Der Wächter auf dem Felsen
Es gibt weltweit nur sehr wenige Burgen, die mit einer derart dramatischen, fast schon unwirklichen Lage aufwarten können wie Harlech Castle. Majestätisch und scheinbar völlig unbezwingbar thront die Anlage auf einem extrem steilen, felsigen Abhang, gute 60 Meter (200 Fuß) hoch über den weiten Sanddünen und der tosenden Irischen See, während sich im direkten Hintergrund die schroffen, dunklen Gipfel des Snowdonia-Nationalparks dramatisch in den Himmel erheben. Genau diese außergewöhnliche, natürliche Festungsposition wurde im späten 13. Jahrhundert von dem englischen König Eduard I. als der absolut perfekte, strategische Standort für eine seiner gefürchteten "Eisernen Ring"-Burgen identifiziert. Der einzige Zweck dieses Burgenrings war es, die stetig rebellierenden, aufmüpfigen walisischen Fürsten endgültig militärisch zu unterwerfen und das Land zu kontrollieren. Erbaut in einer für damalige Verhältnisse rekordverdächtigen Zeit zwischen 1283 und 1295, ist Harlech heute ein unbestrittenes, absolutes Meisterwerk der mittelalterlichen Militäringenieurskunst. Der Architekt verstand es meisterhaft, die ohnehin schon extrem wehrhafte, natürliche Felslandschaft so geschickt in das Bauwerk zu integrieren, dass eine nahezu unangreifbare, perfekte Festung entstand.
Das Design: Tödliche Schönheit und absolute Brutalität
Ähnlich wie seine berühmte Schwesterburg Beaumaris weiter nördlich, wurde auch Harlech von dem genialen, legendären savoyischen Architekten Meister James of St. George entworfen. Die Burg folgt architektonisch einem streng konzentrischen (ringförmigen) Bauplan: Sie verfügt über eine niedrigere, aber massive äußere Verteidigungsmauer, die wiederum eine noch wesentlich höhere, extrem dicke innere Ringmauer komplett umschließt. Der Grundriss der Kernburg ist nahezu quadratisch, wobei jede der vier Ecken von einem enorm kraftvollen, wuchtigen Rundturm dominiert wird. Zur stark gefährdeten Landseite hin präsentiert das Bauwerk sein absolutes, furchteinflößendes Herzstück: das gigantische, schwer bewaffnete Torhaus (Gatehouse). Dieses Torhaus stellte den mit Abstand stärksten Punkt der gesamten Anlage dar; es wurde ganz bewusst als eine völlig autarke, in sich geschlossene Festung innerhalb der Festung konzipiert, ausgestattet mit einer komplett eigenen, unabhängigen Wasserversorgung und luxuriösen Wohnquartieren. So war die Besatzung in der Lage, sich dort weiterhin erfolgreich zu verschanzen und Widerstand zu leisten, selbst wenn der gesamte restliche Teil der Burg bereits in die Hände des Feindes gefallen wäre.
Eines der absolut einzigartigsten und faszinierendsten architektonischen Merkmale von Harlech ist der sogenannte 'Weg vom Meer' (Way from the Sea). Im 13. Jahrhundert reichte die Meeresbrandung noch direkt bis an den rauen Fuß der Klippen heran (die Küstenlinie hat sich im Laufe der Jahrhunderte durch Versandung deutlich weiter zurückgezogen). Um absolut sicherzustellen, dass die isolierte Burg selbst während der längsten und härtesten landseitigen Belagerung jederzeit problemlos über das Meer mit Nahrung und Truppen versorgt werden konnte, wurde eine stark befestigte, steile Treppe mit exakt 108 Stufen direkt in die steile Felswand gehauen. Diese Treppe wurde zusätzlich durch hohe Mauern und eigene kleine Türme geschützt und führte hinab zu einem speziellen, gesicherten Wassertor, an dem Versorgungsschiffe sicher anlegen konnten. Genau diese maritime, steinerne Nabelschnur rettete der hungernden englischen Garnison im Laufe der Geschichte bei mehreren Gelegenheiten buchstäblich das Leben.
Die große Rebellion von Owain Glyndŵr
Die gesamte, blutige Geschichte von Harlech Castle wird maßgeblich durch lange, verlustreiche Belagerungen definiert. Die mit Abstand berühmteste und folgenreichste dieser Belagerungen ereignete sich während des großen walisischen Nationalaufstands, der im Jahr 1404 von dem legendären Rebellenführer Owain Glyndŵr angeführt wurde. Nach einer extrem langen und zermürbenden Blockade musste die völlig ausgehungerte, verzweifelte englische Garnison schließlich kapitulieren, und Harlech wurde daraufhin stolz zu Glyndŵrs offiziellem militärischem und politischem Hauptquartier auserkoren. Für fünf kurze, aber glorreiche Jahre fungierte die Burg tatsächlich als die pulsierende Hauptstadt eines völlig unabhängigen, freien Wales. Glyndŵr hielt genau hier innerhalb dieser dicken Mauern sein eigenes, walisisches Parlament ab und schmiedete sogar ambitionierte Pläne zur Gründung von zwei eigenen, nationalen Universitäten. Es war auch genau dieser Ort, an dem er in Anwesenheit hochrangiger, diplomatischer Gesandter aus Frankreich, Schottland und Kastilien feierlich zum Prinzen von Wales (Prince of Wales) gekrönt wurde. Dieser große walisische Traum fand jedoch im Jahr 1409 ein jähes und brutales Ende, als der zukünftige englische König Heinrich V. (damals noch als Prinz Hal bekannt) die Festung nach einem extrem heftigen, pausenlosen Bombardement mit schwersten, modernen Belagerungskanonen blutig zurückeroberte. Der Fall von Harlech markierte gleichzeitig das effektive, endgültige Ende des großen walisischen Aufstands, und Glyndŵr selbst wurde zu einem gejagten, heimatlosen Flüchtigen. Seine Ehefrau und seine Töchter wurden bei der Eroberung in Harlech gefangen genommen, als politische Gefangene direkt in den Tower of London verschleppt und danach vom walisischen Volk nie wieder gesehen.
Die wahren Männer von Harlech (Men of Harlech)
Doch die militärische Karriere der stolzen Burg war damit noch lange nicht beendet. Während der blutigen, innerenglischen Rosenkriege (Wars of the Roses) in den 1460er Jahren wurde Harlech von den Truppen des Hauses Lancaster unfassbare sieben Jahre lang verbissen gegen die anrückenden Truppen des Hauses York verteidigt – dies ging als die mit Abstand längste und ausdauerndste militärische Belagerung in die gesamte britische Geschichte ein. Der absolut sture, fast schon fanatische Widerstand der Verteidiger, die von dem walisischen Kommandanten Dafydd ap Ieuan entschlossen angeführt wurden, wurde schnell zur Legende. Als Dafydd von den feindlichen Yorkisten offiziell zur sofortigen Kapitulation aufgefordert wurde, antwortete er der Überlieferung nach berühmt und trotzig, dass er in seiner Jugend einst eine Burg in Frankreich so lange mutig gehalten habe, bis schließlich alle alten Frauen in Wales darüber sprachen; und er beabsichtige nun, diese walisische Burg hier genau so lange zu halten, bis auch absolut alle alten Frauen in Frankreich davon sprechen würden! Diese epische, jahrelange Belagerung inspirierte später das weltweit berühmte, militärische Marschlied 'Men of Harlech' (Rhyfelgyrch Gwŷr Harlech). Dieses mitreißende Lied gilt heute unbestritten als die inoffizielle, zweite Nationalhymne von Wales und erlangte nicht zuletzt durch den epischen britischen Historienfilm Zulu globale, cineastische Berühmtheit.
Das allerletzte Gefecht
Ein allerletztes Mal erlebte das alte Mauerwerk von Harlech während der Wirren des Englischen Bürgerkriegs (English Civil War) im 17. Jahrhundert scharfe Kampfhandlungen. Es war im Jahr 1647 tatsächlich die absolut letzte verbliebene, königstreue (royalistische) Festung in ganz Großbritannien, die sich den siegreichen Truppen des Parlaments ergeben musste, was das faktische Ende des blutigen Krieges markierte. Unmittelbar nach der erfolgreichen Einnahme ordnete das Parlament aus Angst vor erneuten Aufständen die sogenannte 'Schleifung' (die systematische, militärische Zerstörung) der Burg an, um sie für alle Zeiten militärisch völlig unbrauchbar zu machen. Dieser Befehl wurde glücklicherweise jedoch nur sehr oberflächlich und unvollständig ausgeführt, sodass die Burg zwar als dachlose Ruine zurückblieb, ihre massive architektonische Grundstruktur jedoch bis heute fast vollständig intakt blieb.
Ihr Besuch in Harlech Castle
Heute ist Harlech Castle eine offiziell anerkannte und geschützte UNESCO-Weltkulturerbestätte, die liebevoll von der walisischen Denkmalschutzbehörde Cadw verwaltet wird. Ein sehr modernes, architektonisch ansprechendes Besucherzentrum wurde kürzlich in unmittelbarer Nähe des alten Eingangs errichtet. Es ist auf faszinierende Weise durch eine scheinbar schwebende Brücke (Floating Bridge) direkt mit dem alten Torhaus der Burg verbunden, die den Besuchern heute einen extrem bequemen und barrierefreien Zugang direkt über den tiefen, ehemaligen Wassergraben ermöglicht. Die weiten, unverstellten Ausblicke von den extrem hohen Zinnen der Anlage gehören völlig unumstritten zu den absolut schönsten und spektakulärsten in ganz Wales: Sie erstrecken sich weit über die tiefblaue Tremadog Bay bis hinüber zur Halbinsel Llŷn und tief in das bergige Inland hinein, bis zum majestätischen Gipfel des Mount Snowdon.
Besucher können heute völlig frei die dunklen, kühlen Ecktürme erkunden, über die alten, steinernen Wehrgänge spazieren und natürlich auch den berühmten, in den Stein gehauenen 'Weg vom Meer' hinabsteigen (auch wenn dieser heute statt an einem wilden Strand lediglich friedlich in den angrenzenden Sanddünen endet). Die Burg entfaltet ganz besonders in den Abendstunden, kurz vor Sonnenuntergang, eine absolut magische, unvergleichliche Atmosphäre, wenn der alte graue Stein im letzten Licht plötzlich warm und golden zu leuchten beginnt und sich die scharfe, dunkle Silhouette der vier massiven Türme tiefschwarz gegen den oft dramatischen Himmel über der See abzeichnet. Sie bleibt ein extrem starkes, steinernes und ewiges Symbol sowohl für die einstige, erdrückende englische militärische Macht als auch für den absolut ungebrochenen, legendären walisischen Widerstandsgeist.
Die Mythen und die Legende von Branwen
Lange, bevor die massive, steinerne Burg des englischen Königs überhaupt erst errichtet wurde, war der markante, steile Felsen von Harlech bereits fest mit der uralten walisischen Mythologie verknüpft. Im berühmten Mabinogion, der absolut wichtigsten Sammlung von uralten, keltischen und walisischen Sagen und Legenden, wird der Felsen von Harlech als der prächtige, königliche Hof von Bendigeidfran (Bran dem Gesegneten) beschrieben, dem mythischen, riesenhaften König von Britannien. Von genau diesem hohen Felsen aus, so erzählt es die alte Sage, beobachtet der Riese, wie die Flotte der großen Schiffe des Königs von Irland langsam an der Küste eintrifft, um hochoffiziell um die Hand seiner wunderschönen Schwester, Prinzessin Branwen, anzuhalten. Die zutiefst tragische und blutige Geschichte, die auf diese schicksalhafte Begegnung folgt, ist bis heute eine der absolut fundamentalen Säulen der walisischen Mythologie und verleiht den alten, mittelalterlichen Steinen eine zusätzliche, spürbare Ebene von sehr alter, keltischer Mystik.