Das Haus der Jahrhunderte
"Das wahre Zuhause der Könige, das Haus der Jahrhunderte." Genau mit diesen ehrfürchtigen Worten beschrieb der mächtige Kaiser Napoleon Bonaparte das Schloss Fontainebleau (Château de Fontainebleau), und es ist in der Tat ein absolut passender, wohlverdienter Titel. Während das weltberühmte Versailles das strahlende, aber in der Zeit eingefrorene Symbol des einen Sonnenkönigs (Ludwig XIV.) ist, präsentiert sich Fontainebleau als eine lebendige, atmende architektonische Zeitleiste der gesamten französischen Geschichte. Es ist das absolut einzige königliche und kaiserliche Schloss in ganz Frankreich, das über sieben Jahrhunderte hinweg völlig ununterbrochen von Herrschern bewohnt wurde. Angefangen bei den frühen kapetingischen Königen im dunklen 12. Jahrhundert bis hin zum dramatischen Fall des Zweiten Kaiserreichs im Jahr 1870 haben hier sage und schreibe 34 Souveräne (Könige und Kaiser) innerhalb dieser Mauern gelebt, geliebt und regiert. Fast jeder einzelne Monarch fügte der Anlage im Laufe der Zeit einen neuen Flügel, eine lange Galerie, eine prunkvolle Kapelle oder einen Garten hinzu. So entstand ein extrem weitläufiger, fast labyrinthartiger architektonischer Komplex, der mittelalterliche Strenge, die überbordende Exuberanz der Renaissance und die kühle, majestätische Klassik perfekt und fließend miteinander verbindet.
Das Schloss liegt nur etwa 55 bequeme Kilometer südöstlich von Paris, direkt angrenzend an ein absolut gigantisches, altes Waldgebiet, das traditionell als das exklusive königliche Jagdrevier diente. Fontainebleau bietet seinen Besuchern ein sehr viel intimeres, abwechslungsreicheres und ruhigeres Erlebnis als die oft absolut erdrückende und extrem überlaufene Grandiosität von Versailles. Es ist eine anerkannte UNESCO-Weltkulturerbestätte, die die komplexe Geschichte Frankreichs nicht nur durch die Linse einer einzigen, dominanten Epoche erzählt, sondern anschaulich durch die vielen, übereinanderliegenden Schichten der Zeit.
Das unübertroffene Meisterwerk der Renaissance
Obwohl die allerersten, tiefen historischen Ursprünge des Schlosses eindeutig im Mittelalter liegen, begann das wahre, glanzvolle Goldene Zeitalter der Anlage erst im 16. Jahrhundert unter der Herrschaft von König Franz I. (François I.). Dieser ambitionierte Valois-König wollte nach seinen langen, intensiven militärischen Feldzügen im kulturell weit überlegenen Italien die revolutionäre, künstlerische Bewegung der italienischen Renaissance unbedingt nach Frankreich importieren. Er lud ohne Rücksicht auf Kosten berühmte italienische Großmeister wie Rosso Fiorentino und Primaticcio an seinen Hof ein, um das alte, etwas verstaubte königliche Jagdschloss radikal in ein prunkvolles 'Neues Rom' zu transformieren.
Die Galerie des Franz I. (Galerie François Ier)
Das absolut spektakulärste Resultat dieses massiven, königlichen Mäzenatentums ist die atemberaubende Galerie des Franz I.. Sie wird von Kunsthistorikern weltweit als einer der wichtigsten und prägendsten Räume in der gesamten europäischen Kunstgeschichte angesehen. Genau hier in diesem Raum erfanden die italienischen Künstler einen völlig neuen, revolutionären Dekorationsstil, der extrem farbenfrohe Freskenmalerei nahtlos mit plastischen, tiefen Stuckskulpturen (aus Gips) kombinierte. Opulente Fruchtgirlanden, vollbusige mythologische Nymphen und unzählige Salamander (das unverkennbare, persönliche königliche Emblem von Franz I.) scheinen hier förmlich in 3D aus den Wänden herauszubrechen und umrahmen dabei komplexe, gemalte Allegorien, die ausschließlich dazu dienten, die göttliche Macht und Klugheit des Königs zu preisen. Dieser völlig neuartige, überbordende Stil wurde später offiziell als die Erste Schule von Fontainebleau bekannt und beeinflusste die Kunst und Architektur in ganz Nordeuropa über Jahrhunderte hinweg maßgeblich.
Der glanzvolle Ballsaal (Salle de Bal)
Ein weiteres, absolutes architektonisches Highlight ist der gigantische Ballsaal, dessen Bau von König Heinrich II. in Auftrag gegeben wurde. Mit seinen extrem leuchtenden, mythologischen Fresken, der unglaublich schweren und kunstvoll geschnitzten Eichenholz-Kassettendecke und dem gewaltigen, offenen Kamin an der Stirnseite war dies die perfekte, prunkvolle Kulisse für das glitzernde, dekadente höfische Leben des 16. Jahrhunderts. Es fällt modernen Besuchern extrem leicht, sich vorzustellen, wie die schwer in Seide gekleideten Höflinge hier bis tief in die Nacht tanzten, nur beleuchtet vom flackernden, warmen Licht hunderter teurer Bienenwachskerzen, während der König und seine mächtige, wunderschöne Mätresse Diane de Poitiers huldvoll über die ausgelassenen Festlichkeiten präsidierten.
Der tiefe, kaiserliche Einfluss von Napoleon
Der Name Fontainebleau ist in der modernen Geschichte absolut untrennbar mit Napoleon I. Bonaparte verbunden. Nach dem jahrelangen, blutigen Chaos der Französischen Revolution, das das alte Schloss völlig leergeräumt, geplündert und all seiner königlichen Möbel beraubt zurückgelassen hatte, fasste der neue Kaiser Napoleon den festen Entschluss, es in seiner alten, überwältigenden Pracht vollständig zu restaurieren. Er sah in diesem historischen Gebäude die absolut perfekte, würdevolle Kulisse, um sein noch sehr junges, aufstrebendes kaiserliches Regime historisch zu legitimieren – er wollte der Welt zeigen, dass er rechtmäßig und stolz in den direkten Fußstapfen der großen, alten französischen Könige stand, die lange vor ihm genau hier geherrscht hatten.
Der imperiale Thronsaal (Salle du Trône)
Ein extrem faszinierendes, historisches Detail: Napoleon wandelte das ehemalige, traditionelle königliche Schlafzimmer der Bourbonen-Könige bewusst und provokant in seinen neuen, imperialen Thronsaal um. Dies ist heute tatsächlich der absolut einzige Thronsaal in ganz Frankreich, der seine originale, komplette Möblierung behalten hat. Der pompöse Thron selbst, der verschwenderisch mit den neuen kaiserlichen Adlern und Napoleons markantem Anfangsbuchstaben 'N' dekoriert ist, steht schwer und mächtig unter einem tiefroten, golden bestickten Samtbaldachin. Es ist ein extrem kraftvolles, visuelles Symbol für den harten, endgültigen historischen Übergang von der alten Monarchie zum neuen Kaiserreich.
Der dramatische Abschied (Les Adieux)
Der wohl mit Abstand emotionalste und geschichtsträchtigste Moment in der gesamten Historie des Schlosses fand am 20. April 1814 im großen Haupthof statt. Der von der europäischen Koalition vernichtend geschlagene Napoleon stand hier ganz unten an der berühmten, geschwungenen Hufeisentreppe (Escalier en Fer-à-Cheval), um sich in einer bewegenden Rede von seinen treuesten, kampferprobten Veteranen der Alten Garde (Vieille Garde) zu verabschieden, unmittelbar bevor er in sein erzwungenes Exil auf die Insel Elba aufbrach. "Soldaten meiner Alten Garde: Ich nehme Abschied von euch. Zwanzig Jahre lang habe ich euch stets auf dem Weg der Ehre und des Ruhmes gefunden..." Diese historische, verzweifelte Rede soll angeblich die härtesten, kampfgestähltesten Soldaten bitterlich zu Tränen gerührt haben. Zu Ehren dieses hochdramatischen Moments ist der große Haupthof der Anlage bis auf den heutigen Tag offiziell als der Cour des Adieux (Der Hof des Abschieds) bekannt.
Das mysteriöse Chinesische Museum (Le Musée Chinois)
Ein absolut verstecktes, völlig unerwartetes Juwel innerhalb des riesigen Palastes ist das sogenannte Chinesische Museum. Es wurde im Jahr 1863 von Kaiserin Eugénie (der Ehefrau von Napoleon III.) mit großer persönlicher Leidenschaft eingerichtet. Es beherbergt eine geradezu unglaubliche, unschätzbar wertvolle Sammlung von Kunst und Antiquitäten aus dem Fernen Osten. Diese Sammlung besteht größtenteils aus hochoffiziellen, extrem teuren diplomatischen Geschenken des Königs von Siam (Thailand) sowie aus zahllosen (oft leider geplünderten) Kriegsbeuten aus der Zerstörung des Sommerpalastes in Peking durch westliche Truppen. Der Raum ist eine extrem dunkle, üppige und plüschige viktorianische Interpretation einer orientalischen Schatzkammer, bis zur Decke gefüllt mit feinster, glatter Jade, glänzenden Lackarbeiten und teuerstem Porzellan, und er wird streng exakt so erhalten und gepflegt, wie ihn die Kaiserin an ihrem letzten Tag verlassen hat.
Die Gärten, Parks und Wälder
Das Schloss ist umgeben von beeindruckenden 130 Hektar an makellosen Parks und Gärten, die in ihrem extrem unterschiedlichen Design die stark wechselnden Geschmäcker der verschiedenen Monarchen über die Jahrhunderte hinweg perfekt widerspiegeln.
- Das Große Parterre (Grand Parterre): Dieses riesige, offene Areal wurde im 17. Jahrhundert von dem berühmten Landschaftsarchitekten André Le Nôtre (dem Schöpfer der Gärten von Versailles) im Auftrag von König Ludwig XIV. entworfen. Es ist das flächenmäßig größte formale Gartenparterre in ganz Europa. Die unfassbar weiten, extrem strengen geometrischen Muster aus exakt geschnittenen Buchsbaumhecken und hellem Kies lassen sich am allerbesten von den erhöhten Terrassen des Schlosses aus bewundern.
- Der Karpfenteich (Étang des Carpes): Dieser extrem große, historische Ziersee ist landesweit berühmt für seine gigantischen Karpfen. Lokale Legenden behaupten oft hartnäckig, dass einige dieser dicken Fische über ein Jahrhundert alt sind (obwohl Biologen dies natürlich eher als netten Mythos abtun!). Es ist sehr zu empfehlen, sich vor Ort ein kleines Ruderboot zu mieten, um an einem sonnigen Tag die absolut fantastische, ungestörte Aussicht auf die Schlossfassaden in Ruhe vom Wasser aus zu genießen.
- Der Englische Garten (Jardin Anglais): Eine sehr sanft gewundene, romantische und scheinbar völlig natürliche Landschaft. Sie ist gespickt mit exotischen, seltenen Bäumen, künstlich angelegten, kleinen Flüssen und Grotten und wurde von Napoleon I. ganz bewusst als weicher, beruhigender landschaftlicher Kontrast zu den extrem harten, rigiden Linien der französischen formalen Gärten (wie dem Grand Parterre) angelegt.
Der berühmte Wald von Fontainebleau (Forêt de Fontainebleau)
Man kann unmöglich über das Schloss sprechen, ohne dabei den gewaltigen, umgebenden Wald zu erwähnen. Er erstreckt sich über schier unglaubliche 25.000 Hektar und die Forêt de Fontainebleau war historisch betrachtet der allererste und wichtigste Grund, warum dieses Schloss überhaupt genau an diesem Ort erbaut wurde – er galt als das absolut beste, wildreichste und wichtigste Jagdrevier des gesamten französischen Königreiches. Heute ist dieser gigantische, tiefgrüne Wald ein streng geschütztes UNESCO-Biosphärenreservat und gilt weltweit als das absolute Mekka für den modernen Klettersport (speziell das Bouldern). Die völlig einzigartigen, riesigen Sandsteinblöcke, die den gesamten Waldboden fast willkürlich übersäen, ziehen jedes Jahr zigtausende von begeisterten Bouldering-Enthusiasten aus der ganzen Welt magisch an. Darüber hinaus ist der Wald ein echtes, weites Paradies für entspannte Wanderer, mit hunderten Kilometern an extrem gut markierten Wegen, die sich malerisch durch uralte, schattige Eichen- und hohe Kiefernbestände schlängeln.
Wichtige Reisetipps und Besucherinformationen
Fontainebleau ist ein extrem einfacher, stressfreier und überaus lohnender Tagesausflug von der Hauptstadt Paris aus.
- Ihre Anreise: Nehmen Sie ganz bequem und günstig einen der regelmäßig verkehrenden Nahverkehrszüge vom großen Pariser Bahnhof Gare de Lyon bis zur Station Fontainebleau-Avon (die schnelle Fahrt dauert nur knapp 40 Minuten). Verlassen Sie den Bahnhof und nehmen Sie direkt vor der Tür den öffentlichen Bus der 'Linie 1', der Sie in wenigen Minuten exakt und bequem vor dem großen Haupteingangstor des Schlosses absetzt.
- Informationen zu Tickets: Der Zugang zu den riesigen Gärten, dem großen Park und dem Cour des Adieux ist erfreulicherweise völlig kostenlos. Für die Besichtigung der historischen, prunkvollen Innenräume des Schlosses sind jedoch zwingend offizielle Tickets erforderlich. Das reguläre Standard-Ticket ('Grand Tour' / 'Circuit Principal') beinhaltet den vollen Zugang zu den luxuriösen päpstlichen Gemächern, den Staatsgemächern und den atemberaubenden Renaissance-Räumen.
- Der unverzichtbare Audioguide: Es wird absolut und nachdrücklich empfohlen, sich am Eingang den offiziellen Audioguide auszuleihen. Da die architektonische und politische Geschichte dieses Gebäudes extrem lang, tief vernetzt und oft sehr komplex (multi-layered) ist, hilft er enorm dabei, die vielen verschiedenen Epochen nicht durcheinanderzubringen.
- Besondere Veranstaltungen: Das Schlossgelände veranstaltet traditionell in jedem Sommer ein sehr berühmtes, renommiertes klassisches Musikfestival sowie jedes Jahr im April hochkarätige, aufwendige historische Reenactments (Schlachten-Nachstellungen), bei denen hunderte Darsteller Napoleons dramatischen, tränenreichen Abschied von seiner Garde detailgetreu in historischen Uniformen nachspielen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Ist Fontainebleau besser, schöner oder lohnenswerter als das berühmte Schloss Versailles?
- Diese Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten, da es komplett von Ihren persönlichen Präferenzen abhängt. Versailles ist international zweifellos weitaus berühmter, es ist wesentlich größer, verfügt über sehr viel mehr pures Gold und ist dementsprechend auch massiv und oft erdrückend überlaufen von Touristenmassen. Fontainebleau hingegen ist architektonisch weitaus vielfältiger (da es mehr Epochen abdeckt), historisch gesehen wesentlich tiefergehend und bietet dem Besucher im Allgemeinen ein deutlich entspannteres, ruhigeres und viel authentischeres, historisches Erlebnis, das sehr viel näher an der Realität ist, wie die vielen französischen Könige in all den Jahrhunderten tatsächlich in ihrem Alltag gelebt haben.
- Kann man in der direkten Umgebung wirklich Klettern (Bouldern) gehen?
- Ja, absolut! Der riesige Wald direkt hinter dem Schlosspark ist auf der gesamten Welt extrem berühmt für das sogenannte Bouldern (Klettern ohne Seil auf Absprunghöhe an großen Felsblöcken). Sie können sich in der kleinen Stadt Fontainebleau völlig unkompliziert spezielle Crashpads (starke Bouldermatten) für einen Tag mieten und es selbst ausprobieren.
- Wie viel Zeit sollte ich realistisch für einen kompletten Besuch einplanen?
- Um nicht in Hektik zu geraten, sollten Sie absolut zwingend mindestens 2 bis gut 3 volle Stunden für die sehr umfangreichen Innenräume des riesigen Schlosses einplanen, und danach noch einmal mindestens eine entspannte, volle Stunde für einen ausgiebigen, schönen Spaziergang durch die völlig unterschiedlichen Gärten und zum Karpfenteich einkalkulieren.