruch vor den Hunden. Sie überlebten.

Die Ausfallpforte: Die Hintertür

Jede Burg hat ein Haupttor – das Fallgatter (Portcullis). Aber die meisten haben auch eine Ausfallpforte (Sally Port) oder ein Pförtchen (Postern Gate). Dies ist eine kleine, unscheinbare Tür in der Burgmauer, die meist in der Nähe der Fundamente oder hinter einem Strebepfeiler versteckt ist und oft gerade groß genug für einen Mann ist, um sich hindurchzuzwängen.

  • Angriff: Sie wurde für Ausfälle genutzt („Sallying forth“). Die Verteidiger warteten, bis die Belagerer schliefen oder abgelenkt waren, stürmten dann aus der Ausfallpforte, um deren Belagerungstürme niederzubrennen oder ihre Vorräte zu plündern, und zogen sich zurück, bevor der Feind reagieren konnte.
  • Flucht: Sie war auch der Notausgang für den Burgherrn, falls die Burg fiel. König Karl II. nutzte bekanntermaßen Geheimtüren und Verkleidungen, um nach der Schlacht von Worcester zu entkommen.

Die Stolperstufe (Stumble Step)

Ein subtiler, aber tödlicher Trick, der in Wendeltreppen angewendet wurde. Mittelalterliche Architekten bauten in einer langen Treppe manchmal eine einzelne Stufe ein, die leicht uneben war – entweder höher oder tiefer als die anderen.

  • Die Verteidiger, die dort lebten und jeden Tag die Treppe hinaufgingen, hatten ein Muskelgedächtnis. Sie wussten automatisch, dass sie diese Stufe überspringen oder sich darauf einstellen mussten.
  • Angreifer, die im Dunkeln, meist mit gezogenen Schwertern und laut rufend, die Treppe hinaufstürmten, trafen auf die unebene Stufe und stolperten.

In einem Schwertkampf ist ein Stolpern fatal. Der momentane Verlust des Gleichgewichts ermöglichte es dem Verteidiger am oberen Ende der Treppe, zuzuschlagen.

Der Colditz-Hahn: Geheimnisse des Zweiten Weltkriegs

Die Tradition der geheimen Burggänge endete nicht im Mittelalter. Das Schloss Colditz in Deutschland diente während des Zweiten Weltkriegs als Kriegsgefangenenlager für „unausbrechbare“ alliierte Offiziere. Die Gefangenen (die oft gelangweilte Ingenieure waren) betrachteten das Schloss wie ein Rätsel.

  • Sie zogen falsche Wände auf dem Dachboden hoch, um ein Segelflugzeug (den „Colditz Cock“) zu bauen.
  • Sie gruben Tunnel durch die massiven Felsfundamente.
  • Sie versteckten Funkgeräte in ausgehöhlten Bettpfosten.

Die französischen Offiziere entdeckten sogar einen alten mittelalterlichen Entwässerungstunnel, der von den deutschen Wachen vergessen worden war, und nutzten ihn, um in den Weinkeller zu gelangen.

Mythos vs. Realität: Der lange Tunnel

Legenden über „geheime Tunnel“, die Burgen mit nahe gelegenen Abteien, Kneipen oder der Küste verbinden, sind überwältigend häufig. Fast jedes Dorf in England behauptet, die örtliche Burg habe einen Tunnel zur drei Meilen entfernten Kirche. 99 % davon sind Mythen.

  • Belüftung: Es ist unmöglich, einen drei Meilen langen Tunnel ohne moderne Belüftung zu bauen; man würde ersticken.
  • Ingenieurskunst: Tunnelbau unterhalb des Grundwasserspiegels ohne Pumpen ist unmöglich.

Meistens sind diese „Tunnel“ nur große Abflüsse oder Abwasserkanäle, die von Einheimischen wiederentdeckt und romantisiert wurden.

Das Geheimnis der Bibliothek

Das „Bücherregal, das sich öffnet“ ist größtenteils eine Erfindung des viktorianischen Zeitalters. Im 18. und 19. Jahrhundert fügten Verfechter der Neugotik ihren Bibliotheken nur zum Spaß Geheimtafeln hinzu, um ihre Gäste zu begeistern.

Echte Burgen hatten jedoch oft „Spählöcher“ oder „Schielöffnungen“ (Squints). Der Burgherr ließ sich ein geheimes Hörrohr oder ein Guckloch in die Wand der Großen Halle einbauen, damit er vom privaten Solar (Wohnraum) darüber dem Klatsch seiner Diener oder Gäste lauschen konnte. Wissen war Macht.

Wo man heute Priesterlöcher finden kann

Mehrere englische Herrenhäuser und Burgen haben ihre Priesterlöcher für Besucher erhalten.

  • Harvington Hall (Worcestershire): Die wohl beste erhaltene Sammlung von Priesterlöchern in England. Es wird angenommen, dass Nicholas Owen selbst viele von ihnen gebaut hat. Das Haus verfügt über sieben identifizierte Verstecke, darunter eines in einem Aborterker und ein weiteres, für dessen Zugang der Besucher einen Balken entfernen muss. Es ist der ultimative Ort für jeden, der sich ernsthaft für diese Geschichte interessiert.
  • Oxburgh Hall (Norfolk): Ein wasserumschlossenes Herrenhaus mit einem Priesterloch, das in der Dicke der Wand eines Treppenturms verborgen ist. Die Familie Bedingfeld, die es erbaute, blieb während der gesamten Reformation katholisch.
  • Baddesley Clinton (Warwickshire): Das Herrenhaus mit Wassergraben, an dem die Flucht durch den Abwasserkanal stattfand. Der Einstiegsschacht ist noch immer im Boden des Great Hall sichtbar.
  • Coughton Court (Warwickshire): Das Zuhause der Familie Throckmorton, die mit dem Gunpowder Plot (Schießpulververschwörung) in Verbindung gebracht wird. Der Torhausturm enthält ein Priesterloch, in dem Familienmitglieder auf Nachrichten über den Versuch von Guy Fawkes im Jahr 1605 warteten.

Fazit

Eine Burg ist eine Maschine, die zur Täuschung konstruiert wurde. Sie präsentiert nach außen ein Gesicht brutaler Stärke – dicke Mauern, eiserne Tore – doch ihr Überleben hing oft von dem Unsichtbaren ab. Vom Priester, der in einem Schrank den Atem anhielt, bis zum Burgherrn, der durch die Hintertür in die Nacht hinausschlüpfte, war der wichtigste Raum in der Burg oft derjenige, den man nicht sehen konnte.