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Cité de Carcassonne

Cité de Carcassonne

📍 Carcassonne, Okzitanien, Frankreich 📅 Gebaut im Jahr 1. Jahrhundert (römisch), 13. Jahrhundert (mittelalterlich)

Der steinerne Riese des Languedoc

Die Cité de Carcassonne, die sich dramatisch über dem Fluss Aude in Südfrankreich erhebt, ist die archetypische mittelalterliche Festung. Mit ihrem doppelten Ring aus zackigen Festungsmauern, den 53 spitzkegeligen Türmen und ihren verwinkelten, kopfsteingepflasterten Gassen wirkt sie wie eine Szene direkt aus einem Märchenbuch. Tatsächlich wird oft gesagt, dass sie als Inspiration für das Schloss von Dornröschen diente. Es handelt sich hierbei nicht nur um eine einfache Burg, sondern um eine komplett befestigte Stadt – ein UNESCO-Weltkulturerbe, das jedes Jahr Millionen von Besuchern anzieht, die auf ihren Mauern wandeln und sich das Klirren von Schwertern sowie die politischen Intrigen des Mittelalters vorstellen.

Zweitausend Jahre Geschichte in Stein gemeißelt

Carcassonnes strategische Position auf der Route zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer machte sie über Jahrtausende hinweg zu einem überaus begehrten Besitz. Der Hügel wurde erstmals im 6. Jahrhundert v. Chr. von den Galliern befestigt, gefolgt von den Römern, welche im 3. Jahrhundert n. Chr. die ersten Ringmauern errichteten – von denen noch heute Abschnitte sichtbar sind, gut erkennbar an ihren charakteristischen Schichten aus roten Ziegelsteinen.

Nach den Römern übernahmen die Westgoten die Kontrolle und bauten die Verteidigungsanlagen weiter aus. Die prägendste Ära der Cité fand jedoch im 12. und 13. Jahrhundert unter der Herrschaft der Trencavel-Dynastie statt. In dieser Zeit entwickelte sich Carcassonne zu einer Hochburg der Katharer, einer religiösen Sekte, die von der katholischen Kirche als ketzerisch eingestuft wurde. Dies führte zum brutalen Albigenserkreuzzug. Im Jahr 1209 belagerte das von Simon de Montfort geführte Kreuzfahrerheer die Stadt. Nachdem die Wasserversorgung zusammengebrochen war, kapitulierte der Vicomte Trencavel, und die Stadt fiel in die Hände der französischen Krone.

König Ludwig IX. (bekannt als der Heilige Ludwig) und seine Nachfolger verwandelten Carcassonne daraufhin in eine geradezu uneinnehmbare Grenzfestung gegen das Königreich Aragón (im heutigen Spanien). Sie errichteten den zweiten, äußeren Mauerring und eine massive Barbakane. Die Stadt wurde dadurch so sicher, dass selbst der „Schwarze Prinz“, Eduard von Woodstock aus England, während des Hundertjährigen Krieges bei dem Versuch scheiterte, sie einzunehmen. Zudem beherbergte die Festung lange Zeit die regionale Inquisition; ein spezieller Turm – passenderweise der Turm der Inquisition genannt – dient noch heute als düstere Erinnerung an die religiöse Verfolgung, die einst durch das Languedoc fegte.

Die Legende der Dame Carcas

Eine der beliebtesten Geschichten, die sich um die Stadt ranken, ist die faszinierende Legende der Dame Carcas, einer sarazenischen Prinzessin, welche die Stadt nach dem Tod ihres Mannes während einer Belagerung durch Karl den Großen regierte. Als sich die Belagerung bereits fünf quälende Jahre hinzog, schrumpften die Lebensmittelvorräte der Stadt auf ein einziges Schwein und einen Sack Weizen. In einem brillanten Bluff zwangsernährte Dame Carcas das Schwein mit dem letzten Weizen und warf es über die hohen Mauern. Als das Tier beim Aufprall auf dem Boden aufplatzte und einen Magen voller kostbarem Getreide entblößte, glaubten die Truppen Karls des Großen, die Stadt sei noch so gut versorgt, dass sie sich erlauben könne, Nahrungsmittel zu verschwenden. An einem baldigen Sieg verzweifelnd, hoben sie die Belagerung auf und zogen sich zurück.

Als die Armee abmarschierte, ließ Dame Carcas zur Feier des Tages alle Glocken der Stadt läuten. Einer von Karls Männern soll daraufhin ausgerufen haben: „Carcas sonne!“ (Carcas läutet), was der Stadt schließlich ihren Namen gab. Eine Statue der listigen Dame Carcas begrüßt die Besucher noch heute am Narbonner Tor.

Viollet-le-Duc und die große Restauration

Im 19. Jahrhundert hatte die Cité ihre militärische Bedeutung vollends verloren. Die Grenze zu Spanien hatte sich weiter nach Süden verschoben, und die einst so mächtige Festung war verlassen und dem Verfall preisgegeben. Die Steine wurden rücksichtslos geplündert und für lokale Bauprojekte verwendet; die französische Regierung ordnete sogar 1849 ihren offiziellen Abriss an. Ein öffentlicher Aufschrei, angeführt vom Historiker Jean-Pierre Cros-Mayrevieille und dem bekannten Schriftsteller Prosper Mérimée, konnte sie jedoch in letzter Sekunde retten.

Die anschließende Restauration wurde dem ehrgeizigen Architekten Eugène Viollet-le-Duc anvertraut. Seine Arbeit war sowohl monumental als auch stark umstritten. Er baute die eingefallenen Türme und Mauern wieder auf und fügte die heute so ikonischen, mit Schiefer gedeckten Dächer hinzu. Puristen argumentierten vehement, dass Schiefer typisch für Nordfrankreich sei und dass die ursprünglichen Dächer flache, Terrakotta-Ziegel aufgewiesen hätten, wie es für den Süden typisch ist. Trotz dieser historischen Freiheiten rettete Viollet-le-Ducs klare Vision Carcassonne vor dem Untergang und definierte maßgeblich unser modernes romantisches Bild des Mittelalters.

Die Cité erkunden

Die Cité ist in die eigentliche Stadt (kostenlos zugänglich) und das Château Comtal (die Burg des Grafen) unterteilt, für das man eine Eintrittskarte benötigt. Das Château ist eine Festung in der Festung, komplett umgeben von einem trockenen Graben. Ein Ticket ermöglicht auch den Zugang zu den imposanten Festungsmauern. Ein Spaziergang auf den Zinnen bietet weitreichende Ausblicke auf die Ville Basse (die Unterstadt), die Gebirgsketten der Pyrenäen in der Ferne und die sanften, endlosen Weinberge des Languedoc.

Zwischen den beiden Ringmauern liegt ein unbebauter Landstreifen, der als Les Lices bekannt ist. In mittelalterlichen Zeiten fungierte dieser als Todeszone für Angreifer, die die erste Mauer durchbrochen hatten; heute ist es eine friedliche Rasenfläche, die sich perfekt für einen ruhigen Spaziergang abseits des Trubels im belebten Zentrum eignet. An einigen Türmen können Sie die sogenannten Hurden (hourds) sehen – hölzerne Vorbauten, die von den Mauern abstanden und es den Verteidigern ermöglichten, Steine oder kochende Flüssigkeiten auf die Feinde am Fuß der Mauer fallen zu lassen.

Ein weiteres absolutes Highlight ist die Basilika St-Nazaire-et-St-Celse. Sie ist ein atemberaubender architektonischer Hybrid aus einem robusten romanischen Kirchenschiff und einem himmelwärts strebenden gotischen Chor. Ihre prächtigen Buntglasfenster zählen zu den feinsten und wertvollsten in ganz Südfrankreich und stellen detailreiche Szenen aus der Bibel in satten Farben dar, die Jahrhunderte überdauert haben.

Ein Star der Leinwand

Dank ihres perfekten Erhaltungszustands diente Carcassonne als spektakuläre Kulisse für zahlreiche Filme. Am berühmtesten ist wohl ihre Rolle als Nottingham Castle im Blockbuster Robin Hood: König der Diebe (1991). Die Stadt genießt heute ein lebhaftes kulturelles Leben und ist jeden Sommer Gastgeber des renommierten Festival de Carcassonne, bei dem Konzerte und Theateraufführungen im antiken Open-Air-Theater Jean-Deschamps innerhalb der ehrwürdigen Stadtmauern stattfinden.

Besucherinformationen und Tipps

Carcassonne besucht man am besten in den Nebensaisons (Frühling oder Herbst), um die intensiven Touristenmassen des Sommers zu vermeiden. Wenn Sie im Sommer kommen, sollten Sie am frühen Morgen oder späten Abend planen. Die Cité ist besonders nachts, wenn die historischen Steinmauern effektvoll beleuchtet sind und die Tagestouristen abgereist sind, wahrhaft magisch.

Während Sie sich innerhalb der alten Mauern befinden, sollten Sie unbedingt die lokale kulinarische Spezialität probieren: Cassoulet – ein herzhafter, langsam gekochter Eintopf, der in der Regel Schweinswürste, Gans oder Ente sowie weiße Bohnen enthält. Es ist die perfekte, wärmende Stärkung für einen Tag voller Entdeckungen auf den Festungswällen.