Die unbezwingbare Festung im Meer
Wie ein gewaltiges, versteinertes Schiff erhebt sich das Castello Aragonese (die Aragonesische Burg) abrupt und majestätisch aus den tiefblauen Fluten des Tyrrhenischen Meeres. Es ist das unangefochtene und weithin sichtbare Wahrzeichen der wunderschönen Insel Ischia. Die Festung thront auf einer zerklüfteten, vulkanischen Felseninsel und ist nur durch eine 220 Meter lange, schmale Steinbrücke, den sogenannten Ponte Aragonese, mit der Hauptinsel verbunden. Das Castello ist jedoch weitaus mehr als nur eine einfache Burg; es ist eine komplette, eigenständige befestigte Stadt, die scheinbar magisch zwischen dem weiten Himmel und dem tiefen Meer schwebt. Über viele dramatische Jahrhunderte hinweg diente dieser isolierte Felsen der gesamten Bevölkerung von Ischia als lebensrettender und oft einziger Zufluchtsort vor blutrünstigen Piraten, feindlichen Invasionsarmeen und den verheerenden Ausbrüchen der umliegenden Vulkane. In seiner absoluten Blütezeit drängten sich fast 2.000 Familien dicht an dicht innerhalb der schützenden Ringmauern, zusammen mit dem örtlichen Bischof, einem Fürsten, einer stark bewaffneten Militärgarnison sowie mehreren bedeutenden Orden von Nonnen und Mönchen. Es war eine völlig autarke, in sich geschlossene Welt, streng isoliert durch unüberwindbares Wasser und harten Stein.
Heute präsentiert sich das Castello als ein Ort von atemberaubender, wildromantischer Schönheit und einer spürbaren, leisen Melancholie. Die stillen Ruinen alter Kirchen, verlassener Klöster und düsterer Gefängnisse sind malerisch überwuchert von üppig blühender mediterraner Vegetation – knorrige Olivenbäume, leuchtende Oleanderbüsche und stachelige Kakteen klammern sich an die alten Steine. Ein Besuch hier ist wie eine vertikale, steile Reise durch die Zeit, bei der jeder mühsame Schritt nach oben eine völlig neue, faszinierende historische Schicht enthüllt und gleichzeitig den Panoramablick über den gesamten, sonnenüberfluteten Golf von Neapel noch weiter öffnet. Die tiefe Stille der verlassenen Ruinen spricht Bände über die unzähligen Leben, die einst an diesem außergewöhnlichen Ort gelebt, geliebt und gelitten wurden.
Geschichte: Ein heiliges Refugium vor Barbarossa
Die allererste Verteidigungsanlage an diesem strategisch perfekten Ort wurde bereits 474 v. Chr. von Hieron I., dem mächtigen Tyrannen von Syrakus, errichtet. Später erkannten auch die Römer den Wert des Felsens und nutzten ihn konsequent als gut gesicherten militärischen Außenposten zur Kontrolle der Seewege. Ihren heutigen, weltbekannten Namen sowie ihre aktuelle, imposante architektonische Form verdankt die Festung jedoch primär der spanischen Dynastie der Aragonesen. Im Jahr 1441 ordnete König Alfons V. von Aragón den massiven Wiederaufbau und die weitreichende Verstärkung der alten angevinischen Festungsanlage an. Er ließ die ohnehin schon dicken Ringmauern noch weiter verstärken und erbaute vor allem die lebenswichtige steinerne Brücke, die die alte, gefährdete Holzkonstruktion ersetzte, welche bei Angriffen allzu leicht ein Raub der Flammen wurde. Mit diesen weitsichtigen Maßnahmen antizipierte er klugerweise die dringend notwendige Verteidigung gegen die stetig wachsende und brutale Bedrohung vom Meer aus.
Die massiven Verteidigungsanlagen des Castello wurden im Laufe des 16. Jahrhunderts auf die wohl härteste und grausamste Probe ihrer Geschichte gestellt. Das gesamte Mittelmeer wurde in dieser Zeit unbarmherzig von den brutalen Raubzügen des berüchtigten Barbaresken-Korsaren Hayreddin Barbarossa heimgesucht und terrorisiert. Im Jahr 1544 griff Barbarossa mit seiner Flotte Ischia frontal an und verschleppte auf grausame Weise 4.000 wehrlose Einwohner in die brutale Sklaverei. Einzig und allein diejenigen Bewohner, die es rechtzeitig hinter die rettenden Mauern des Castello schafften, wurden vor diesem schrecklichen Schicksal bewahrt. Für die folgenden zwei Jahrhunderte blieb die überfüllte Festung der absolut einzige sichere Ort auf der gesamten Insel. In dieser extremen Zeit der Isolation beherbergte der kleine Felsen sage und schreibe 13 Kirchen, eine prächtige Kathedrale und ein großes Kloster. Doch die Sicherheit währte nicht ewig: Im Jahr 1809, während der weltweiten Turbulenzen der Napoleonischen Kriege, beschoss die mächtige englische Flotte das Castello unbarmherzig vom Meer aus. Bei diesem vernichtenden Bombardement wurde die Kathedrale weitgehend zerstört und die verbliebenen Einwohner wurden endgültig zur Evakuierung gezwungen. In späteren, dunkleren Zeiten, insbesondere während der politischen Umbrüche des italienischen Risorgimento, diente die abgelegene Festung als gefürchtetes Gefängnis für politische Dissidenten und entwickelte sich vorübergehend zu einem verhassten Symbol der Unterdrückung, bevor sie schließlich in jüngerer Zeit liebevoll und aufwendig restauriert wurde.
Architektur: Eine steinerne Stadt am Himmel
Das riesige Castello erstreckt sich über eine beeindruckende Gesamtfläche von 56.000 Quadratmetern. Der mühsame Weg zum höchsten Punkt der Festung schlängelt sich durch einen düsteren, direkt in den massiven Fels gehauenen Tunnel, der ebenfalls von Alfons V. in Auftrag gegeben wurde. Dieser strategisch wichtige Tunnel ist mit speziellen Öffnungen (sogenannten Pechnasen) in der Decke versehen, durch die die Verteidiger im Falle einer Belagerung kochendes Öl, heißes Pech oder schwere Steine auf die eindringenden Angreifer schütten konnten – ein extrem brutaler, aber damals hochgradig effektiver Verteidigungsmechanismus.
Der Friedhof der Klarissen-Nonnen (Il Cimitero delle Monache Clarisse)
Eine der wohl makabersten, unheimlichsten und gleichzeitig faszinierendsten Sehenswürdigkeiten innerhalb der alten Burgmauern ist der Friedhof der Klarissen (Cimitero delle Monache Clarisse). Die Bestattungsrituale dieses Ordens waren nichts für schwache Nerven: Wenn eine Nonne verstarb, wurde sie keineswegs traditionell in der Erde beerdigt. Stattdessen wurde ihr lebloser Körper in einem fensterlosen, kühlen Raum im Untergrund auf einen speziellen, thronartigen Steinsitz (sogenannte Scolatoi) gesetzt. Dieser Sitz war so konstruiert, dass die Körperflüssigkeiten langsam abfließen konnten und der Leichnam über die Zeit auf natürliche Weise mumifizierte und austrocknete. Das wahrhaft Schockierende an dieser Praxis war jedoch, dass die noch lebenden Nonnen des Ordens gezwungen waren, täglich in genau diesen Raum hinabzusteigen, um stundenlang zu beten – und zwar buchstäblich umgeben von den langsam verwesenden und mumifizierenden Körpern ihrer ehemaligen Mitschwestern. Dieses Ritual diente als extrem kraftvolle, tägliche Meditation über den unausweichlichen Tod (Memento mori) und die absolute Nichtigkeit der physischen Hülle im Vergleich zur ewigen Seele. Gleichzeitig stellte dieser Ritus jedoch ein massives gesundheitliches Risiko dar und trug höchstwahrscheinlich erheblich zur auffallend kurzen Lebenserwartung der Nonnen bei, die sich in der verseuchten Luft der Krypta aufhielten. Bis heute bleibt dieser Ort eine beklemmende und schaurige Erinnerung an den extremen, asketischen Glauben dieser vergangenen Epoche.
Die Ruine der Kathedrale dell'Assunta (Mariä Himmelfahrt)
Die Überreste der Kathedrale dell'Assunta sind von einer wahrhaft gespenstischen und unvergleichlich romantischen Schönheit. Das mächtige Dach der Kirche stürzte während des verheerenden britischen Artilleriebeschusses im Jahr 1809 vollständig ein, wodurch das Hauptschiff seitdem ungeschützt dem offenen Himmel preisgegeben ist. Die feinen, strahlend weißen Stuckdekorationen klammern sich noch immer verzweifelt an die eleganten Bögen und bilden einen spektakulären, fast schon surrealen Kontrast zum tiefblauen Himmel darüber. Bei Ausgrabungen in der Krypta unterhalb der Kirche wurden zudem wunderschöne Fresken entdeckt, die eindeutig der berühmten Schule von Giotto zugerechnet werden und eindrucksvoll den enormen künstlerischen Reichtum erahnen lassen, der hier für immer verloren ging. Es ist eine klassische, romantische Ruine im wahrsten und schönsten Sinne des Wortes.
Die Kirche der Unbefleckten Empfängnis (Chiesa dell'Immacolata)
Nur wenige Schritte entfernt erhebt sich stolz die Kirche der Unbefleckten Empfängnis, deren markante Kuppel die gesamte Silhouette der Festungsinsel weithin sichtbar dominiert. Im Gegensatz zur stark zerstörten Kathedrale ist dieses Bauwerk noch weitgehend intakt und bietet Besuchern einen authentischen, ungestörten Einblick in das tiefe spirituelle Leben, das einst die Bewohner des Castello prägte. Das fast schon blendend weiße, strenge Interieur der Kirche bildet einen faszinierenden optischen Kontrast zu dem dunklen, rauen grauen Vulkangestein, aus dem die massiven Festungsmauern erbaut sind.
Aussichten und himmlische Gärten
Das Castello ist überraschenderweise nicht nur eine karge militärische Festung, sondern in weiten Teilen auch ein blühender botanischer Garten. Die sogenannte Terrasse der Unsterblichen (Terrazza degli Ulivi) bietet ohne Übertreibung einen der absolut spektakulärsten Panoramablicke in ganz Italien. Von hier oben überblickt man den bunten, geschäftigen Hafen von Ischia Ponte, sieht in der Ferne die mondäne Insel Capri aus dem Meer ragen und erkennt bei klarem Wetter auf dem fernen Festland die bedrohliche, ikonische Silhouette des Vesuvs. Die kunstvoll angelegten Terrassengärten sind bis heute dicht bepflanzt mit alten Weinreben, duftenden Zitronen und knorrigen Feigenbäumen. Damit führen sie die jahrhundertealte landwirtschaftliche Tradition der emsigen Mönche fort, die hier einst lebten und das karge Eiland bewirtschafteten. Das kleine, idyllisch gelegene Café "Il Terrazzo" am Rande der Klippen ist der perfekte Ort, um diese überwältigende Schönheit in sich aufzunehmen – idealerweise mit einem Glas des exzellenten lokalen Weins in der Hand, während die Sonne langsam und glutrot im Mittelmeer versinkt.
Wichtige Informationen für Besucher
Anreise zum Castello
Das Castello liegt überaus malerisch im Ortsteil Ischia Ponte, direkt an der belebten Ostküste der Insel. Die Insel Ischia selbst ist hervorragend mit der Autofähre oder dem schnellen Tragflächenboot (Hydrofoil) von den Häfen Neapels (Beverello oder Porta di Massa) aus zu erreichen. Vom Haupthafen Ischia Porto aus können Sie bequem den Bus (Linie 7) nehmen oder ein lokales Taxi nach Ischia Ponte mieten. Allein der Fußweg über die lange Steinbrücke hinüber zur Insel ist bereits ein unvergessliches Erlebnis und bietet fantastische Fotomotive mit den bunten, kleinen Fischerbooten, die sanft im Wasser darunter schaukeln.
Der Aufzug in die Geschichte
Der historische Weg hinauf zur Spitze der Festung ist extrem steil, anstrengend und führt über unebenes Kopfsteinpflaster. Glücklicherweise gibt es heute einen modernen, in den Fels gehauenen Aufzug, der die Besucher schnell und bequem etwa zwei Drittel des anstrengenden Weges nach oben befördert. Es wird dringend empfohlen, für den Aufstieg den Aufzug zu nutzen und später in aller Ruhe zu Fuß hinabzugehen, um dabei alle versteckten Sehenswürdigkeiten und Nischen am Wegesrand entdecken zu können. Bequeme, trittsichere Schuhe sind auf dem gesamten Gelände absolute Pflicht, da die alten Steinpfade oft sehr uneben und rutschig sein können.
Kultur und Veranstaltungen
Das riesige Castello befindet sich heute in Privatbesitz der alteingesessenen Familie Mattera, die die Anlage in den letzten Jahrzehnten mit viel Liebe, enormem finanziellem Aufwand und Respekt vor der Geschichte restauriert hat. In den alten Gemäuern finden heute regelmäßig hochkarätige Kunstausstellungen und atmosphärische Konzerte statt. Zudem ist das Castello jeden Sommer der stolze Austragungsort des renommierten Ischia Film Festivals. Innerhalb der dicken Burgmauern laden zwei charmante Cafés/Restaurants zum Verweilen ein. Sie bieten die einmalige Gelegenheit, exzellenten Wein zu probieren, der tatsächlich aus den Trauben gekeltert wird, die direkt auf den Terrassen des Schlosses wachsen – und das alles bei einem unvergesslichen Sonnenuntergang über dem Meer. Ein Besuch hier ist eine wahrhaft magische Erfahrung, die dramatische Geschichte, große Kunst und atemberaubende Natur auf perfekte Weise miteinander verbindet. Vergessen Sie keinesfalls, bei Ihrem Rundgang auch das interessante Meeresmuseum sowie das düstere, aber aufschlussreiche Foltermuseum innerhalb des riesigen Festungskomplexes zu besuchen, um noch tiefer in die oft grausame, aber immer faszinierende Vergangenheit dieses Ortes einzutauchen.