Die älteste und größte bewohnte Burg der Welt
Kein anderes Schloss der Welt ist so untrennbar mit dem Konzept der Monarchie verbunden wie Windsor Castle. Seit über 900 Jahren ist es kontinuierlich bewohnt, seit fast ebenso langer Zeit ist es der Lieblingssitz der britischen Könige und Königinnen – und heute ist es das am häufigsten besuchte königliche Schloss Europas. Die Zahlen allein sagen schon viel: 1,3 Kilometer Mauern, über 1 000 Räume, eine Geschichte, die mit Wilhelm dem Eroberer beginnt und bis zur heutigen König Charles III. reicht.
Windsor Castle liegt auf einem Kreidehügel über dem Fluss Themse, in der Grafschaft Berkshire, westlich von London. Von der Terrasse aus hat man einen Blick, der sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat: das sanfte Tal des Windsorbaches, der Große Park mit seinen alten Eichen, der silberne Schimmer der Themse in der Ferne. Dies ist eine englische Landschaft, die Generationen von Monarchen inspiriert, erholt und getröstet hat.
Wilhelm der Eroberer: Anfang einer Dynastiegeschichte
Die Geschichte von Windsor Castle beginnt kurz nach der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066. König Wilhelm I. der Eroberer erkannte den strategischen Wert des Kreidehügels über der Themse und ließ dort um 1070 eine erste hölzerne Motte-und-Bailey-Burg errichten. Diese frühe Befestigung war noch weit entfernt von dem, was Windsor heute ist – aber sie markierte den Beginn einer ununterbrochenen königlichen Präsenz an diesem Ort.
Im 12. Jahrhundert ließ König Heinrich II. die hölzerne Burg durch massive Steinbauten ersetzen. Der runde Bergfried – der berühmte Round Tower – stammt in seinem Kern aus dieser Zeit, auch wenn er später mehrfach erhöht und verändert wurde. Unter Heinrich II. begann Windsor seine Doppelrolle zu entwickeln: als militärische Festung einerseits und als königliche Residenz andererseits.
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte bauten nahezu alle englischen Monarchen an Windsor. Jeder hinterließ seine Handschrift: Eduard III. gründete hier 1348 den Orden vom Hosenbandorden (Order of the Garter), den prestigereichsten Ritterorden Englands. Heinrich VIII. ließ neue Staatsgemächer errichten. Elisabeth I. verbrachte hier lange Sommeraufenthalte. Und König Georg III. machte Windsor endgültig zur bevorzugten Hauptresidenz der britischen Krone.
Die Staatsgemächer: Königliche Pracht auf höchstem Niveau
Die Staatsgemächer (State Apartments) von Windsor sind das Herzstück des Schlosses für Besucher und zugleich einige der prächtigsten Innenräume in ganz Europa. Sie wurden in ihrer heutigen Form hauptsächlich von König Charles II. nach der Restauration der Monarchie im 17. Jahrhundert geschaffen, im Stil des zeitgenössischen französischen Barocks.
Der Waterloo-Saal wurde von König Georg IV. als Gedenkort für den Sieg über Napoleon errichtet. Riesige Porträts der Helden der Schlachten von Waterloo und Leipzig hängen an den Wänden – darunter natürlich der Herzog von Wellington. Noch heute findet hier einmal im Jahr das Waterloo-Dinner statt, ein Staatsbankett, bei dem die Mitglieder des Hosenbandordens zusammenkommen.
Die Van-Dyck-Porträtgalerie enthält eine der bedeutendsten Sammlungen von Gemälden des flämischen Meisters Anthony van Dyck, der als Hofmaler König Karls I. tätig war. Die Sammlung insgesamt – die Royal Collection – ist eine der größten und wertvollsten privaten Kunstsammlungen der Welt und umfasst Werke von Rembrandt, Rubens, Holbein, Canaletto und vielen anderen Großmeistern.
St.-Georgs-Kapelle: Ein gotisches Meisterwerk
Wenn Windsor Castle ein Herzstück hat, dann ist es die St.-Georgs-Kapelle, die im 15. Jahrhundert erbaut wurde und als eines der schönsten Beispiele englischer Spätgotik gilt. König Eduard IV. begann ihren Bau im Jahr 1475, und seine Nachfolger vollendeten ihn über die folgenden Jahrzehnte.
Die Kapelle ist der offizielle Sitz des Hosenbandordens – des ältesten und vornehmsten Ritterordens der Welt, gegründet von König Eduard III. im Jahr 1348. In den Chorstühlen hängen die Wappenschilder, Helme und Banner der aktuellen Ordensritter – eine lebendige heraldische Galerie, die die gesamte Geschichte des englischen Adels widerspiegelt.
Hier haben Generationen von britischen Monarchen ihre letzte Ruhestätte gefunden. Im Boden der Kapelle liegt König Heinrich VIII. begraben, an seiner Seite seine dritte Frau Jane Seymour. Auch König Georg VI., Vater der verstorbenen Königin Elizabeth II., wurde hier bestattet. Und im Jahr 2022 wurde Königin Elizabeth II. nach ihrem Tod in der Beisetzungskapelle von König Georg VI. zur Ruhe gebettet – in einem gläsernen Sarg, in demselben Raum, in dem ihre Eltern liegen.
Für Besucher ist die Kapelle auch bekannt als Ort royaler Hochzeiten. Prinz Harry und Meghan Markle heirateten hier im Mai 2018, und die Übertragung der Zeremonie wurde weltweit von Hunderten von Millionen Menschen verfolgt.
Der Große Park und die Langen Wege
Windsor Castle ist nicht nur das Schloss selbst – es ist auch der riesige Windsor Great Park, der sich über 2 000 Hektar südlich des Schlosses erstreckt. Dieser Park ist einer der ältesten königlichen Parks Großbritanniens und enthält einige der ältesten Eichen Englands, von denen manche auf das Mittelalter zurückgehen.
Das Herzstück des Parks ist die Lange Allee (Long Walk) – eine dreimeilen lange, schnurgerade Allee, die vom Schloss bis zur Reiterstatue von König Georg III. (dem sogenannten Copper Horse) auf dem Hügel führt. Diese Allee, 1680 von König Karl II. angepflanzt, ist einer der großartigsten Landschaftsräume Englands. Sie bietet den klassischen Blick auf das Schloss, der auf Millionen von Postkarten und Fotografien festgehalten wurde.
Windsor und die heutige Monarchie
Windsor Castle ist kein Museum – es ist ein lebendes, arbeitendes königliches Schloss. König Charles III. hält dort regelmäßige Audienztermine ab, empfängt Staatsgäste und verbringt viele Wochenenden. Die Wachablösung findet regelmäßig statt und zieht täglich Hunderte von Besuchern an.
Der Hausname der britischen Königsfamilie – Windsor – geht auf das Schloss zurück. Im Jahr 1917, als antikatholische Stimmungen in Großbritannien hochkochten und der alte Familienname Sachsen-Coburg und Gotha gefährlich deutsch klang, änderte König Georg V. den Dynastienamen in Windsor. Eine Entscheidung, die die untrennbare Verbindung zwischen dem Haus Windsor und diesem uralten Gemäuer für alle Zeit festschrieb.
Besucher-Informationen
- Anreise: Mit dem Zug von London Waterloo oder London Paddington nach Windsor in ca. 30–40 Minuten. Der Schlosseingang ist vom Bahnhof Windsor & Eton Central nur wenige Schritte entfernt.
- Öffnungszeiten: Windsor Castle ist fast das ganze Jahr über geöffnet. An offiziellen Staatsfeiertagen und zu besonderen Zeremonien kann es kurzfristig schließen – eine aktuelle Prüfung der Website der Royal Collection Trust ist empfehlenswert.
- Was zu sehen ist: Staatsgemächer, St.-Georgs-Kapelle, Semper Augustus Drawings Room, Queen Mary's Dolls' House (ein erstaunlich detailliertes Miniaturschloss im Maßstab 1:12) und der Große Hof.
- Wachablösung: Die Changing of the Guard Zeremonie findet (je nach Jahreszeit) täglich oder an bestimmten Wochentagen statt. Zeiten vorab prüfen.
- Kombination: Windsor lässt sich ideal mit einem Besuch in Eton verbinden, der berühmten Elite-Internatsschule direkt über die Brücke. Auch Blenheim Palace (ca. 45 Minuten mit dem Auto) ist ein hervorragender Tagesausflug.
Das Ewige Schloss
Was Windsor Castle von allen anderen Schlössern der Welt unterscheidet, ist seine Kontinuität. Fast jeder britische Monarch der letzten 900 Jahre hat hier gelebt, regiert, gefeiert und getrauert. In den Mauern dieses Schlosses liegt mehr lebendige Geschichte als in jedem Museum der Welt. Windsor Castle ist kein Fossil – es ist ein lebender Organismus, der Geschichte atmet und sie weiter schreibt, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Monarch für Monarch.