Die mächtige Festung der Wasa-Dynastie
Malerisch und majestätisch erhebt sich Schloss Gripsholm (Gripsholms slott) direkt aus dem ruhigen, dunklen Wasser des Mälarensees. Gelegen in dem überaus charmanten, kleinen schwedischen Städtchen Mariefred, gilt dieses Bauwerk unbestritten als eines der ikonischsten und historisch bedeutendsten königlichen Monumente in ganz Schweden. Mit seinen massiven, kreisrunden Ziegelsteintürmen und der markanten, leuchtend roten Fassade präsentiert es sich als ein absolutes architektonisches Musterbeispiel für den sogenannten Wasa-Renaissancestil. Das Schloss wurde im Jahr 1537 von niemand Geringerem als König Gustav Wasa, dem legendären Gründervater der modernen schwedischen Nation, in Auftrag gegeben und erbaut. Ursprünglich war die gewaltige Anlage primär als unverzichtbarer Teil eines weitreichenden, strategischen Verteidigungsnetzwerks konzipiert, das die aufstrebende Hauptstadt Stockholm sowohl vor gefährlichen inländischen Rebellen als auch vor feindlichen ausländischen Mächten schützen sollte. Doch sehr schnell wandelte sich der rein militärische Zweck, und Gripsholm entwickelte sich zu einer der am meisten bevorzugten und geliebten königlichen Residenzen – eine überaus repräsentative Rolle, die das Schloss nunmehr seit fast fünf langen Jahrhunderten ununterbrochen ausfüllt.
Das heutige Renaissance-Schloss wurde exakt auf dem historischen Gelände einer wesentlich älteren, mittelalterlichen Festung errichtet, die sich einst im Besitz des mächtigen schwedischen Adeligen Bo Jonsson Grip befand (daher leitet sich auch der heutige Name 'Gripsholm' ab, was wörtlich übersetzt schlichtweg 'Grips Insel' bedeutet). König Gustav Wasa konfiszierte dieses strategisch wertvolle Stück Land während der weitreichenden Umwälzungen der Reformation und scheute sich nicht, die massiven Steine aus dem nahegelegenen, aufgelösten Kloster Pax Mariae (Mariefred) pragmatisch wiederzuverwenden, um seine eigene, völlig neue Festung zu errichten. Das atemberaubende Resultat war eine enorm furchteinflößende, aber gleichzeitig auch sehr elegante Struktur, die die gewaltige, neu gewonnene Macht der jungen Wasa-Dynastie für alle sichtbar symbolisierte. Die extrem dicken Festungsmauern (die an einigen Stellen unglaubliche 3 Meter mächtig sind) wurden dabei ganz speziell dafür konstruiert, dem schweren Artillerie- und Kanonenfeuer standzuhalten – einer für die damalige Zeit völlig neuen und überaus bedrohlichen militärischen Gefahr des 16. Jahrhunderts.
Ein goldener Käfig: Ein Gefängnis für Könige
Während Schloss Gripsholm nach außen hin vor allem gebaut wurde, um uneingeschränkte königliche Macht und militärische Stärke zu projizieren, diente es nach innen hin tragischerweise oftmals auch als ein goldener Käfig für Mitglieder der königlichen Familie selbst. Das Schloss blickt auf eine sehr dunkle und melancholische Geschichte als bestens bewachtes Gefängnis für gleich mehrere abgesetzte schwedische Monarchen zurück. König Erik XIV., der älteste Sohn von Gustav Wasa, wurde hier auf Geheiß seines eigenen, ehrgeizigen Bruders, des späteren Königs Johann III., von 1563 bis 1567 gefangen gehalten. Zwar war er in relativ komfortablen, herrschaftlichen Gemächern untergebracht, doch die persönliche, öffentliche Demütigung durch den vollständigen Machtverlust war absolut. Viele Jahrhunderte später, im Jahr 1809, ereilte König Gustav IV. Adolf fast exakt dasselbe traurige Schicksal: Nach einem erfolgreichen militärischen Staatsstreich wurde auch er als Gefangener nach Gripsholm gebracht, bevor man ihn schließlich zur offiziellen Abdankung zwang und für immer ins Exil verbannte. Heutige Besucher können noch immer genau jene historischen Kammern besichtigen, in denen diese gestürzten Könige einsam schmachteten und über ihre unwiederbringlich verlorenen Kronen nachgrübelten. Eine sehr hartnäckige und traurige Legende besagt, dass sich Gustav IV. Adolf in seiner Gefangenschaft die schier endlos scheinende Zeit oft und ausgiebig mit dem Klavierspielen vertrieb; es heißt, dass die melancholischen Töne seines Spiels noch heute leise durch die kalten Steinkorridore hallen – eine geradezu gespenstische, musikalische Erinnerung an den endgültigen, dramatischen Fall der absoluten Monarchie in Schweden.
Die Schwedische Nationale Porträtgalerie
Heute ist Schloss Gripsholm international jedoch wohl am allerbesten dafür bekannt, dass es die weltberühmte Schwedische Nationale Porträtgalerie (Statens porträttsamling) unter seinem Dach beherbergt. Diese historisch immens wichtige Sammlung wurde bereits im Jahr 1822 von König Karl XIV. Johann offiziell gegründet und gilt damit stolz als die absolut älteste nationale Porträtgalerie der gesamten Welt. Die extrem umfangreiche Sammlung umfasst mittlerweile weit über 5.000 einzelne, hochkarätige Werke und chronologisiert visuell die gesamte, bewegte Geschichte Schwedens vom frühen 16. Jahrhundert bis direkt in unsere heutige, moderne Zeit. Sie beinhaltet eine atemberaubende Vielfalt an Porträts von schwedischen Königen, Königinnen, brillanten Wissenschaftlern, berühmten Schriftstellern und modernen Prominenten.
Doch diese Sammlung ist keineswegs nur ein verstaubtes, abgeschlossenes historisches Archiv; sie ist vielmehr eine äußerst lebendige und stetig wachsende kulturelle Institution. Jedes Jahr gibt die sogenannte Gripsholm-Vereinigung hochoffiziell ein neues 'Ehrenporträt' (Honorary Portrait) eines besonders verdienten, noch lebenden Schweden bei einem anerkannten Künstler in Auftrag. Durch diese wunderbare Tradition wird sichergestellt, dass die Galerie stets hochaktuell und gesellschaftlich relevant bleibt. Zu den bemerkenswertesten, jüngeren Ergänzungen der Sammlung gehören unter anderem Porträts von Benny Andersson (dem genialen Musiker der Welterfolgsband ABBA), dem international hochangesehenen Diplomaten Hans Blix sowie dem tragisch ermordeten, ehemaligen schwedischen Premierminister Olof Palme. Ein ausführlicher Spaziergang durch diese langen, bildergeschmückten Säle gleicht geradezu dem Blättern in einem opulenten 'Who-is-Who' der schwedischen Historie, bei dem man die sich stetig wandelnden Modetrends, gesellschaftlichen Strömungen und die Entwicklung der unterschiedlichen künstlerischen Stile über einen Zeitraum von gut 500 Jahren wunderbar beobachten kann.
Das historische Schlosstheater im runden Turm
Eine der mit Abstand reizvollsten und unerwartetsten Überraschungen des gesamten Schlosses verbirgt sich völlig unsichtbar im massiven Inneren eines der riesigen, runden Ziegelsteintürme. Es handelt sich dabei um das wunderschöne, intim gestaltete Schlosstheater (Palace Theatre), das im Jahr 1781 von König Gustav III. (der in die Geschichte auch als der 'Theaterkönig' einging) persönlich in Auftrag gegeben wurde. Es gilt heute als eines der europaweit am besten und vollständigsten erhaltenen Theater aus dem 18. Jahrhundert. Die kleine, intime Bühne, die noch heute über ihre originalen historischen Kulissen und die dazugehörige, voll funktionsfähige mechanische Bühnenmaschinerie verfügt, diente einst ausschließlich dem privaten, exklusiven Vergnügen des königlichen Hofes. König Gustav III. selbst liebte die Schauspielerei abgöttisch und nahm extrem oft persönlich als Darsteller an den aufgeführten Stücken teil, wodurch er die strengen, gesellschaftlichen Grenzen zwischen dem unantastbaren Monarchen und dem einfachen Darsteller auf der Bühne auf faszinierende Weise verschwimmen ließ. Das kleine Theater ist ein absolutes architektonisches Juwel im eleganten neoklassizistischen Stil und bildet dadurch einen extrem scharfen, faszinierenden Kontrast zu der ansonsten sehr schweren, wuchtigen Renaissance-Architektur des äußeren Schlosses. Es lag für viele Jahrzehnte fast völlig vergessen im Dornröschenschlaf, bis es im 20. Jahrhundert glücklicherweise wiederentdeckt und extrem behutsam restauriert wurde. Die fantastischen originalen Bühnenbilder, die meisterhaft bemalt wurden, um täuschend echte Paläste und dichte Wälder darzustellen, befinden sich noch heute exakt an ihrem ursprünglichen Platz.
Der (schlecht) ausgestopfte Löwe von Gripsholm
Kein Besuch auf Schloss Gripsholm ist jemals wirklich vollständig, ohne einen amüsierten Blick auf seine skurrilste und bizarrste Berühmtheit geworfen zu haben: den Löwen von Gripsholm. Im Jahr 1731 überreichte der regierende Dey von Algier dem damaligen schwedischen König Friedrich I. als überaus exotisches, diplomatisches Geschenk einen echten, lebenden Löwen (es war einer der allerersten lebenden Löwen überhaupt, der den Weg nach Skandinavien fand). Dieser Löwe lebte sein restliches Leben lang als absolute Sensation in einem großen Käfig in der Nähe des Königlichen Palastes in Stockholm. Nach seinem natürlichen Tod befahl der König jedoch unverzüglich, das wertvolle Fell und die abgenagten Knochen des Tieres an einen professionellen Präparator (Taxidermisten) zu senden, um das seltene Tier für die Nachwelt ausstopfen zu lassen.
Das riesige, unvermeidliche Problem bei diesem Unterfangen war jedoch, dass besagter Präparator in seinem gesamten Leben noch nie zuvor einen lebenden Löwen mit eigenen Augen gesehen hatte. Er musste sich also ausschließlich auf das gelieferte, schlaffe Fell und die losen Knochen verlassen. Er gab sich zweifellos redlich Mühe, doch das finale Resultat ist schlichtweg... absolut einzigartig. Der ausgestopfte Löwe besitzt ein merkwürdiges, fast schon erschreckend menschenähnliches Gesicht mit viel zu eng beieinander stehenden Augen und einem geradezu albernen, unfreiwillig komischen Grinsen mit heraushängender, roter Zunge. Er erinnert heute optisch weitaus mehr an eine tollpatschige Cartoon-Figur als an ein furchteinflößendes, majestätisches afrikanisches Raubtier. Jahrhundertelang wurde dieses misslungene Präparat eher beschämt in den dunklen Lagerräumen des Schlosses versteckt, doch im Zeitalter des modernen Internets gingen aktuelle Fotos des "schlecht ausgestopften Löwen" (badly stuffed lion) rasend schnell weltweit viral. Heute wird er von den Kuratoren wieder mit einem gewissen Augenzwinkern äußerst stolz als ein sehr geliebtes (wenn auch völlig unbeabsichtigtes) Meisterwerk der reinen Komödie in den Räumen ausgestellt.
Die Gemächer von Herzog Karl (Duke Karl's Chamber)
Um einen wirklich authentischen, unverfälschten Einblick in das luxuriöse königliche Leben des 16. Jahrhunderts zu erhalten, sollten Besucher unbedingt die sogenannten Gemächer von Herzog Karl besichtigen. Es handelt sich hierbei um einen der extrem wenigen Räume im gesamten Schloss, der sein absolut originales historisches Interieur aus der frühen Wasa-Ära bis heute fast völlig intakt bewahrt hat. Die Wände sind vollständig mit unglaublich komplexen, fein geschnitzten Holzvertäfelungen bedeckt, die von farbenprächtig bemalten Friesen gekrönt werden, welche detailliert üppige Blumen und exotische Früchte darstellen. Ein besonders spannendes, historisches Detail dieses Raumes ist eine absolut geheime, extrem gut verborgene Geheimtür in der Vertäfelung, die direkt und unauffällig hinab zum Burggraben führt – ein äußerst praktischer und potenziell lebensrettender Fluchtweg für einen Prinzen, der offensichtlich zu ausgeprägter politischer Paranoia neigte. Dieser Raum vermittelt dem Besucher ein extrem seltenes, lebhaftes Gefühl für die unglaubliche Farbigkeit und die pulsierende Lebendigkeit eines echten Renaissance-Hofes, welcher in der modernen Vorstellung leider oftmals fälschlicherweise nur als dunkel, kalt und extrem streng imaginiert wird.
Die uralten Gripsholm-Runensteine
Die weitreichende Geschichte des Ortes bei Gripsholm reicht zeitlich sogar noch sehr weit vor die eigentliche Gründung der mittelalterlichen Festung zurück. Direkt außerhalb des heutigen Haupteingangs des Schlosses stehen zwei überaus beeindruckende, antike Runensteine, die interessanterweise erst im 20. Jahrhundert während tieferer Erdarbeiten und Renovierungen völlig überraschend entdeckt wurden. Sie datieren historisch sicher zurück in die wilde Wikingerzeit (genauer gesagt in das 11. Jahrhundert) und gedenken in Stein gemeißelt der berüchtigten 'Ingvar-Expedition' – einer äußerst desaströsen und verlustreichen Wikingerreise, die bis hinab zum Kaspischen Meer führte. Die kryptischen, alten Inschriften erzählen eine zutiefst tragische und blutige Geschichte von mutigen Kriegern, die 'wie echte Männer weit fort fuhren auf der Suche nach Gold', jedoch alle kläglich im fernen Osten den Tod fanden. Diese massiven Steine dienen heute als eine extrem kraftvolle, physische Erinnerung an die unglaublich tiefen, historischen Wurzeln genau dieses Ortes und verbinden die eleganten Renaissance-Könige der Wasa-Dynastie symbolisch direkt mit ihren wilden, seefahrenden Wikinger-Vorfahren.
Wichtige Besucherinformationen und Tipps
Schloss Gripsholm ist für die interessierte Öffentlichkeit während der beliebten Sommersaison (etwa von Mai bis einschließlich September) täglich zur Besichtigung geöffnet, in den ruhigeren Wintermonaten hingegen in der Regel nur an den Wochenenden. Das Schloss befindet sich in Mariefred, einer überaus malerischen, typisch schwedischen Kleinstadt mit vielen bunten Holzhäusern und alten Kopfsteinpflasterstraßen, die etwa eine Autostunde westlich der Hauptstadt Stockholm liegt. Eine extrem beliebte, romantische und sehr empfehlenswerte Art der Anreise im Sommer ist die Fahrt mit dem historischen, kohlebefeuerten Dampfschiff S/S Mariefred, welches genau diese nostalgische Route von Stockholm aus bereits ununterbrochen seit dem Jahr 1903 befährt. Diese wunderschöne, gemächliche Reise führt Sie auf dem Wasserweg direkt durch den bezaubernden, inselreichen Schärengarten des riesigen Mälarensees. Im sogenannten königlichen Hirschpark (dem Hjorthagen), der sich direkt neben dem Schlossgelände erstreckt, können Besucher zudem entspannt durch die Natur spazieren und dabei große Herden von völlig frei lebendem Damwild beobachten, was dem ohnehin schon perfekten historischen Ausflug noch einen wunderschönen, friedlichen Hauch von lebendiger Natur verleiht.