Das Schloss der Träume und Alpträume
Caernarfon Castle ist weitaus mehr als nur eine einfache, funktionale militärische Festung; es ist ein absolutes Meisterwerk der psychologischen Kriegsführung, für die Ewigkeit in massiven Stein gemeißelt. Als der englische König Edward I. (Eduard der Erste) im Jahr 1283 nach langen, blutigen Kämpfen das wilde Wales endgültig erobert hatte, reichte es ihm keineswegs, das fremde Land nur rein militärisch zu besetzen. Sein weitaus größeres, diabolisches Ziel war es, den rebellischen walisischen Geist und Nationalstolz endgültig zu brechen, indem er ihre eigene, uralte Mythologie kaperte und gegen sie verwendete. Das atemberaubende Resultat dieser Ambition ist eines der absolut furchteinflößendsten und architektonisch einzigartigsten Bauwerke des gesamten europäischen Mittelalters. Es ist heute eine stolze UNESCO-Weltkulturerbestätte, die die kleine Hafenstadt Caernarfon noch immer absolut dominiert.
Im extrem scharfen Kontrast zu Edwards anderen walisischen Festungen des sogenannten "Eisernen Rings" (wie beispielsweise Conwy oder Beaumaris), die sich durch standardisierte, runde Türme und homogenen, grauen Stein auszeichnen, ist Caernarfon architektonisch radikal anders konzipiert. Die Anlage besticht durch massive polygonale (vieleckige) Türme und extrem auffällige, farbig gebänderte Außenmauern. Diese unverwechselbare Optik entsteht durch den gezielten, abwechselnden Einsatz von Schichten aus sehr hellem Kalkstein und extrem dunklem Sandstein. Dies war keineswegs ein Zufall oder eine Laune der Baumeister, sondern eine sehr bewusste, kalt kalkulierte Designentscheidung des Königs. Edward I. imitierte mit dieser Bänderung absichtlich die legendären, weltberühmten Theodosianischen Mauern von Konstantinopel (dem heutigen Istanbul), der unbesiegbaren Hauptstadt des byzantinischen (oströmischen) Reiches. Indem er buchstäblich ein "neues Konstantinopel" mitten in Wales errichten ließ, sandte er eine unmissverständliche, erdrückende Botschaft an die Besiegten: Ich bin der neue, unangefochtene römische Kaiser, und ihr seid von nun an lediglich die unterworfenen Untertanen einer neuen, unbesiegbaren imperialen Weltmacht.
Die uralte walisische Legende von Macsen Wledig
König Edward wählte exakt diesen spezifischen, strategischen Ort an der Mündung des Flusses Seiont ganz bewusst aufgrund einer alten, tief verwurzelten walisischen Legende aus, die im berühmten Mabinogion (der wichtigsten Sammlung walisischer Mythen) niedergeschrieben ist. Diese Geschichte ist weithin bekannt als Der Traum des Macsen Wledig. In dieser mystischen Erzählung hat ein mächtiger römischer Kaiser namens Macsen (Magnus Maximus) einen intensiven Traum von einer langen, beschwerlichen Reise über hohe Berge und tiefe Flüsse, bis er schließlich am Ende der Welt eine "gewaltige Festung an der Mündung eines Flusses" findet. Diese Traumfestung zeichnete sich durch hohe, mehrfarbige Türme und einen prächtigen goldenen Thronsessel im Inneren aus. Als der Kaiser erwacht, ist er so besessen von dem Traum, dass er seine besten Männer in alle Himmelsrichtungen aussendet, um diesen Ort in der Realität zu finden – und sie entdecken ihn schließlich genau hier, in Caernarfon.
Indem Edward I. nun eine reale, gigantische, mehrfarbige Festung an exakt jenem Ort erbaute, den die heilige Legende prophezeit hatte, schrieb er die alte walisische Prophezeiung faktisch eigenhändig und gewaltsam um. Er beanspruchte durch diese architektonische Geste völlig unverhohlen, dass er selbst der einzig wahre, legitime Erbe jenes großen römischen Vermächtnisses war, welches das walisische Volk seit Jahrhunderten zutiefst verehrte. Es war eine absolute Meisterklasse in mittelalterlicher, psychologischer Staatspropaganda: Er nutzte monumentale Architektur ganz gezielt als Waffe, um seine blutige militärische Eroberung vor den Augen der Besiegten spirituell und historisch zu legitimieren.
Der historische Geburtsort des "Prince of Wales"
Caernarfon Castle ist zudem der historische Geburtsort des prestigeträchtigen Titels "Prince of Wales" (Fürst von Wales), der traditionell dem englischen Thronfolger verliehen wird – eine politische Tradition, die in Wales bis zum heutigen Tag stark emotional aufgeladen und hochgradig umstritten ist. Im Jahr 1284 wurde Edwards Sohn (der spätere, tragisch endende König Edward II.) genau hier, tief im Inneren der sich noch im Bau befindlichen Burg, geboren. Eine sehr berühmte (wenn auch historisch schwer zu belegende) Legende besagt, dass der schlaue König Edward I. dem versammelten, widerwilligen walisischen Adel feierlich versprach, er würde ihnen einen eigenen Prinzen geben, der "in Wales geboren wurde und absolut kein einziges Wort Englisch sprach". Zur totalen Verblüffung der Adligen präsentierte er ihnen daraufhin kurzerhand seinen schreienden, neugeborenen Sohn auf einem Schild – und dieser sprach in der Tat noch kein Englisch, sondern nur das unverständliche Gebrabbel eines weinenden Säuglings.
Diese von Edward begründete Tradition wurde über viele Jahrhunderte hinweg von der englischen Krone aufrechterhalten. In der jüngeren Geschichte war die Burg der Schauplatz von zwei großen, weltweit beachteten modernen Investituren (Amtseinführungen):
- 1911: Die feierliche Investitur des späteren, abgedankten Königs Edward VIII. Diese Zeremonie war in ihrer Form größtenteils eine kluge PR-Erfindung des damaligen walisischen Politikers David Lloyd George, die speziell darauf abzielte, den lokalen walisischen Patriotismus zu stärken und die Bindung an die Krone zu erneuern.
- 1969: Die weitaus bekanntere Investitur von Prinz Charles (dem heutigen König Charles III.). Dies war ein gigantisches, globales Fernsehereignis, das von schätzungsweise 500 Millionen Menschen weltweit live verfolgt wurde. Es fand jedoch inmitten einer Phase extrem intensiven, radikalen walisischen Nationalismus statt. Die Burg befand sich unter den absolut strengsten Sicherheitsvorkehrungen, da es im Vorfeld massive, glaubhafte Bombendrohungen von walisischen paramilitärischen Gruppen gegeben hatte, und die gesamte Zeremonie wurde von einem großen Teil der lokalen Bevölkerung aktiv boykottiert. Das schlichte, kreisrunde Schieferpodest im unteren Burghof, auf dem Königin Elizabeth II. ihren jungen Sohn der Menge offiziell präsentierte, steht noch heute dort – ein etwas einsames, verwittertes Denkmal für einen hochgradig kontroversen und angespannten Tag in der walisischen Geschichte.
Das Königstor (The King's Gate): Eine mittelalterliche Todeszone
Der heutige, massiv befestigte Haupteingang zur Burg erfolgt durch das sogenannte King's Gate (Königstor). Es wird von führenden Militärhistorikern weltweit allgemein als das stärkste, komplexeste und am raffiniertesten konstruierte Torhaus angesehen, das jemals in ganz Großbritannien entworfen wurde. Obwohl dieses gigantische Bauwerk ironischerweise niemals vollständig nach den originalen Plänen fertiggestellt wurde, stellte es selbst in seinem unvollendeten Zustand ein absolut furchteinflößendes, schier unüberwindbares Hindernis für jeden potenziellen Angreifer dar.
Um tatsächlich in den inneren Hof der Burg zu gelangen, musste ein feindlicher Angreifer buchstäblich einen wahren Spießrutenlauf des Todes überleben:
- Zunächst musste der tiefe Wassergraben über die hochgezogene Zugbrücke überquert werden (diese ist heute durch eine permanente, steinerne Brücke ersetzt).
- Anschließend mussten fünf separate, extrem schwere und eisenbeschlagene Holztore gewaltsam durchbrochen werden.
- Man musste unter sechs massiven, eisernen Fallgittern (Portcullises) hindurch, die von den Verteidigern jederzeit blitzschnell herabgelassen werden konnten, um feindliche Soldaten in winzigen, fensterlosen Zwischenräumen (Killing Zones) gnadenlos einzusperren.
- Dabei galt es, den ständigen Beschuss aus den zahlreichen Mörderlöchern (Pechnasen) direkt in der Decke zu überleben. Diese Löcher dienten entgegen populärer Mythen meist nicht primär dem Ausgießen von kochendem Öl (welches viel zu teuer und kostbar war); sie wurden vor allem genutzt, um zentnerschwere Felsbrocken, kochendes Wasser oder – besonders grausam – ätzenden ungelöschten Kalk auf die eingesperrten Männer unter ihnen regnen zu lassen. Der Kalk verbrannte sofort die ungeschützte Haut und führte bei Augenkontakt zur sofortigen, schmerzhaften Erblindung.
- Gleichzeitig musste man den ständigen, tödlichen Pfeilhagel vermeiden, der aus zahllosen, raffiniert auf verschiedenen Höhen angelegten Schießscharten von beiden Seiten des extrem engen Durchgangs auf die Angreifer abgefeuert wurde.
Der Adlerturm (The Eagle Tower)
Der mit Abstand größte, beeindruckendste und dominanteste aller polygonalen Türme der Anlage ist der Adlerturm (Eagle Tower). Er ist so gigantisch konstruiert, dass er faktisch als eine völlig autarke Burg innerhalb der Burg funktionierte. Er verfügt über ein eigenes, schwer gesichertes Tor, ein eigenes Fallgitter und vor allem über eine völlig unabhängige, interne Wasserversorgung. Dies bedeutete in der Praxis: Selbst wenn die gesamten restlichen Verteidigungsanlagen der Burg durch eine Übermacht an den Feind fallen sollten, konnte sich der König mit seiner Leibgarde hierhin zurückziehen, die schweren Türen verriegeln und einer Belagerung nahezu auf unbestimmte Zeit standhalten. Der Turm hat seinen Namen von den drei großen, verwitterten steinernen Adlern, die stolz auf den Spitzen seiner drei Wachtürmchen sitzen. Auch diese Adler waren natürlich kein Zufall, sondern ein weiteres, unmissverständliches römisches Imperiensymbol (der Aquila), das das imperiale Thema des Königs noch weiter verstärkte. Im Inneren des Turms können Besucher heute die erhaltenen königlichen Privatgemächer erkunden, darunter auch den sehr kleinen, dunklen und zugigen Raum, in dem König Edward II. angeblich geboren wurde (obwohl viele moderne Historiker heute stark bezweifeln, dass eine Königin in einem derart ungemütlichen Raum entbunden hätte, und eher eine komfortablere Kammer in der Nähe vermuten).
Das Museum der Royal Welsh Fusiliers
Direkt innerhalb von zwei der massiven Wehrtürme der Burg ist heute das ausgezeichnete Museum der Royal Welsh Fusiliers untergebracht, eines der absolut ältesten, traditionsreichsten und am höchsten dekorierten Infanterieregimenter in der gesamten Geschichte der britischen Armee. Der Eintritt zu diesem faszinierenden Museum ist bereits vollständig in Ihrem regulären Burgticket enthalten. Es ist ein extrem lohnenswerter, informativer historischer Umweg, der unter anderem Folgendes bietet:
- Eine beeindruckende, chronologische Sammlung von originalen Uniformen, Ausrüstungsgegenständen und Waffen aus über 300 Jahren blutiger Kriegsführung – vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg über die Schützengräben des Ersten Weltkriegs bis hin zu modernen, asymmetrischen Konflikten.
- Eine sehr bewegende, spezielle Ausstellung über Siegfried Sassoon und Robert Graves, die beiden weltberühmten britischen "War Poets" (Kriegsdichter) des Ersten Weltkriegs, die beide stolz als Offiziere genau in diesem walisischen Regiment dienten.
- Eine Vitrine mit unzähligen, echten Tapferkeitsmedaillen (einschließlich des Victoria Cross), die von einfachen Soldaten des Regiments für extreme, oft selbstlose Tapferkeit im Angesicht fast unmöglicher militärischer Übermacht gewonnen wurden.
Die alten Stadtmauern von Caernarfon
Caernarfon ist weit mehr als nur eine isolierte Festung; es war von Beginn an als eine stark befestigte, englische Garnisonsstadt (eine sogenannte Bastide) konzipiert. Edward I. ließ einen extrem massiven, dicken Ring aus hohen Steinmauern um die gesamte zivile Siedlung herum errichten, um die neu angesiedelten, loyalen englischen Kaufleute und Händler vor den ständigen Überfällen der wütenden walisischen Rebellen aus dem Umland zu schützen. Heute können Besucher noch immer fast den gesamten, beeindruckenden Rundgang dieser gut erhaltenen Stadtmauern ablaufen. Dieser historische Spaziergang bietet Ihnen nicht nur absolut spektakuläre, ungewohnte Ausblicke auf die Burg aus völlig verschiedenen, erhöhten Blickwinkeln, sondern auch ein fantastisches, weites Panorama über die Meerenge der Menai Strait hinüber bis zur Insel Anglesey. Der Spaziergang auf den Mauern vermittelt Ihnen ein hervorragendes, räumliches Gefühl dafür, wie total und kompromisslos diese gigantische Festung sowohl die Landschaft an Land als auch den extrem wichtigen, lebensrettenden Schiffsverkehr auf dem Meer kontrollierte.
Praktische Informationen für Ihren Besuch
- Ihre Anreise nach Caernarfon: Die Stadt Caernarfon liegt im Nordwesten von Wales, nur etwa 20 bequeme Autominuten von der größeren Universitätsstadt Bangor entfernt. Es gibt in der Regel ausreichend Parkplätze auf dem großen, öffentlichen Parkplatz am Slate Quay (Schieferkai), der sich direkt unterhalb der gigantischen Burgmauern am Wasser befindet. Ein absoluter Geheimtipp: Dies ist auch genau der beste, beliebteste Ort, um die klassischen, perfekten Fotos von der Burg zu machen, wie sie sich bei Flut majestätisch im ruhigen Wasser des Flusses spiegelt.
- Informationen zur Barrierefreiheit: Wie es für massive, mittelalterliche Militärfestungen leider absolut typisch ist, verfügt auch Caernarfon im Inneren über unzählige, extrem steile Wendeltreppen aus Stein und viele sehr unebene, holprige Flächen. Dank kürzlich durchgeführter, sehr aufwendiger Renovierungsarbeiten wurde jedoch eine spezielle, sanft ansteigende Zugangsrampe durch das King's Gate installiert. Diese Neuerung macht zumindest den gesamten unteren, großen Burghof (Lower Ward) und einige der Ausstellungen im Erdgeschoss heute problemlos für Rollstuhlfahrer zugänglich.
- Zeitplanung für Ihren Besuch: Die Anlage ist wirklich riesig. Planen Sie daher absolut zwingend mindestens 2 bis 3 volle Stunden ein, um die vielen verwinkelten Türme, das interessante Militärmuseum und den Rundgang auf den Stadtmauern ohne Hektik und in vollen Zügen genießen zu können. Die Burg wird von Cadw (der offiziellen walisischen Denkmalschutzbehörde) verwaltet; wenn Sie also zahlendes Mitglied dieser Organisation sind, ist der Eintritt für Sie selbstverständlich völlig kostenlos.