Die private Schmuckschatulle des Prinzen
Zart und unwirklich auf einem extrem weiten, künstlich angelegten See schwebend, tief eingebettet in dichte Wälder nur eine kurze Fahrt nördlich von Paris, liegt das atemberaubende Château de Chantilly. Es ist ohne jeden Zweifel eines der hellsten, reinsten Juwelen in der funkelnden Krone des gesamten französischen Kulturerbes, bleibt aber für viele internationale Touristen erstaunlicherweise immer noch ein Geheimtipp und ist weitaus weniger überlaufen als das berühmte Versailles oder Fontainebleau. Dies ist ein fataler Fehler für jeden Reisenden, denn Chantilly bietet eine unschlagbare, dreifache Attraktion: Ein majestätisches, romantisches Märchenschloss, die mit Abstand allerbeste Sammlung klassischer Gemälde in ganz Frankreich außerhalb des Louvre in Paris, und die absolut grandiosesten, größten historischen Pferdeställe in ganz Europa. Die gesamte Anlage ist das ultimative, persönliche und visionäre Meisterwerk eines einzigen, besessenen Mannes: Henri d'Orléans, dem Herzog von Aumale.
Ein Phönix aus der blutigen Asche der Revolution
Das weite Anwesen blickt auf eine sehr lange, extrem ereignisreiche Geschichte zurück, die tief bis in das frühe Mittelalter reicht. Es gehörte in der Vergangenheit zunächst der extrem mächtigen Adelsfamilie Montmorency und wurde später von der ruhmreichen Familie Condé übernommen (die direkte Cousins der damaligen Könige von Frankreich waren). Der legendäre 'Grand Condé' (Ludwig II.) verwandelte Chantilly in seiner Zeit zu einem ernsthaften, strahlenden Rivalen für das große Versailles und veranstaltete hier extrem opulente, tagelange Feste, die das gesamte adlige Europa in völliges Staunen versetzten. Die brutale Französische Revolution war Chantilly jedoch absolut nicht wohlgesonnen. Das riesige Hauptschloss (das sogenannte Grand Château) wurde von Revolutionären systematisch geplündert und buchstäblich bis auf die nackten Grundmauern dem Erdboden gleichgemacht. Einzig das sehr viel kleinere Petit Château (welches um 1560 erbaut wurde) sowie die massiven Pferdeställe überstanden die Zerstörung wie durch ein Wunder fast unbeschadet.
Hier betritt Henri d'Orléans, Herzog von Aumale (1822–1897), die historische Bühne. Als der fünfte Sohn des berühmten 'Bürgerkönigs' Louis-Philippe erbte er dieses gigantische Anwesen bereits im zarten Alter von nur acht Jahren. Nach vielen langen, bitteren Jahren des politischen Exils in England (infolge der Revolution von 1848) kehrte er schließlich als tief trauernder Witwer und völlig kinderlos nach Frankreich zurück. Was ihm jedoch geblieben war, war ein absolut gigantisches Vermögen und eine alles verzehrende Obsession: Er wollte das zerstörte Chantilly aus der Asche wieder auferstehen lassen. Zwischen den Jahren 1875 und 1885 ließ er in einem beispiellosen Bauprojekt das heutige Grand Château exakt auf den alten, verbliebenen historischen Fundamenten wieder aufbauen. Er entwarf das neue, riesige Gebäude jedoch bewusst nicht mehr als sein persönliches, warmes Familienheim – seine eigene Familie war schließlich tragischerweise verstorben –, sondern primär als einen sicheren, perfekten Museums-Tresor, der ausschließlich dazu diente, seine unglaubliche, unschätzbar wertvolle private Sammlung von feiner Kunst und extrem seltenen Büchern adäquat zu beherbergen.
Das weltberühmte Musée Condé: Der ultimative Traum eines jeden Kunstliebhabers
Unmittelbar vor seinem eigenen Tod verfasste der Herzog ein strenges Testament und vermachte das gesamte, gigantische Anwesen hochoffiziell dem französischen Staat (genauer gesagt dem ehrenwerten Institut de France). Diese extrem großzügige Schenkung war jedoch an sehr spezifische, absolut unumstößliche und eiserne Bedingungen geknüpft: Es durfte niemals auch nur ein einziges Objekt aus der Sammlung verkauft werden, es durfte absolut kein Kunstwerk jemals an andere Museen ausgeliehen werden, und – was das Wichtigste ist – das exakte, historische Layout der Gemälde an den Wänden durfte für alle Ewigkeit niemals verändert werden. In der heutigen Praxis bedeutet dies, dass Sie, wenn Sie das Musée Condé heute betreten, die vielen Galerien und Räume exakt, zentimetergenau so sehen, wie sie im späten 19. Jahrhundert aussahen und vom Herzog arrangiert wurden.
Die hohen Wände der Galerien sind im klassischen, opulenten 'Salon-Stil' vom Boden bis fast zur Decke komplett vollgestopft; hier hängen unzählige Meisterwerke dicht an dicht, Rahmenrahmen an Rahmen. Der Herzog konzipierte das Museum ausdrücklich als eine völlig feste, unveränderliche Entität, als eine in der Zeit eingefrorene Momentaufnahme des elitären, aristokratischen Geschmacks des 19. Jahrhunderts. Diese dichte Hängung erzeugt für moderne Besucher ein extrem intensives, fast schon überwältigendes, immersives Erlebnis, bei dem man auf allen Seiten von höchster Kunst umgeben ist. Dies gipfelt in der beeindruckenden, runden Rotunde (Rotunda), die die absoluten Kronjuwelen der italienischen Renaissance beherbergt. Hier finden Sie unter anderem:
- Gleich drei Gemälde des italienischen Universalgenies Raffael (darunter das weltberühmte Meisterwerk 'Die drei Grazien').
- Exquisite Werke von Botticelli, Tizian und Nicolas Poussin.
- Eine absolut atemberaubende, umfangreiche Sammlung französischer romantischer Kunst mit Hauptwerken von Delacroix und Ingres.
Die historische Bibliothek
Der Herzog war zu seiner Zeit weithin als der absolut größte und obsessivste Bibliophile (Büchersammler) Europas bekannt. Sein persönlicher Lesesaal (das Cabinet des Livres) ist schlichtweg atemberaubend und beherbergt eine unglaubliche Sammlung von über 19.000 historischen Bänden, darunter mehr als 1.500 unbezahlbare, handgeschriebene alte Manuskripte. Der unbestritten berühmteste Schatz dieser gesamten Sammlung ist das legendäre Werk Tres Riches Heures du Duc de Berry. Es wird von Kunstexperten weltweit einhellig als das absolut schönste und wertvollste illuminierte (mit echtem Gold und Farben verzierte) mittelalterliche Manuskript der gesamten Welt angesehen. (Aufgrund seiner extremen historischen Fragilität und Lichtempfindlichkeit ist in der regulären Ausstellung jedoch meist nur ein extrem hochwertiges Faksimile für Besucher zu sehen).
Die Großen Stallungen (Les Grandes Écuries)
Wenn das Hauptschloss ein prunkvoller Palast für die feine Kunst ist, so sind die riesigen Nebengebäude auf dem Gelände ein ebenso prunkvoller Palast für edle Pferde. Erbaut im frühen 18. Jahrhundert von Louis-Henri de Bourbon (dem eitlen 7. Prinz von Condé), sind die gigantischen Großen Stallungen ein absolutes architektonisches Meisterwerk des 18. Jahrhunderts. Der sehr exzentrische Prinz glaubte felsenfest und ernsthaft an die Reinkarnation (Wiedergeburt) und war davon tief überzeugt, dass er in seinem nächsten Leben als ehrenhaftes, majestätisches Pferd wiedergeboren werden würde. Aus genau diesem Grund ließ er extrem luxuriöse Stallungen erbauen, die einem wahren Pferde-König mehr als würdig waren.
Die Dimensionen des Gebäudes sind absolut gigantisch – es ist 186 Meter lang – und es besticht in seiner Mitte durch eine gewaltige, hohe zentrale Kuppel, die 28 Meter in den Himmel ragt. Zu seinen besten, aktivsten Zeiten konnte dieses luxuriöse Gebäude völlig problemlos 240 Rassepferde und unglaubliche 500 laute Jagdhunde in bestem Komfort beherbergen. Heute ist in diesen historischen Hallen das sehr moderne und interaktive Museum des Pferdes (Musée du Cheval) untergebracht, ebenso wie eine ständige Truppe von hochprofessionellen Reitkünstlern (Equestrian Artists), die fast täglich atemberaubende, anspruchsvolle Dressurvorführungen und absolut spektakuläre Pferdeshows direkt unter der gigantischen Kuppel präsentieren. Die Pferde werden hier noch heute mit höchstem Respekt und wie königliche Familienmitglieder behandelt, wodurch die fast 300 Jahre alte, stolze Reitertradition des Ortes perfekt erhalten bleibt.
Die meisterhaften Gärten von Chantilly
Der riesige Schlosspark von Chantilly ist in ganz Frankreich absolut einzigartig, weil er sehr harmonisch und fließend drei völlig unterschiedliche landschaftliche Stilepochen ineinander vereint:
- Der Formale Französische Garten: Er wurde im 17. Jahrhundert von dem weltberühmten Landschaftsarchitekten André Le Nôtre (der durch seine unglaubliche Arbeit am Schloss Versailles berühmt wurde) präzise und mathematisch entworfen. Er zeichnet sich vor allem durch gigantische, spiegelglatte Wasserbecken, springende Fontänen und den gewaltigen, geraden Grand Canal aus (dieser Kanal hier in Chantilly ist tatsächlich noch ein ganzes Stück länger als sein berühmtes Gegenstück in Versailles!).
- Der Englisch-Chinesische Garten: Ein sehr rustikaler, verspielter und sich wild windender Gartenbereich. Er verfügt über einen sogenannten 'Weiler' (Hameau), der aus mehreren, künstlich angelegten, romantisierten Bauernhäuschen besteht. Dieses idyllische, falsche Dorf inspirierte später tatsächlich die französische Königin Marie Antoinette dazu, ihren eigenen, weitaus berühmteren kleinen Weiler im Park von Versailles nach genau diesem Vorbild erbauen zu lassen.
- Der Romantische Englische Garten: Eine sehr sanfte, malerische und natürliche Landschaft, die von verschlungenen Wegen durchzogen ist und architektonische Follies wie den Liebestempel (Temple of Venus) und die sogenannte Insel der Liebe (Island of Love) beherbergt.
Der historische Geburtsort der Schlagsahne (Crème Chantilly)?
Es ist absolut undenkbar, Chantilly zu besuchen, ohne dabei die weltberühmte Crème Chantilly (gesüßte Schlagsahne) ausgiebig zu probieren. Eine extrem hartnäckige und berühmte kulinarische Legende behauptet, dass diese zuckersüße Köstlichkeit genau hier, auf diesem Schloss, im Jahr 1671 von dem legendären Maître d'hôtel (Haushofmeister) François Vatel anlässlich eines gigantischen, tagelangen Festbanketts für König Ludwig XIV. (den Sonnenkönig) offiziell erfunden wurde. Obwohl Historiker heute wissen, dass gesüßte und aufgeschlagene Sahne vereinzelt bereits vorher existierte, hat genau dieses pompöse Event den Namen 'Chantilly' für alle Zeit untrennbar mit diesem Dessert zementiert.
Der besagte Vatel ist im Übrigen eine der extremsten und tragischsten Figuren in der gesamten französischen Kulinarikgeschichte. Genau bei diesem extrem wichtigen Bankett für den König geriet er in panische Verzweiflung, weil die dringend erwartete, große Fischlieferung aus dem Hafen nicht rechtzeitig zur Essenszeit eintreffen wollte. Um seine Ehre zu retten, beging er noch in der Küche rituellen Selbstmord, indem er sich heroisch in sein eigenes Schwert stürzte. (Die Ironie der Geschichte: Die fehlenden Fischwagen trafen buchstäblich nur wenige Momente nach seinem tragischen Tod im Schlosshof ein). Heute können Sie die völlig authentische, echte Crème Chantilly – die hier noch immer streng nach Tradition aufwendig von Hand mit echten Vanilleschoten und feinstem Puderzucker geschlagen wird – im charmanten Restaurant im Weiler (Hameau) oder im exquisiten Restaurant 'La Capitainerie', welches sich direkt in den Gewölben der historischen alten Schlossküchen befindet, genießen.
Ein beliebter Drehort für Hollywood
Die unübertroffene optische Schönheit und die extrem gut erhaltene Architektur des Schlosses haben es zu einem absoluten Favoriten für internationale Filmemacher gemacht. So diente es beispielsweise als opulente Kulisse für das Château de Vaux-le-Vicomte im James-Bond-Film Im Angesicht des Todes (A View to a Kill, 1985), in dem der Bösewicht Max Zorin seine exklusive und elitäre Pferdeauktion abhält. Ebenso war es der offensichtliche, primäre und authentische Hauptdrehort für den opulenten historischen Film Vatel (aus dem Jahr 2000), mit den Weltstars Gérard Depardieu in der tragischen Titelrolle und Uma Thurman.
Wichtige und praktische Informationen für Besucher
Das weite Anwesen von Chantilly befindet sich im grünen Departement Oise, nur etwa 50 Kilometer bequeme Fahrt nördlich der Hauptstadt Paris.
- Ihre entspannte Anreise: Nehmen Sie einfach einen direkten, schnellen Zug vom Bahnhof Gare du Nord in Paris bis zur Station Chantilly-Gouvieux (die landschaftlich schöne Fahrt dauert nur etwa rasante 25 Minuten). Vom kleinen Bahnhof aus können Sie dann entweder bequem einen völlig kostenlosen Shuttle-Bus (Navette) direkt zum Schlosstor nehmen, oder Sie genießen einen sehr angenehmen, entspannten und schattigen 20-minütigen Fußmarsch direkt durch den malerischen Wald.
- Eintrittstickets: Ein sogenanntes umfassendes 'Domain Ticket' (Billet Domaine) deckt erfreulicherweise sowohl den Eintritt in das prunkvolle Hauptschloss, in die riesigen, weitläufigen Gärten als auch in die Großen Stallungen ab. Es bietet Besuchern ein absolut hervorragendes, unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis für einen ganzen Tag.
- Die berühmten Pferdeshows: Die spektakulären, hochklassigen Pferdeshows in den Großen Stallungen sind weltweit extrem beliebt und erfordern daher zwingend ein separates Ticket oder ein spezielles Kombiticket. Es wird absolut und dringend empfohlen, diese Tickets weit im Voraus online zu buchen, um Enttäuschungen an der Tageskasse zu vermeiden.
- Gigantische Events: Die Stadt Chantilly ist jedes Jahr im Juni der extrem stolze Gastgeber für den prestigeträchtigen 'Prix de Diane', eines der absolut wichtigsten, elitärsten und berühmtesten Galopprennen der gesamten Welt, das direkt auf dem direkt an das Schloss angrenzenden großen Hippodrom ausgetragen wird. Dieser spezielle Tag ist in ganz Frankreich nicht nur für den hochklassigen Pferdesport bekannt, sondern vor allem auch als ein absolutes Großereignis der High Fashion und der extrem ausgefallenen Damenhüte.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Ist Chantilly besser oder schöner als das berühmte Schloss Versailles?
- Das ist schwer zu sagen, denn es ist grundlegend anders. Chantilly ist definitiv deutlich kleiner, wesentlich intimer und zum Glück bei Weitem nicht so extrem von asiatischen und amerikanischen Touristengruppen überlaufen. Wenn Sie jedoch ein wahrer Kunstliebhaber sind, ist die ausgestellte, klassische Kunstsammlung (das Musée Condé) hier in Chantilly derjenigen, die heute noch im Inneren von Versailles verblieben ist, tatsächlich in ihrer reinen Qualität und historischen Bedeutung absolut überlegen.
- Können Touristen die Pferde in den großen Stallungen reiten?
- Nein, absolut nicht. Die prächtigen Pferde in den Großen Stallungen sind extrem wertvolle, hochspezialisierte und extrem trainierte tierische Athleten (Performer). Es gibt jedoch glücklicherweise in der unmittelbaren Umgebung des riesigen Waldes von Chantilly zahlreiche private, gut ausgestattete Reitzentren (Riding Centers), in denen Touristen problemlos Pferde für entspannte, geführte Ausritte in die Natur mieten können.
- Wie viel Zeit sollte ich für meinen Besuch ungefähr einplanen?
- Sie sollten für dieses Anwesen absolut zwingend einen vollen, langen Tag einplanen. Das gesamte Gelände ist wirklich unfassbar riesig. Ein idealer, entspannter Zeitplan wäre: Den gesamten Vormittag in den langen, kunstvollen Galerien des Schlosses verbringen, danach ein ausgedehntes Mittagessen mit originaler Schlagsahne genießen, und den gesamten restlichen Nachmittag in den faszinierenden Ställen, bei einer Show und mit einem Spaziergang durch die endlosen, grünen Gärten füllen.