Die vollkommene Traum-Burg
Stellen Sie sich vor, jemand würde Sie bitten, aus dem bloßen Gedächtnis eine völlig klassische, typisch mittelalterliche Burg zu zeichnen. Sie würden höchstwahrscheinlich extrem hohe, dicke Steinmauern, massive, runde Ecktürme mit spitzen, schwarzen Schieferdächern, eine bedrohliche Zugbrücke und vielleicht zur Dekoration noch ein paar furchteinflößende Wasserspeier (Gargoyles) zu Papier bringen. Ohne es zu wissen, würden Sie damit im Grunde genommen ein perfektes, akkurates Porträt des Château de Pierrefonds zeichnen. Diese unglaublich imposante, fast schon einschüchternde Festung, die sich extrem dramatisch über dem dichten, grünen Wald von Compiègne im Norden Frankreichs erhebt, verkörpert die ultimative, absolute romantische Vision des europäischen Mittelalters. Es gibt jedoch einen gewaltigen, architektonischen Haken an der Geschichte: Was Sie heute mit eigenen Augen bewundern, ist in sehr weiten Teilen eine reine, fantastische architektonische Fiktion des späten 19. Jahrhunderts.
Pierrefonds ist weniger eine Restaurierung als vielmehr eine radikale "Neu-Erfindung". Ursprünglich im späten 14. Jahrhundert von Herzog Louis von Orléans (dem ehrgeizigen Bruder von König Karl VI.) aus massivem Stein erbaut, war es einst eine absolut echte, extrem harte und blutige militärische Hochburg. Ihr einziger Zweck bestand darin, die lebenswichtigen, lukrativen Handelsrouten zwischen der Region Flandern und dem Herzogtum Burgund eisern zu kontrollieren. Im frühen 17. Jahrhundert wurde diese stolze Festung jedoch auf direkten Befehl von König Ludwig XIII. massiv belagert, schwer beschossen und systematisch demontiert ("geschleift"), um ein für alle Mal zu verhindern, dass seine erbitterten Feinde sie jemals wieder als sicheren militärischen Stützpunkt gegen ihn nutzen könnten. Daraufhin lag das Schloss für über zwei lange Jahrhunderte völlig vergessen als eine extrem melancholische, tief romantische und dicht von Efeu überwachsene Ruine im Wald – bis schließlich Kaiser Napoleon III. die Bühne der Weltgeschichte betrat.
Das umstrittene Meisterwerk von Viollet-le-Duc
Im Jahr 1857 fasste der ehrgeizige Kaiser Napoleon III. (der Neffe des berühmten Napoleon Bonaparte) den festen Entschluss, dass er dringend eine prunkvolle Residenz benötigte, die sein noch junges, etwas wackeliges Kaiserreich wieder tief und emotional mit der glorreichen, heldenhaften Geschichte Frankreichs verbinden sollte. Er engagierte für dieses Mammutprojekt den damals extrem berühmten, aber auch hochgradig umstrittenen Star-Architekten Eugène Viollet-le-Duc, um die verfallenen Ruinen zu restaurieren. Viollet-le-Duc war ein unbestrittenes Genie seines Fachs, aber er vertrat eine absolut radikale, oft hart kritisierte Philosophie. Er war der festen Überzeugung: "Ein historisches Gebäude zu restaurieren bedeutet keineswegs, es einfach nur zu erhalten, zu reparieren oder stur nachzubauen: Es bedeutet vielmehr, es in einem absolut vollständigen und perfekten Zustand wiederherzustellen, der so in der Realität vielleicht zu keinem einzigen Zeitpunkt jemals wirklich existiert hat."
Genau diese extreme und oft umstrittene Philosophie wandte er beim Umbau in Pierrefonds bis zum absoluten Äußersten an. Er baute nicht einfach nur das wieder auf, was archäologisch nachweislich vorhanden war; er erbaute all das, von dem er in seiner Fantasie glaubte, dass es dort eigentlich hätte stehen sollen. Er fügte aus dem Nichts zusätzliche, höhere Wachtürme hinzu, zog die schwarzen Dächer extrem steil in die Höhe, kreierte einen geradezu blendenden, prunkvollen Innenhof mit filigranen Galerien im Renaissance-Stil und "erfand" völlig neue, extrem komplexe Verteidigungssysteme (wie zum Beispiel doppelte, übereinanderliegende Zugbrücken und absurd übertriebene, tiefe Pechnasen), die in der Theorie zwar militärisch möglich, aber historisch für genau diese Burg extrem unwahrscheinlich waren. Das atemberaubende Endresultat dieser Arbeit ist ein Bauwerk, das sehr viel "burg-artiger" aussieht als absolut jede noch existierende, echte mittelalterliche Burg; es ist die reinste, in Stein gegossene Manifestation der hochromantischen europäischen Neugotik (Gothic Revival) des 19. Jahrhunderts.
Ein Blick tief ins Innere der kaiserlichen Fantasie
Ein gemütlicher Spaziergang durch die historischen, prunkvollen Innenräume von Pierrefonds gleicht einer völlig surrealen, fast schon halluzinatorischen Erfahrung. Die extrem lauten, überladenen Räume sind ein absoluter Rausch aus leuchtenden, bunten Farben und wilden, geometrischen Mustern. Sie kombinieren scheinbar mühelos klassische mittelalterliche Ritterthemen mit den modernsten, fortschrittlichsten industriellen Techniken des späten 19. Jahrhunderts. So wurden beispielsweise hochmoderne kupferne Wasserleitungen und stabilisierende eiserne Stahlträger vom Architekten extrem geschickt und clever als historisierende, mittelalterliche Ornamente verkleidet und getarnt.
- Der Saal der Heldinnen (Salle des Preuses): Dies ist der unbestrittene, absolute Showstopper des gesamten Schlosses. Es ist ein geradezu immens großer, lichtdurchfluteter Ballsaal von 52 Metern Länge, der ursprünglich und kurioserweise vom Kaiser dazu gedacht war, seine persönliche, gigantische private Rüstungssammlung adäquat unterzubringen. Die hohe, weit geschwungene Holzdecke ist bis auf den letzten Millimeter aufwendig mit imperialen Adlern und furchterregenden, fantastischen Fabelwesen bemalt. An der Stirnseite des Saals thront ein absolut monumentaler, riesiger Doppel-Kamin, der von aufwendigen, lebensgroßen Steinstatuen der sogenannten neun "Preuses" (legendäre, heroische Kriegerinnen aus der klassischen Artussage und der antiken Mythologie, wie beispielsweise die Amazonenkönigin Hippolyta) flankiert wird. Ein absolut faszinierender, kleiner Fun Fact: Die detaillierten Gesichter dieser mythischen Statuen wurden absichtlich und sehr heimlich nach den realen Gesichtszügen von Kaiserin Eugénie und ihren engsten, persönlichen Hofdamen modelliert! Der schelmische Architekt Viollet-le-Duc verewigte sich zudem selbst sehr unauffällig in Form der steinernen Statue des Heiligen Jakobus direkt an der Außenfassade der Burgkapelle, um so absolut sicherzustellen, dass er als Schöpfer für alle Ewigkeit über sein Meisterwerk wachen würde.
- Das Schlafzimmer des Kaisers (La Chambre de l'Empereur): Ironischerweise hat Kaiser Napoleon III. absolut niemals auch nur eine einzige Nacht hier geschlafen (das gigantische Bauprojekt zog sich schlichtweg viel zu lange hin), aber sein privates Schlafzimmer wurde dennoch extrem aufwendig und vollständig dekoriert. Es verfügt unter anderem über ein enorm schweres, dunkles Holzbett im mittelalterlichen Stil, das jedoch mit so feinen, organischen Details geschnitzt ist, dass es beinahe schon wie später, fließender Jugendstil (Art Nouveau) wirkt – ein eindeutiger, starker Beweis dafür, wie weit Viollet-le-Duc seiner eigenen, architektonischen Zeit tatsächlich voraus war.
- Das königliche Empfangszimmer (La Salle de Réception): Dieser reich verzierte Raum verbindet die intimen, privaten kaiserlichen Gemächer elegant mit den extrem großen, öffentlichen Repräsentationsräumen. Er besticht durch unglaublich aufwendig geschnitzte, hölzerne Wandpaneele, die extrem detailliert und chronologisch das gesamte, harte Leben eines mittelalterlichen Ritters darstellen – angefangen bei seinem frühen, harten Training als junger Page bis hin zu seinen glorreichen, blutigen Triumphen in der Schlacht. Die geradezu obsessive Liebe zum Detail in diesem Raum ist schlichtweg atemberaubend; wirklich absolut jeder noch so kleine Quadratzentimeter des alten Holzes ist aufwendig bemalt, lackiert oder mit echtem, glänzendem Blattgold überzogen.
- Die intime Burgkapelle: Sicher und fast ein wenig unscheinbar in eine dunkle Ecke des gigantischen Innenhofs gekauert, ist die kleine Kapelle ein echtes Juwel. Direkt über dem schweren Haupteingang wacht eine detaillierte, große steinerne Statue des heldenhaften Heiligen Georg, der mit seiner Lanze den bösen, feierspeienden Drachen tötet – mit dem kleinen, pikanten Detail, dass das Gesicht des tapferen Heiligen Georg völlig unverkennbar die markanten Züge von Kaiser Napoleon III. trägt, während der böse, hässliche Drache verdächtig den damaligen, verhassten politischen Gegnern und Oppositionellen des Kaisers ähnelt. Genau diese Art der subtilen, in Stein gemeißelten architektonischen Staatspropaganda war absolut typisch für die Ära des Zweiten Französischen Kaiserreichs.
Selbst die extrem komplexen, dunklen Dachlandschaften von Pierrefonds sind für sich genommen bereits ein absolutes, unübertroffenes Kunstwerk. Die unglaublich filigranen, feinen Verzierungen aus Blei und schwerem Kupfer, einschließlich der aufwendigen Dachkämme (Firstkämme) und spitzen Kreuzblumen, wurden exklusiv in den berühmten Monduit-Werkstätten (welche interessanterweise wenig später auch maßgeblich an der Konstruktion der weltberühmten Freiheitsstatue für New York beteiligt waren) angefertigt. Diese oft vom Boden aus fast unsichtbaren, feinen Details demonstrieren noch heute eindrucksvoll das nahezu obsessive, perfektionistische Level an extremer Sorgfalt, das der Perfektionist Viollet-le-Duc in seine persönliche, absolut "ideale" Burg steckte.
Der Ball der Liegenden (Le Bal des Gisants) in der dunklen Krypta
Tief unten, versteckt in den feuchten, kühlen und dunklen Gewölbekellern der Festung, verbirgt sich für Besucher etwas völlig Unerwartetes und fast schon Unheimliches: Ein sogenannter "Ball der Liegenden" (Le Bal des Gisants). Hierbei handelt es sich um eine ständige, sehr moderne und extrem atmosphärische Ausstellung von perfekten Gipsabgüssen berühmter historischer Grabmäler (Gisants) französischer Könige aus der königlichen Basilika Saint-Denis in Paris. Doch anstatt diese weißen Figuren einfach nur brav und langweilig in ordentlichen, chronologischen Reihen nebeneinander aufzustellen, sind sie hier in einem extrem schwach und schaurig beleuchteten Raum kreuz und quer angeordnet. Unterlegt mit extrem unheimlichen, flüsternden Soundeffekten und einem gespenstischen, blauen Lichtspiel, wirkt es auf den Besucher fast so, als würden die toten, steinernen Monarchen leise und verschwörerisch alte, dunkle Geheimnisse miteinander austauschen. Diese Ausstellung verleiht dem ansonsten oft sehr hellen und farbenfrohen Besuch eine extrem köstliche, schaurig-schöne Ebene klassischer gotischer Gruseligkeit.
Das berühmte Schloss als Hollywood-Kulisse
Eben genau weil das Schloss Pierrefonds von außen derart makellos, perfekt und klischeehaft mittelalterlich aussieht, ist es seit vielen Jahrzehnten der absolute, bevorzugte und meistgebuchte Drehort für extrem viele große Fantasy-Serien, Fernsehfilme und teure Hollywood-Produktionen.
- Die BBC-Erfolgsserie Merlin: Die allermeisten jüngeren, modernen Fantasy-Fans erkennen das imposante Pierrefonds fast sofort als das legendäre, magische Camelot wieder. Nahezu absolut alle imposanten Außenaufnahmen, die rasanten Ritterschlachten und die meisten dramatischen Szenen im großen Innenhof für die extrem beliebte, britische BBC-Serie Merlin – Die neuen Abenteuer (mit den Darstellern Colin Morgan und Bradley James) wurden exakt hier vor Ort gedreht. Als Besucher können Sie buchstäblich auf genau denselben abgetretenen Steinstufen stehen, auf denen der fiktive König Arthur feierlich gekrönt wurde, oder auf jenen hohen Balkonen stehen, von denen der tyrannische König Uther Pendragon wütend auf sein Volk herabblickte.
- Der Mann in der eisernen Maske: Der große Hollywood-Blockbuster aus dem Jahr 1998 (mit einem jungen Leonardo DiCaprio in einer spektakulären Doppelrolle) nutzte die massiven, abweisenden Mauern der Burg intensiv als perfektes filmisches Double für das berüchtigte Pariser Gefängnis der Bastille sowie für andere, dunkle französische Festungen.
- Highlander - Die Serie: Auch extrem viele spannende, schottische Episoden der berühmten 90er-Jahre TV-Serie rund um den unsterblichen Duncan MacLeod nutzten die einzigartigen, düsteren und extrem atmosphärischen Innenräume des Schlosses als beeindruckende, historische Kulisse.
Wichtige Reisetipps und praktische Informationen für Besucher
Das majestätische Château de Pierrefonds befindet sich gut versteckt in den tiefen Wäldern, etwa 80 Kilometer in nordöstlicher Richtung von der Hauptstadt Paris entfernt.
- Ihre bequeme Anreise: Die Anlage ist mit absolutem Abstand am schnellsten, einfachsten und bequemsten mit dem eigenen Auto oder einem Mietwagen zu erreichen (die reine, direkte Fahrzeit vom Zentrum in Paris beträgt normalerweise etwa bequeme 1 Stunde und 15 Minuten). Wenn Sie zwingend auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind, können Sie alternativ mit dem Nahverkehrszug bis zur nahegelegenen, größeren Stadt Compiègne fahren und von dort aus einen lokalen Bus direkt in das Dorf nehmen. Seien Sie hierbei jedoch bitte gewarnt: Der Busfahrplan ist auf dem Land oft extrem unregelmäßig, besonders an den Wochenenden.
- Das idyllische Dorf Pierrefonds: Das kleine, charmante Dorf Pierrefonds selbst ist extrem malerisch, friedlich und ruhig. Es ist malerisch um einen kleinen, dunklen See zentriert, auf dem Sie in den heißen, drückenden Sommermonaten entspannt Tretboote (Pedalos) mieten können. Genau von diesem kleinen See aus bieten sich Ihnen die mit Abstand besten, absolut spektakulärsten und ungestörtesten Fotomotive des gewaltigen Schlosses, wie es sich fast magisch im dunklen, stillen Wasser spiegelt.
- Anstrengendes Treppensteigen ist zwingend erforderlich: Bereiten Sie sich mental und körperlich unbedingt auf sehr viele, sehr steile alte Treppen vor. Innerhalb der wehrhaften, alten Burgmauern gibt es absolut keine Aufzüge (Fahrstühle) für Besucher. Die spannende, ausführliche Erkundung der vielen hohen Wachtürme und tiefen Kerker erfordert daher unweigerlich einige sehr steile, körperlich durchaus anstrengende und schweißtreibende Aufstiege über ausgetretene Steinstufen.
- Der märchenhafte Wald von Compiègne (Forêt de Compiègne): Die gesamte, gigantische Burganlage ist komplett und extrem malerisch vom dichten Wald von Compiègne umgeben. Dieser Wald ist einer der flächenmäßig absolut größten, wildesten und landschaftlich mit Abstand schönsten und ältesten Wälder in ganz Nordfrankreich. Nach einer sehr ausführlichen, anstrengenden Burgbesichtigung ist er der absolut perfekte, ruhige und kühle Ort, um sich im Schatten der Bäume niederzulassen und ein entspanntes, traditionelles französisches Picknick mit frischem Baguette und gutem Käse zu genießen.